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Nicht alle weinen im selben Film

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Gastkolumne

Autor: Sus Heiniger

Nicht alle weinen im selben Film

So war es mal im Sommer, alle Fenster standen offen. Es war Morgen, früh und still noch. Im Erwachen nahm ich das schnurrende, surrende Schlafgeräusch der Katze neben mir wahr. So nah? So laut? Ich hörte hin, genauer, in Richtung Geräusch … Es war ein Motorrad in der Ferne, es fuhr und verklang.

Oder so: Es war ein Nachmittag. Unser Garten liegt nah einer Kirche. So kenne ich die Glockentöne, ich höre sie täglich. Es war Mitte Nachmittag, die Glocken begannen zu schlagen, steigerten sich grandios wie immer zum gemeinsamen Dreiklang. Und da war urplötzlich eine weinende Kinderstimme mit drin, war nicht zu trennen, war vielleicht Einbildung, und doch da, die ganze Schlaglänge lang und verebbte mit dem Ausklingen des Glockengeläuts.

Ein Tag gleicht manchmal Expeditionen in die unendliche Vielfalt der Möglichkeiten, die dem bereits Bekannten nicht entsprechen. Trotzdem ist die Öffentlichkeit immer wieder überraschend gnadenlos in Behauptungen, was ist, was sei, und der Missverständnisse gibts dann auch viele. Wir Erwachsenen sagen, was Sache ist. Wer lehrt wen, wie es möglich wäre, «das Andere» auch wahrzunehmen, auf andere Welten zuzugehen? Wer lehrt wen, sich in «das Andere» einzufühlen, in andere Kulturen, auch in solche, denen es mies geht?

Das Rote Kreuz bietet Kurse an zu «transkultureller Kompetenz», doch die sind für Fachpersonen. Wir sind uns selbst Kurs, unserem Entdeckergeist, unserem Interesse und Pioniergeist zu folgen. Es gibt nicht das allgemein Richtige, es seien denn die Menschenrechte.

Das Eigene ist nicht das Andere, auch wenn es gleichzeitig und nebeneinander ist und wahrnimmt. Nicht alle lachen über denselben Witz, nicht alle weinen im selben Film. Wenn ich MILCH sage, kann die Empfindung dafür weltumspannend sein. Alle, die solche bekommen können, mögen eine ähnliche Empfindung verspüren zum Begriff des Flüssigen, des trinkbaren Tierprodukts. Wenn ich SCHÖN sage, gibts die Erde voller Möglichkeiten. Wenn ich GOTT sage, gibts augenblicklich Krieg. Wenn ich SONNE sage, ist ein Schweizergefühl voll des Lächelns, und die Menschen beginnen zu strahlen wie die Sonne selbst. Bei Camus, dem in Algerien Geborenen, lese ich von der bösen Sonne, der tötenden, der unerträglichen Hitze verbreitenden, menschenfeindlichen. Woran sich halten, wenn die Gedanken zu Wahrnehmungen so frei sind? Wie reagieren, wenn das Fremde unverständlich ist und doch einen Dialog fordert?

Ein Zen-Meister sagt zum verkrampften Bogenschützen-Lehrling, der seine Hand zu fest schliesst und somit ein Rütteln beim Öffnen unvermeidlich wird: «Sie müssen die gespannte Bogensehne etwa so halten, wie ein kleines Kind den dargebotenen Finger, und wenn es den Finger loslässt, geschieht es ohne den leisesten Ruck, weil das Kind nicht denkt, jetzt lasse ich los. Es wendet sich nur vom Einen zum Andern.»

Wenn ich SCHMUTZ sage, beginnen die Europäer, die Abendländer, sofort zu putzen, denn wir lieben das Glänzende, Glitzernde, Glasklare. Die Morgenländer lieben Alterspatina, lieben den Handglanz des Abgegriffenen, ziehen Dinge mit einem umwölkten Schimmer dem Glänzenden vor. In etwa so, erzählte mir meine japanische Freundin, als wir uns über Denken und Fühlen von verschiedenen Volkscharakteren austauschten. Und ich merkte, wie verhaftet auch ich bin in vielen Wahrnehmungen und doch den Pioniergeist so liebe. Denn ein ungefesseltes Denken stösst von selber vor ins grosse Land der vielen Möglichkeiten.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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