Wünnewil-Flamatt 15.02.2017

Wenn sämtliche Stricke reissen

Von der Sozialhilfe wird aufgefangen, wer durch das Netz der Sozialversicherungen fällt. Obwohl 2,5 Prozent der Freiburger von ihr abhängig sind, halten sich Vorurteile hartnäckig. An einem Infoabend in Flamatt wurden diese nun unter die Lupe genommen.

Als letztes Auffangnetz im Sozialen Sicherungssystem nimmt die Sozialhilfe eine wichtige Aufgabe wahr. Dennoch wird sie in politischen Sparrunden immer wieder kritisch beäugt. Unter dem provokativen Titel «Sozialhilfe: Ich bezahle – andere profitieren?», lud die Ortssektion der SP am Montagabend nach Flamatt ein. Im Rahmen einer öffentlichen Infoveranstaltung nahmen Sozialhilfe-Expertin Renate Salzgeber und die Verantwortlichen des Sozialdienstes Wünnewil-Flamatt und Überstorf gängige Vorurteile unter die Lupe.

Jeder 40. Freiburger betroffen

Alters- und Hinterlassenversicherung, Kranken- und Unfallversicherung, Arbeitslosenversicherung, Invalidenversicherung – auf den ersten Blick scheint das Sozialversicherungsnetz in der Schweiz für alle Fälle gerüstet zu sein. Dass dem nicht so ist, zeigt ein Blick in die Statistik: 3,2 Prozent der Bevölkerung bezogen letztes Jahr Sozialhilfe; in Freiburg waren es 2,5 Prozent – oder jeder Vierzigste. «Wer durch alle Maschen fällt, wird von der Sozialhilfe aufgefangen», erklärte Renate Salzgeber vor 50 Anwesenden. Die Dozentin für Soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Thematik. Entsprechend umfassend konnte sie über die verschiedenen Aspekte der aus allgemeinen Steuermitteln finanzierten Sozialhilfe informieren.

So erklärte Salzgeber, dass drei Gruppen besonders stark gefährdet seien, von Sozialhilfeleistungen abhängig zu werden: «Personen ohne berufliche Ausbildung sind häufig im Niedriglohnbereich tätig und haben kaum die Möglichkeit, Ersparnisse anzulegen», sagte die ausgebildete Volkswirtschafterin. «Werden sie arbeitslos, ist die Chance gross, dass unqualifizierte Arbeitnehmer beim Sozialdienst landen.» Gleiches gelte für junge Menschen, die noch nicht die Möglichkeit hatten, eine Ausbildung zu absolvieren, oder Personen, deren Beruf dem Strukturwandel zum Opfer gefallen ist. Anstatt sie vonseiten der Sozialdienste mit grossem Druck in den Arbeitsmarkt zu zwingen, wäre es besser, in ihre Ausbildung zu investieren, sagte Salzgeber: «Das kostet im Moment zwar mehr Geld, ist aber gleichzeitig eine Investition in die Zukunft.»

Sozialhilfe als Sozialrente

Das höchste Risiko tragen Alleinstehende mit Kindern. Beträgt die Sozialhilfequote von Ein-Personen-Haushalten ohne Kinder 5,4 Prozent, sind es bei Haushalten von Alleinerziehenden 22 Prozent. «Bei Scheidungen nimmt die Sozialhilfe oft eine Versicherungsfunktion wahr», sagt Salzgeber, die vor den Forderungen nach neuen Leistungskürzungen warnt. «Gehen sie zulasten der Familien, leiden Kinder als Erste darunter.» Das Risiko für die «Vererbung» von Armut steige.

Als dritte Risikogruppe sieht die Fachhochschul-Dozentin Personen über 50 Jahre und Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. «In keiner anderen Gruppe ist die Sozialhilfequote in den letzten Jahren ähnlich massiv angestiegen: «Die Sozialhilfe übernimmt auch die Funktion einer Sozialrente.» Sie werde zum Auffangbecken von Menschen, für die die Gesellschaft keine Verwendung mehr zu haben glaubt. Diese neuen Aufgaben und Anforderungen seien mit ein Grund dafür, weshalb die Sozialhilfekosten insgesamt steigen, obwohl die Leistungen gekürzt wurden und sich die Sozialhilfequote in den letzten zehn Jahren kaum verändert hat. Diese Entwicklung gelte es in zukünftigen Budgetrunden zu berücksichtigen.

Sozialdienst Wünnewil-Flamatt und Überstorf

Karin Borter: «Viele Vorurteile sind völlig haltlos»

«Sozialhilfe-Empfänger sind alles Suchtkranke», «Die sind doch einfach zu faul zum Arbeiten» oder «Das trifft nur Ausländer»: Die Vorurteile, mit denen Karin Borter häufig konfrontiert wird, haben es in sich. «Viele davon sind jedoch völlig haltlos», sagte die Leiterin des Sozialdienstes Wünnewil-Flamatt und Überstorf am Infoanlass vom Montagabend.

Ausgesteuert – alleinerziehend

Karin Borter stellte den stereotypen Thesen aktuelle Zahlen aus dem eigenen Berufsalltag gegenüber. Von den 104 Dossiers, welche der Sozialdienst der zwei Sensler Gemeinden 2016 betreute, stellten Suchtprobleme in keinem Fall den Hauptgrund für den Bezug von Sozialhilfe dar. In 34 oder einem Drittel aller Fälle handelte es sich bei den Betroffenen um ausgesteuerte Personen ohne Anrecht auf Leistungen der Arbeitslosenversicherung. 26 Dossiers bezogen sich auf Haushalte von Alleinerziehenden und zwölf auf Working-Poor-Fälle: Personen, die mit ihrer Arbeit zu wenig verdienten, um ihren Lebensunterhalt alleine bestreiten zu können.

31 Dossiers haben die Sozialarbeiter letztes Jahr geschlossen: In zehn Fällen konnten Bezüger eine neue Arbeit beginnen, in gleich vielen Fällen wurden Leistungen von Sozialversicherungen übernommen, und in acht Fällen zogen Empfänger aus dem Zuständigkeitsbereich weg. Ein Dossier wurde wegen Betrugs eingestellt. Insgesamt kam es 2016 zu vier Betrugsfällen mit einer Gesamtsumme von 27 700 Franken.

Das Verhältnis von ausländischen zu Schweizer Sozialhilfebezügern war mit 60 zu 54 Dossiers praktisch ausgeglichen. «Es war das erste Mal, dass die Bezüger mit ausländischen Wurzeln in der Mehrheit waren», sagte Borter. Als Risikofaktor gelte hierbei aber nicht die Herkunft, sondern das Bildungsniveau. 62 Bezüger waren ohne Ausbildung oder verfügten über einen Abschluss, der in der Schweiz nicht anerkannt ist. 33 hatten einen Lehrabschluss, acht waren in Ausbildung, ein Bezüger verfügte über einen tertiären Abschluss. «Dass Ausbildung vor Sozialhilfe schützt, ist eines der wenigen Vorurteile, das tatsächlich zutrifft.» mz