Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg 16.10.2015

Was Jugendliche über Sex denken

Myrian Carbajal, Marlene Barbosa, Annamaria Colombo, Sandra Modica (v.l.) und Jean-Luc Heeb (fehlt) untersuchen, wie Schweizer Jugendliche über ihre Sexualität denken.Bild Corinne Aeberhard
Ein Forschungsteam der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg untersucht die Vorstellungen der Jugendlichen über Sexualität. Das nationale Projekt legt den Schwerpunkt auf sexuellen Handlungen für eine Gegenleistung. Dieser Bereich ist noch kaum erforscht.

Die schönste Nebensache der Welt. So wird Sex immer wieder umschrieben. Doch sprechen Erwachsene über die Sexualität von Jugendlichen, gerät die schöne Seite in den Hintergrund. Wichtig werden die Gefahren, Risiken und die Ängste. «Das ist schade», sagt Annamaria Colombo, Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg. Würden Erwachsene die Sexualität Jugendlicher dramatisieren, riskierten sie, von den Jugendlichen nicht mehr ernst genommen zu werden.

Sicht der Jugendlichen

Ein Forschungsteam um Annamaria Colombo untersucht, wie die Jugendlichen selbst ihre Sexualität wahrnehmen, wie sie sie bewerten und welche Erfahrungen sie haben. Den Auslöser für die Untersuchung hat eine Studie der Oak-Stiftung (siehe Kasten unten) gegeben: Darin sorgten sich Fachleute aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich sowie aus dem Strafrecht über die sexuellen Handlungen einzelner Jugendlicher. Solche, die Sex für eine Gegenleistung anbieten: Sie wollen Geld dafür, Zigaretten, Kleider, ein Handy, Drogen oder sie erhoffen sich einen anderen Vorteil, zum Beispiel die Aufnahme in eine Clique.

«Wir wissen nicht, wie oft das vorkommt», sagt Colombo. Das Team hat deshalb einen Online-Fragebogen konzipiert, der sich an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren aus der ganzen Schweiz richtet. Dabei beantworten die Jugendlichen Fragen zu ihrer eigenen Sexualität, beispielsweise zur sexuellen Ausrichtung oder den bereits gemachten Erfahrungen. Dabei wird etwa gefragt, ob sie schon jemanden geküsst haben oder ob sie schon Sex hatten. Sie werden mit Aussagen konfrontiert, die sie bewerten sollen. So gibt es etwa die Aussage: «Eine Jugendliche/ein Jugendlicher sollte nicht einem anderen/einer anderen etwas für Sex anbieten» und die Jugendlichen können ankreuzen, ob sie damit einverstanden sind oder nicht.

In der anonymen Umfrage können die Jugendlichen angeben, ob sie bereit sind, in einem vertraulichen Gespräch über ihre Sexualität zu sprechen. Diese Gespräche bilden den zweiten Teil des Projektes. Dabei wird es spezifisch um sexuelle Handlungen für eine Gegenleistung gehen.

In einem dritten Teil wird die Forschungsgruppe mit Fachleuten, also zum Beispiel Sozialarbeitern oder Ärzten sprechen und sie nach ihren Erfahrungen befragen, aber auch, welche Unterstützung sie in dem Bereich benötigen.

 Das Projekt hat drei Ziele: «Wir wollen wissen, wie die Jugendlichen über sexuelle Handlungen denken und dabei im Speziellen, wie sie über sexuelle Handlungen für eine Gegenleistung denken», sagt Annamaria Colombo. Das zweite Ziel ist, herauszufinden, ob Jugendliche Sex für Gegenleistung haben, weshalb sie das tun, was sie tun, ob dies Risiken birgt und wenn ja, welche. Aufgrund dieser Erkenntnisse will das Forschungsteam Empfehlungen für Fachleute verfassen. «Das kann für Ärzte und Sozialarbeiter sein, genauso wie für Lehrpersonen», sagt Colombo. Wichtig sei, dass die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt in der Praxis angewandt werden können.

Diverse Daten erwünscht

Bis jetzt haben knapp 3000 Jugendliche den Fragebogen ausgefüllt (siehe Kasten oben).«Wir streben nicht Repräsentativität an, doch wir möchten eine grosse Diversität erreichen», sagt Colombo. Sie erhoffe sich, dass Jugendliche mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebensweisen den Fragebogen ausfüllen: «Lehrlinge, Studenten, Arbeitslose». Auch hofft sie, an den Gesprächen mit unterschiedlichen Jugendlichen sprechen zu können, hetero- und homosexuellen oder Jugendlichen, die am Rand der Gesellschaft leben. Die zum Beispiel Drogen konsumieren oder in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Solche Jugendliche seien mit der Umfrage kaum zu erreichen.

 Die Motive dafür, Sex für eine Gegenleistung anzubieten seien sicher sehr unterschiedlich, so Colombo. Es könne beispielsweise sein, weil Jugendliche heute stark im Jetzt leben. «Wenn sie etwas wollen, wollen sie es sofort.» Das könne dazu führen, dass sie Sex als Mittel verwendeten. «Aber erste Auswertungen zeigen, dass das nur eine sehr kleine Minderheit tut.»

Nicht viel verändert

 Und was ist mit den Vorurteilen der Erwachsenen? Aus ihrer früheren Forschung und der Literatur zeige sich, dass vieles gleich geblieben sei, sagt Colombo. «Heute experimentieren Jugendliche aber mehr. Auch in anderen Lebensbereichen wird ihnen gesagt, dass sie ihren eigenen Weg gehen sollen.» Eine Studie zeige, dass von den 17-Jährigen mindestens die Hälfte noch keine sexuellen Erfahrungen habe. «Und die allermeisten Jugendliche machen Liebe, weil sie Freude daran haben, weil sie verliebt sind.»

Projekt: Deutschschweizer Daten gesucht

D as fünfköpfige Forschungsteam der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg hat die Umfrage «Sex, Beziehungen ... und du?» im Juni lanciert. Bisher haben sie vor allem Jugendliche aus der Westschweiz und aus dem Tessin beantwortet, nun hofft das Forschungsteam noch auf Antworten aus der Deutschschweiz. Gemäss Dozentin Annamaria Colombo werden die Jugendlichen vor allem über die Medien auf das Projekt aufmerksam. «Über die Schulen ist es schwierig. In vielen Kantonen brauchen wir die Einwilligung des Kantons, und es ist ein heikles Thema.» Der Erfolg des Projektes hänge davon ab, dass auch viele Jugendliche aus der Deutschschweiz die Umfrage ausfüllten. Bis Ende Jahr läuft diese, anschliessend beginnt das Team, die Daten auszuwerten. Die Resultate sollen Ende 2016 vorliegen. mir

Zur Umfrage: www.sex-und-du.ch

Definition

Stiftung mit sozialem Schwerpunkt

Am Projekt «Sex, Beziehungen... und du» der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg arbeiten neben Annamaria Colombo die beiden Dozenten Myrian Carbajal und Jean-Luc Heeb sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Marlene Barbosa und Sandra Modica mit. Finanziert wird das Projekt von der Oak-Stiftung. Diese unterstützt und fördert Forschungsprojekte und Programme in verschiedensten sozialen Bereichen sowie im Umweltbereich. Die Stiftung hat ihren Hauptsitz in Genf, ist aber in acht anderen Ländern präsent.mir