Jaundeutsch 21.08.2014

Wörterbuch für eine besondere Sprache

Leo Buchs hat für die Vernissage seines Jaundeutschen Wörterbuches die Tracht angezogen.Bild Charles Ellena
Rund 700 Menschen sprechen Jaundeutsch. Einer davon ist Leo Buchs, der dem speziellen Dialekt ein Wörterbuch gewidmet hat. Sechs Jahre lang hat der 74-Jährige am Werk gearbeitet. Gestern hat im Cantorama in Jaun nun die Vernissage des 700-seitigen Bandes stattgefunden.

«An appartìgì Spraach»–ein besonderer Dialekt, das ist das Jaundeutsche: Es enthält für Nicht-Jauner etliche unverständliche Wörter wie «naare» (spielen) oder «Vürhuus» (Küche). Was den Dialekt aber noch viel stärker von anderen unterscheidet, sind die speziellen Laute. «Das Jaundeutsche kennt 23 verschiedene Vokale, also Selbstlaute, und eine Vielzahl an Diphthongen», sagte Leo Buchs, Verfasser des Jaundeutschen Wörterbuchs, an der gestrigen Vernissage in Jaun. Diphthonge sind aus zwei Vokalen gebildete Laute, wie sie das Jaundeutsch etwa in den Wörtern «Bruet» (Brot) oder «Schnia» (Schnee) kennt. «Andere Dialekte haben Diphthonge verloren, zum Jaundeutschen sind dagegen neue hinzugekommen.»

Die Besonderheiten des Jaundeutschen hat Leo Buchs in einem 700-seitigen Werk zusammengefasst. Dieses enthält neben sprachwissenschaftlichen Erklärungen, einem Flurnamenverzeichnis mit dazugehöriger Landkarte, jaundeutschen Erzählungen, einem Register und Bildern des Fotografen Aldo Ellena 11 800 Wörter. Sechs Jahre lang hat Buchs an diesem umfassenden Wörterbuch gearbeitet. «Ich bin erleichtert, es ist ein ergreifender Moment», sagte der 74-Jährige gestern vor Behörden und Medien. Und als er seinen Helfern dankte, glänzten seine Augen feucht.

 Den Dialekt nie vergessen

Leo Buchs ist in Jaun aufgewachsen, verliess das Dorf aber bereits mit zwölf Jahren, da er das Kollegium St. Michael in Freiburg besuchte. Er arbeitete lange im Pharmabereich und lebt heute in Zug. Der Dialekt seiner Heimat hat ihn aber nie losgelassen. Anfang der 1980er-Jahre gab es einen jaundeutschen Mundart-Wettbewerb, den er gewann. Sein Bruder Eduard Buchs, der früh verstarb, hatte bereits Wort- und Literaturmaterial gesammelt und machte ihn auf eine 1917 erschienene Doktorarbeit zur Mundart von Jaun aufmerksam. 2004 begann Buchs schliesslich neben seiner Dozententätigkeit an der Universität Lüneburg in Zürich Germanistik zu studieren und kam mit der Dialektologie in Berührung–die Idee für das Buch war geboren.

 Während der Arbeit am Wörterbuch erhielt Leo Buchs von verschiedenen Seiten Unterstützung. Die Mitarbeiter des Schweizerischen Idiotikons boten wissenschaftliche Hilfe, zum Beispiel wenn es um die Etymologie, die Herkunft, der Wörter ging: Leo Buchs fragte sich etwa, woher das jaundeutsche «Bòlòschi» (Schwarzdorn) stammt. Die Idiotikon-Mitarbeiter konnten aufzeigen, dass das Wort vom lateinischen «bulluca» über das Rätoromanische in die Mundart Graubündens («Palooge»), ins Greyerzer Patois («bolochi») und von dort schliesslich ins Jaundeutsche gelangte.

 Zwölf Jauner Gewährspersonen unterschiedlichen Alters halfen beim Finden und Prüfen der Wörter mit, und Heinz Gallmann, Verfasser des Schaffhauser und des Zürichdeutschen Wörterbuchs, begleitete das Projekt. Eine Schwierigkeit sei gewesen, die speziellen Lautungen des Jaundeutschen zu verschriftlichen, sagte Leo Buchs an der Vernissage. «Es gibt viel mehr Laute, als es Buchstaben gibt, aber ich habe mit der Zeit einen Weg gefunden.»

 Buchs musste auch finanzielle Unterstützung finden. 2012 wurde deshalb unter der Leitung von Alt-Staatsrat Marius Cottier der Förderverein Jùutütsch gegründet. Der ehemalige Jauner Syndic Beat Schuwey präsidiert den Verein, der nun Verleger des Buches ist. Herausgegeben hat es der Deutschfreiburger Heimatkundeverein (HKV). «Wir waren begeistert vom Willen und vom Ehrgeiz von Leo Buchs», sagte Christian Meier, Präsident des HKV, gestern. «Das Buch ist eine Bibel der hiesigen Sprache, eine Bereicherung für den ganzen Bezirk», fügte Patrice Borcard, Oberamtmann des Greyerzbezirks, an. Und der Jauner Ammann Jean-Claude Schuwey trug ein Gedicht vor, in dem er die Schönheit des Bergdorfs und des Dialekts anpries.

Nächstes Projekt wartet

Leo Buchs hat seine Arbeit getan–oder zumindest fast. Er hofft nun auf zahlreiche Reaktionen und Ergänzungen, die er in einer zweiten Auflage des Wörterbuches aufnehmen kann. Und weitere Engagements warten bereits: Die Universität Zürich hat ihn angefragt, ein Projekt zu leiten, in dem es um die Standardisierung der Dialektschreibung gehen soll.

Zahlen und Fakten

155000 Franken, 2600 Exemplare

Das Jaundeutsche Wörterbuch hat rund 155000 Franken gekostet und erscheint in der ersten Auflage mit 2600 Exemplaren. Es enthält eine ausführliche Charakterisierung des Dialekts, die wichtigsten grammatikalischen Formen, fotografische Aufnahmen, einen Registerteil sowie ein Flurnamenverzeichnis inklusive Landeskarte der Gemeinde. 11800 Wörter sind aufgenommen. Es gibt Hinweise zu deren Grammatik, Aussprache, Bedeutung, Herkunft und Verwendung. Zu vielen Wörtern gibt es einen Beispielsatz und ein Synonym. Ein Eintrag sieht demnach so aus:

büre(pürrt): 1)heben, ääs hät di schwöri Täscha sooft möge büre,es [das Kind] hat die Tasche gut hochheben können); SYN:lüfte; 2)eine Last hochheben; Zusammensetzung: ùber-. [mhd. bürn «erheben», Nachweis Idiotikon: «eine Last heben»].mir