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Nicht meine Kolumne

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Gastkolumne

Nicht meine Kolumne

Autor: Martin Schick

Ich teile meine Kolumne und die 80 Franken, die ich damit verdiene, zur Hälfte mit einer Bekannten aus Griechenland, die ich kürzlich auf einer Reise eben dahin kennengelernt habe. Geteilte Freude ist doppelte Freude, also ist geteilte Kolumne eine doppelte Kolumne, denk ich mir, und geteiltes Geld muss also demnach doppeltes Geld sein. Das gilt in diesem Falle tatsächlich, aber nur für Griechenland, weil es da mehr dafür gibt (wenn auch nicht doppelt so viel!). Auf meine Hälfte kann ich denn auch locker verzichten, ich praktiziere FDH (friss die Hälfte), RDH (rauch die Hälfte) oder TDH (trink die Hälfte), ein Bier weniger kann nicht schaden, weniger Geld, weniger Bauch … und bei der Steuerabrechnung beiss ich mir kurz in die Hand und sehe mich zum Trost selig als Gutmensch in den Himmel hochfahren.

 

Aber darum geht es ja gar nicht. Worum sonst? Ich arbeite an einem Theaterprojekt namens «Not my piece» («Nicht mein Stück») und ich versuche, Ideen einer Wirtschaft nach dem Kapitalismus direkt anzuwenden und auszuprobieren, um mehr darüber rauszufinden. Inspiriert hat mich das Buch «The age of less» («Das Zeitalter des Weniger») von David Bosshart mit dem schönen Untertitel: «Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt». Ich plane also meinen zukünftigen Wohlstand. Noch bin ich kein Experte, werde es wohl auch nie sein, aber die Experten sind im Postkapitalismus auch gar nicht mehr so wichtig, weil es gibt etwas, das heisst kollektive Intelligenz, das heisst, wir wissen ja eigentlich ganz viel, jeder was anderes und zusammen sind wir Experten. Das einzige Problem ist bloss, wie dieses Wissen zusammenkommt. Und genau dafür soll es in absehbarer Zukunft einen Ort geben in Freiburg. Falls auch Sie auf den neuen Wohlstand aufspringen möchten, müssten Sie allerdings die Einführung besuchen: am 3. Juli um 22 Uhr am Festival Belluard Bollwerk International: Postkapitalismus für Anfänger.

 

Und nun zu dem zweiten Teil, aus dem Kapitel «Von den Griechen lernen» … Eine Freundin, die für BMW arbeitet und deren Lohn im Jahr 2012 um 50 Prozent gekürzt werden soll, berichtet (für einmal nicht vor der Presse) aus Griechenland: Weitere Lohnsenkungen im privaten Sektor sind zu erwarten, einmal mehr in diesem Jahr. Während der letzten Jahre haben die Löhne stetig abgenommen, und im Jahr 2013 wird es genauso sein. Die Lebensbedingungen sind unerträglich geworden für den Normalo-Griechen. Während die Kaufkraft der griechischen Bürger geschrumpft ist und die Lebenshaltungskosten unbezahlbar geworden sind, wird zur gleichen Zeit das neue völlig irrationale Steuersystem umgesetzt. Die griechischen Arbeiter haben keine andere Wahl als Geld zu leihen, um diese neuen Verpflichtungen zu erfüllen. Die Situation ist noch schlimmer für die, die Raten für ihr Haus zahlen müssen. Wer seinen Job verliert, kann unmöglich zahlen, und selbst wenn jemand noch einen Job hat, kann er es nur ganz knapp. Die erstickenden Lebensbedingungen verursachen extreme Reaktionen bei einer Menge Leute, die Selbstmordrate steigt rapide. Die Veröffentlichung dieser Tatsache wird verheimlicht, um einen allgemeinen Ausbruch von Panik zu vermeiden. Die multinationalen und griechischen Unternehmen nutzen die Umstände und gehen selbst gegen die Arbeiterrechte vor: Arbeitstage von mehr als acht Stunden und sechs oder sieben Tage Arbeit pro Woche; keine gesetzliche Urlaubszeit; Löhne, die nicht bezahlt werden; Reduktion des Grundeinkommens bis zur Schmerzgrenze, sodass die menschliche Würde beleidigt wird. Und interessanterweise geht zur gleichen Zeit das Gerücht herum, ja wird gar bewusst verbreitet in vielen Ländern rundherum, dass die griechischen Arbeiter faul und gleichgültig seien. Aber das ist der gleiche Arbeiter, der für die multinationalen Unternehmen in Europa mehr Stunden arbeitet als andere europäische Arbeitnehmer in ähnlichen Berufen, nur für weniger Geld und unter unmenschlichen Bedingungen. Praktisch für die Arbeitgeber, aber definitiv unerträglich für die griechischen Arbeiter. (Christina Voulgaropoulou)

 

Hier wieder ich, der alte Kolumnenschreiber. Soeben habe ich die Suizidrate von Griechenland gegoogelt. Tatsache: Im Jahr 2011 stieg die Selbstmordrate um 40 Prozent, damit liegt Griechenland ganz vorne. Bitte, bitte, bitte, lasst doch die Griechen nun wenigstens an der EM auch ganz vorne sein! Mehr konkrete Lösungsansätze fallen mir dazu gerade nicht ein. Oder doch: ein neues Steuerabkommen Schweiz-Griechenland?

Martin Schick ist Theater- und Filmschauspieler. Er wuchs in Tafers auf und lebt derzeit hauptsächlich in Berlin. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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