Windkraftpotenzial 23.05.2015

«Dieser Bericht ist sein Geld nicht wert»

Am Bundesgericht ist der Entscheid immer noch hängig, ob auf der Krete des Schwybergs eine Windkraftzone möglich ist. Bild Charles Ellena/a
Der Verein «Rettet den Schwyberg» übt scharfe Kritik am neusten Bericht des Staatsrats zum Windkraftpotenzial im Kanton Freiburg. Dieser sei ohne eine einzige Windmessung und ohne das Mitwirken von Umweltorganisationen erstellt worden. Er ziele in die völlig falsche Richtung.

In Zollhaus lud der Verein «Rettet den Schwyberg–sauvez les préalpes» gestern zur Pressekonferenz; nicht unweit vom Schwyberg, den der Verein vor dem Bau von neun Windrädern schützen will. Ebenfalls mit dabei: Fabienne Chapuis Hini, Anwältin und Schweizer Sprecherin des Dachverbandes «Europäische Plattform gegen Windkraftanlagen» (siehe Kasten).

Der Verein schlägt Alarm. Denn es seien bedeutende Vorentscheide zur Windkraftindustrie im Kanton Freiburg getroffen worden, bei denen grosszügig über die Frage der Landschaften und des Freiburger Kultur- und Naturerbes hinweggegangen worden sei. Gemeint ist damit der Mitte April veröffentlichte Bericht des Staatsrates zum Windkraftpotenzial im Kanton Freiburg (FN vom 17. April). Darin heisst es, dass dieses mit 4000 Gigawattstunden pro Jahr grösser sei als bisher angenommen und dass der Schwyberg als Standort für Windkraftanlagen immer noch besonders gut geeignet sei (siehe Kasten ganz rechts). «Der Optimismus in unserer Regierung ist geradezu beunruhigend», sagte Vereinspräsident Dieter Meyer.

Keine neuen Messungen

Meyer zeigte auf, was den Verein beunruhigt. «Der Bericht wurde erstellt, ohne eine einzige neue Windmessung vorzunehmen.» Bei genauem Studium werde klar, dass nicht die Windverhältnisse besser seien, sondern die neuen Windturbinen von bis zu 200 Metern Rotorspitzen-Höhe. Bisher war auf dem Schwyberg von Anlagen mit rund 140 Metern Grundhöhe die Rede.

 Störend ist für «Rettet den Schwyberg» auch, dass dieser Bericht ohne die Mitwirkung von Umweltorganisationen erstellt wurde und als Grundlage für den nächsten kantonalen Richtplan gelten soll. «Wir wollen bei der Ausarbeitung des neuen Richtplans eine beratende Stimme sein und fordern den Staatsrat öffentlich dazu auf», sagte Dieter Meyer. Dies habe der Verein dem Staatsrat in der Vergangenheit mehrmals schriftlich mitgeteilt und ihn darauf angesprochen. «Aus dem Lobbying unseres Vereins wurde also nichts. Aber wie steht es mit dem Lobbying der am Bau von industriellen Anlagen interessierten Promotoren?», fragte Meyer rhetorisch in die Runde und sprach damit die Zusammensetzung der Projektgruppe an, die den Bericht zum Windkraftpotenzial ausgearbeitet hat. Grundlage sei ein Bericht des Winterthurer Ingenieurbüros New Energy Scout gewesen, dessen Geschäftsführer auch Vorstandsmitglied von Suisse Eole ist, der Vereinigung zur Förderung der Windenergie in der Schweiz. «Dieser Bericht ist sein Geld nicht wert», betonte der Vereinspräsident.

 Es sei aber noch nicht zu spät, um im Kanton Freiburg die Weichen richtig zu stellen und zusammen mit den Vertretern von Natur und Landschaft «gute Lösungen zu finden, die weniger auf Geldverdienen und mehr auf Heimatliebe beruhen.» Denn Freiburg sei nicht verpflichtet, dem Bund den Anteil an der Energiestrategie 2050 von 160 Gigawattstunden Strom pro Jahr durch Windkraft zu liefern. «Das ist ein Wunsch der Eidgenossenschaft.» Freiburg könne gut auf solche Vorgaben im Richtplan verzichten.

In der nächsten Phase

Staatsrat Beat Vonlanthen bestätigt auf Anfrage, dass für diesen Bericht keine neuen Messungen, sondern jene von 2009 verwendet wurden. Es sei jedoch eine Analyse aufgrund eines Modells durchgeführt worden, mit dem bereits die Kantone Bern und Waadt gearbeitet hätten und die bei Kontrollmessungen noch bessere Windwerte festgestellt hätten. «Es ist also eher eine konservative Schätzung.» Er wisse, so Vonlanthen, dass der Verein «Rettet den Schwyberg» Mitsprache wünsche. Dies sei aber nur ein technischer Bericht. «Interessen auf breiter Front» würden in einer nächsten Phase berücksichtigt.

Fabienne Chapuis: «Dahinter stecken persönliche Interessen»

D er Verein «Rettet den Schwyberg» hatte gestern mit der Rechtsanwältin Fabienne Chapuis aus Mont-de-Buttes (NE) eine grosse Gegnerin von industriellen Windkraftanlagen in der Schweiz nach Zollhaus geladen. «Die Energiewende bringt zu grosse Opfer. Es ist sehr dringend, dass wir warten und ein vernünftiges System finden», betonte die Sprecherin des Dachverbandes «Europäische Plattform gegen Windkraftanlagen».

Vorwurf der Profitgier

Weil der Bau von Windkraftanlagen ein grosses «écolo business», ein ökologisches Geschäft sei, sei es auch derart schwierig, dagegen anzukämpfen. «Hinter diesem Business stecken viele persönliche Interessen», betonte Chapuis. Denn schliesslich würden die vielen Unternehmen ihre Maschinen und Anlagen auch verkaufen wollen.

Die Rechtsanwältin zählte viele Punkte auf, die gegen industrielle Windanlagen in der Schweiz sprechen würden. Unter anderem sei die Qualität des Windes ungenügend. Die Böen seien schlecht für Windkraftanlagen und auch das Terrain in der Schweiz sei ungeeignet. Der Lärm, den die Anlagen verursachen würden, schade der Gesundheit. Nicht zuletzt sei der Bau solcher Anlagen eben genau das, was das neue Raumplanungsgesetz nicht mehr dulde. «Das ist die Zersiedelung von Land, die eigentlich gestoppt werden sollte», betonte Fabienne Chapuis.

Zusammen mit rund zehn Vereinsmitgliedern begab sie sich danach auf den Gross-Schwyberg, um am Standort der geplanten Windanlagen weiterzudiskutieren. ak

Grosser Rat: Unterschiedliche Reaktionen

D er Bericht zum Windkraftpotenzial im Kanton Freiburg war gestern nicht nur Thema beim Verein «Rettet den Schwyberg», sondern auch im Grossen Rat. «Wir waren überzeugt, dass Freiburg ein grosses Windkraftpotenzial hat», sagte Eric Collomb (CVP, Lully). Der Bericht ist eine Folge eines Postulats, das er und sein Parteikollege François Bosson (Romont) vor zwei Jahren eingereicht hatten. Der Bericht zeigt, dass in Freiburg 4000 Gigawattstunden Windenergie produziert werden könnten; allerdings wären dafür 800 Windkraftanlagen notwendig. Er finde den Bericht interessant, sagte Collomb. Er bedaure jedoch, dass die Politik darin vergessen ginge. «Denn wenn es von der Politik keine Impulse gibt, wird es schwierig.» Collomb verwies auf den Windpark Schwyberg, «wo wir zehn Jahre verloren haben.» Gleich sah es Michel Losey (FDP, Sévaz): «Im Bereich der erneuerbaren Energien sollte es künftig schneller gehen.» Und Hubert Dafflon (CVP, Grolley) hielt fest, dass der Kanton jetzt zur Umsetzung übergehen müsse. Pascal Grivet (SP, Semsales) wünschte sich, dass der Kanton eine «Pionierrolle» einnehmen könne im Bereich der Windkraft; es müsse aber gut überlegt werden, wo solche Anlagen Sinn machten.

Antoinette de Weck (FDP, Freiburg), Mitglied von «Rettet den Schwyberg», stellte sich gegen den Bericht: «Es ist schade, dass keine Naturschutzorganisationen konsultiert wurden.» Die Interessen der Natur und der Landwirtschaft müssten auch berücksichtigt werden. Sie wies darauf hin, dass die im Bericht erwähnten Windanlagen 200 Meter hoch wären und nahe an Wohnquartieren gebaut werden dürften. Schützenhilfe erhielt sie von Emanuel Waeber (SVP, St. Antoni): «Die Schweiz ist kein Windkraftland. Aber wir können Wasser, Holz und Sonne nutzen.» mir