Christine Bulliard-Marbach 26.04.2016

«Gemeindepräsidentin ist das schönste politische Amt, das es gibt»

Sie sei stolz auf die Überstorferinnen und Überstorfer, sagt Noch-Gemeindepräsidentin Christine Bulliard. Bild Charles Ellena
Die Gemeindepolitik hatte in der Politkarriere von Christine Bulliard-Marbach stets einen grossen Stellenwert. Nun gibt die Syndique von Überstorf ihr Amt ab.

Am Sonntag hat die Überstorfer Gemeindepräsidentin Christine Bulliard-Marbach in ihrem Büro im Gemeindehaus ihre Siebensachen zusammengeräumt. Sie hat das aber nicht schnell, schnell erledigt, sondern sich bewusst Zeit dafür genommen, weil sie die Erinnerungen an die vergangenen zwei Jahrzehnte nochmals aufleben lassen wollte. «Wenn man 20 Jahre seines Lebens für etwas einsetzt, geht der Abschied nicht spurlos an einem vorbei», sagt die 57-Jährige und blickt aus dem Fenster ihres Büros in den sonnigen Aprilmorgen. «Der heutige Tag ist ein Bild für mein politisches Leben: So farbenfroh, wie die Natur jetzt ist, so facettenreich ist die Arbeit in der Politik. Sie gibt mir viel», sagt die CVP-Nationalrätin. 20 Jahre nach ihrer Wahl in den Überstorfer Gemeinderat habe sie immer noch die gleiche Freude und spüre noch immer dieselbe Leidenschaft für die Politik. Dennoch hat sich Christine Bulliard entschieden, keine fünfte Amtsperiode anzuhängen. «Jetzt ist die Zeit gekommen, um mich aus der Gemeindepolitik zurückzuziehen und neuen Leuten und neuen Ideen Platz zu machen.»

 Zurückziehen–das heisst für sie aber nicht, dass sie nicht mehr am Gemeindegeschehen teilhaben wird. «Mein Herz schlägt weiterhin für Überstorf. Ich gebe zwar den Schlüssel und damit die Verantwortung an meine Nachfolgerin oder meinen Nachfolger ab, werde die Entscheidungen des Gemeinderats aber weiterhin verfolgen.»

Start als Seelsorgerätin

In Überstorf geboren und in Düdingen aufgewachsen, ist Christine Bulliard im Alter von 25 Jahren nach Überstorf zurückgekehrt und arbeitete dort als Primarlehrerin. Der damalige Pfarrer fragte sie an, im Seelsorgerat mitzumachen, und gleich bei ihrer ersten Sitzung wurde sie zu dessen Präsidentin gewählt. 1995 überzeugte sie der ehemalige CVP-Grossrat Kanis Lehmann, damals Präsident der CVP Überstorf, von einer Kandidatur für den Gemeinderat. «Er war mein politischer Vater», sagt Christine Bulliard. 1996 wurde sie im Alter von 37 Jahren in den Gemeinderat gewählt, übernahm mit den Schulen ihr Wunschressort und war ab 2001 Vize-Gemeindepräsidentin von Überstorf, bevor sie fünf Jahre später das Präsidium von Franz Gnos übernahm. «Man erwirbt dann Fähigkeiten, wenn man von den Erfahrungen anderer Menschen profitieren kann», ist Christine Bulliard überzeugt. Sie habe in der Politik deshalb bewusst Stufe um Stufe genommen. «Das war für mich der richtige Weg», sagt die ehemalige Grossrätin und amtierende Nationalrätin. Sie sei stolz darauf, einer Gemeinde wie Überstorf vorstehen zu dürfen. «Weil ich stolz auf die Überstorfer bin.» Sie seien ein extrem treues Volk und würden zueinanderstehen. «Wenn man in Überstorf ein Fest organisiert, muss man eher befürchten, dass es zu wenig Stühle hat, als dass niemand auftaucht.»

Ein wertvolles Netzwerk

In all den Jahren habe es im Gemeinderat nur zwei Rücktritte gegeben, und die Personenwechsel seien immer von einer guten Atmosphäre geprägt gewesen. «Ich hatte Glück.» Denn bei der Arbeit in einer Exekutive müsse das Zwischenmenschliche stimmen, betont sie. «Wenn man viel von sich selber und von seiner Zeit gibt, soll man es auch gut miteinander haben», so Bulliard. Sie habe sich ein Netzwerk aufbauen können, das viel mehr sei als eine Liste von Telefonnummern. Dazu würden auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung zählen. «Es ist die schönste Aufgabe, Menschen zu führen, und zu spüren, dass alles zurückkommt.»

Im Gespräch mit dem Volk

Die erste Sitzung einer neuen Legislatur pflegte Christine Bulliard stets mit demselben chinesischen Sprichwort zu beginnen: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen. Nirgends sei man so nahe dran wie in der Gemeindepolitik, diese Mauern zu Windmühlen werden zu lassen, sagt sie. «Deshalb ist Gemeindepräsidentin das schönste politische Amt, das es gibt.» Der Austausch mit der Bevölkerung sei ihr stets besonders am Herzen gelegen. Deshalb hat es sie auch gefreut, dass die von ihr initiierten Sprechstunden rege genutzt wurden. Manch ein Problem habe sie im Gespräch lösen können. «Ich verhandle gerne. Verhandeln ist für mich Politik. Immer, wenn Menschen zusammenkommen und eine Lösung finden müssen, geschieht Politik.»

Stark durch Erfahrungen

Nicht immer in Christine Bulliards Amtszeit sahen es die Bürgerinnen und Bürger jedoch gleich wie der Gemeinderat. Es gab schwierige Geschäfte wie die Steuererhöhung, andere wie das Turnhallen-Projekt wurden zurückgewiesen. «Das sind für mich keine negativen Erinnerungen», sagt sie. Dort, wo Leute arbeiten würden und aufgefordert seien, etwas zu entwickeln und weiterzubringen, werde nicht immer jede Idee von der Mehrheit getragen. «Auch diese Erfahrungen haben mich und uns als Gemeinderat gestärkt», sagt sie. In diesen Momenten spüre man, dass man zusammenstehen müsse.

Kritik aus der Bevölkerung zu erfahren sei für sie nicht immer einfach, sondern dann und wann auch belastend gewesen. «Ich habe gelernt, damit umzugehen, auch wenn es nicht spurlos an mir vorbeiging.» Harsche Reaktionen richtig einschätzen zu können sei wichtig, um die Freude an der Politik nicht zu verlieren. Auch die Orientierung an ihren Werten sei für sie auf ihrem ganzen politischen Weg zentral gewesen. «‹Dank Werten stark› ist nicht nur ein Wahlslogan», so Christine Bulliard. Die Orientierung an ihren Werten habe sie auch zur Entscheidung gebracht, im November nicht für die Wahl in den Freiburger Staatsrat anzutreten. «Weil ich nicht einfach von heute auf morgen etwas anderes anstrebe.»

Die 20 Jahre im Gemeinderat hätten nicht nur sie, sondern ihre ganze Familie geprägt, sagt Christine Bulliard. «Meine Familie ist diesen Weg mit mir gegangen. Ohne sie hätte ich es nicht machen können.» Sie konnte auf die Unterstützung ihrer im vergangenen Jahr verstorbenen Mutter, aber auch auf jene ihres Mannes Daniel Bulliard und der drei Kinder Valentine (27), Eugénie (25) und Mathieu (22) zählen. «Für sie gehört Politik zum Leben. Sie sind mit dem Selbstverständnis aufgewachsen, Zeit von sich zu geben für andere.»

Mit der Aufgabe des Gemeindepräsidiums habe sie nun mehr «Luft», um Zeit mit der Familie, Freunden und im Garten zu verbringen. Auf der politischen Ebene werde sie sich voll auf ihr Nationalratsmandat konzentrieren, das sie «noch lange» weiterführen wolle. 2018 wird sie das Präsidium der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur übernehmen. «Ich politisiere weiterhin mit viel Herzblut.»

«Man erwirbt dann Fähigkeiten, wenn man von den Erfahrungen anderer Menschen profitieren kann.»

Christine Bulliard-Marbach

Gemeindepräsidentin von Überstorf

«Immer, wenn Menschen zusammenkommen und eine Lösung finden müssen, geschieht Politik.»

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