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Neulich in Estavayer-le-Lac

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Ich bin weder Schwinger noch Älpler, noch kann ich jodeln oder ziehe mir eine Tracht an – auch nicht heimlich. Man bat mich, ein Konzert zu geben, also ging ich hin. Ich war auf alles gefasst, aber nicht auf das:

Vor dem Dorfbrunnen im Zentrum von Grandcour nahm uns ein paffender, bärtiger Puch-Maxi-Fahrer ohne Helm in Empfang und eskortierte uns Richtung Aérodrome Militaire de Payerne. Payerne, Kanton Waadt? Dachte, es sei in Estavayer, Kanton Freiburg?! Ah, der Flugplatz in Payerne steht auf zwei Gemeinden, Payerne UND Estavayer! Wieder etwas gelernt. Nicht hinter drei Meter hohen Gittern, sondern abgesperrt mit einem simplen Landi-Vogelband fanden wir den Backstage-Bereich des grössten Sportanlasses der Schweiz vor: das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2016. Ich war aufgeregt.

Es fiel sofort auf: keine Kontrollen, keine Securitas, Broncos oder Sicherheitsleute, die dich wie einen Schwerverbrecher behandeln, dafür reichlich Bier. Man reichte uns eine Flasche Cardinal – eine FLASCHE!!! Das gibts ja nicht! Keinen Scheisspfandbecher aus Plastik. Nein, eine Glasflasche – ich verrecke! Wir wurstelten uns durchs laute Festzelt, in dem wir später auftreten sollten, und traten auf das Besuchergelände. Die Grösse war atemberaubend. Zur Linken die Arena, mächtig und ein Meisterwerk aus eisernem Gestänge, und rund herum, so weit das Auge reichte, standen Zelte, aus denen Musik und feuchtfröhliche Gesänge drangen. Überall sah man zufriedene Besucher. Da ein bärtiger Kauz aus dem hintersten Tal des Schweizer Alpenkamms mit Chutte, Zockeln und Villigerstumpen, dort ein buckliger Grossätti aus dem Emmental, zusammen mit seinen 24 Söhnen und 32 Töchtern. Kinder, Junge, Alte, Helle, (ein paar wenige) Dunkle, Grosse, Kleine, Schöne, Hässliche, alle mit staunenden Augen ob der Grösse und der friedlichen Stimmung dieses gigantischen Volksfestes–und alle waren sie willkommen. Das zweite Bier wartete in den Händen meines Bassisten. Santé!

Überall wehten Fähnchen in der Sommerluft. Banner mit Aufschriften, eine Flut von Werbetafeln–von laktosefreiem Joghurt bis zu Panzerabwehrsystemen wurde für alles geworben, was sich ein Älpler so wünscht. Unser Telekommunikationsgigant Swisscom hat sich gar ein ganzes Public Viewing für sein neues Produkt gegönnt, und der Gabentempel für die Schwinger war die reinste BEA-Ausstellung. Von wegen «werbefreier Sportanlass»! So aufdringlich habe ich das noch nie an einem Fest gesehen. Aber das schien den Besuchern nicht aufzufallen, denn ein paar hundert Meter über der Werbefahnengalerie donnerte die Patrouille Suisse über das Gelände und versuchte in krassen Flugmanövern, ihre Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. Aus den Lautsprechern ertönte ein lauter Werbespot für die Schweizer Armee. Wir verzogen unsere Gesichter und liefen planlos weiter. Aus allen Winkeln wurde lupenrein gejodelt. Gejodel hier, Gejodel dort, Gejodel überall. Mir wurde warm im Kopf. Das dritte Bier und etwas Frittiertes mussten her.

Mit einer halben Stunde Verspätung–das Zelt war knüppelpumpenvollgestopft mit Leuten, die ganz klar mehr Bier intus hatten als ich–sprangen wir auf die Bühne und hornten los. Ich gab dem Volk den Zucker, den es brauchte, liess es singen, mitklatschen, mitjohlen und mithüpfen, bis es tropfseichennass war und ich völlig ausgepumpt von der Bühne in den Backstage schwankte, wo eiskalt Bier Nummer vier und fünf auf mich warteten.

Ein toller Abend mit einer tollen Stimmung. Doch nach Konzerten habe ich leider das ärgerliche Gebrechen, dass meine Ohren sehr empfindlich sind. Jeder weitere Ton ist einer zu viel und eine Qual. Dem Eidgenössischen war mein Gebrechen gänzlich Wurst. Das Gejodel drang nun nicht nur aus den Zelten, sondern auch aus den Toiletten, aus den Bierständen und Public Viewings. Die Masse von herumtorkelnden Sennen und Senninnen war um zwei Uhr morgens zu einem gigantischen Jodel-, Glocken- und Juchzmonster herangewachsen und frass sich tief in meine Gehörgänge. Unwohlsein machte sich in mir breit. Das war einfach too much. Eine Überdosis Schweiz, sozusagen.

Wir räumten unsere Instrumente in den Tourbus und flüchteten zurück in die Stadt Freiburg, die bei unserer Ankunft bereits tief und fest und vor allem still schlief. Das war ein verrückter Ausflug gewesen. Mit tollen Bildern und einem dumpfen Brummen im Ohr schlief ich ein.

Tags darauf habe ich nur noch ab und zu mal auf dem Handy nachgeschaut, was sich so am Schwingfest tat. Meine Faszination für das Eidgenössische liess mit jedem Gestellten ein bisschen mehr nach, so dass ich am Sonntag gar nicht richtig mitkriegte, wer schlussendlich Schwingerkönig wurde. Alles, was hängen blieb, war diese Schlagzeile auf meiner Lieblings-News-App: «Am Eidgenössischen in Freiburg gewinnt der Berner Glarner.» Oder wars «der Freiburger Eidgenosse Glarner aus Bern», fragte ich mich am nächsten Morgen. Zweifel kamen auf.

Leider war die Schlagzeile bereits verschwunden. Weg! Irgendwo im Gestrüpp und Dickicht der weltweiten Neuigkeiten verschollen. Muss ich mir nun tatsächlich die «Blick»-App runterladen? Ob mir diese Schlagzeile so wichtig ist, fragte ich mich. Muss ich wissen, wer gewonnen hat? Sind mir Schwingen und die Schweizer Traditionen wichtig? Sollte ich sagen «Ja, aber halt nicht wahnsinnig», bin ich dann kein richtiger Schweizer? Ich fühlte ein vages Unwohlsein in meinem Magen. Im Innersten gurrte klar die Antwort. Sie wagte es nur nicht, die Kehle emporzuklimmen.

Ich ankerte mir also meine eigene Schlagzeile ins Gedächtnis: «Während Millionen Menschen auf der Flucht sind und ein Erdbeben in Italien ein Dorf in Schutt und Asche legt, da hat die Schweiz ein eigentümliches Fest gefeiert, wo Steine herumgeworfen werden, im Sägemehl an Jutehosen gezupft wird, wo Sackmesser und Flaschenbier erlaubt sind, wo eine Viertelmillion Menschen ebenso viele Liter Bier trinkt und nebenbei einen Weltrekord im Dauerjodeln aufstellt, eine gigantische Party in Frieden, Respekt, Toleranz, gegenseitigem Vertrauen und mit einer Backstage-Absperrung aus simplem Vogelband!»

Ich glaube, die Welt wäre eine bessere, wäre sie ein Schwingfest.

 Pascal Vonlanthenalias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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