0

Die rote Skijacke - oder ein Hoch auf das gute Fachgeschäft

Dank eines defekten Reissverschlusses entdeckte ich eine weitere Top-Adresse Murtens

Mit der roten Skijacke würde mein Liebster auf einem Laufsteg wahrlich keinen Preis mehr gewinnen und auch den Zenit des Modischen, Trendigen hat sie längst überschritten. Aber sie hält ihn noch immer hervorragend warm und trocken. Zudem teilen sie und ihr Träger unzählige Erinnerungen an Skitage im tiefen Pulverschnee, an stürmische, windige Tage, an arktische Kälte und eindrückliche Bergbesteigungen und Schneeschuhwanderungen. Sie bietet genügend Platz für alles, was man(n) braucht: Handschuhe, Mütze, (Stoff-)Taschentücher, Geld, Natel, Hustenbonbons, Karabinerhaken, Taschenmesser und Schokoriegel.

Kürzlich jedoch verweigerte der Reissverschluss seinen Dienst. Entweder klemmte er bereits beim Hochziehen oder er sass in der Mitte seines Weges störrisch fest. Die Jacke wurde auf dem Esstisch ausgebreitet als würde sie aufgebahrt, um anschliessend zu Grabe getragen zu werden. Der Reissverschluss wurde liebevoll gefettet, das heisst, das Fett wurde sorgfältig einmassiert, als handelte es sich um ein japanisches Wagyu-Rind. Doch nichts half, weder fetten, gutes Zureden noch Reiki.
Natürlich hätte man einen neuen Reissverschluss einnähen lassen können. Aber das ist recht teuer und die Jacke alt. Schliesslich faltete er sie zusammen, steckte sie in eine Tüte und mitfühlend fragte ich: Für die Kleidersammlung? Entsetzt schüttelte er den Kopf. Komm mit, sagte er und führte mich in das Geschäft Bastella.

Es war, als wäre ich ins Näh-Bastel-Stoff-und-Garn-und-Knöpfe--Paradies eingetreten. Da türmten sich Stoffballen in allen Farben und Mustern. Zur Auswahl gab es runde, viereckige und herzförmige Knöpfe, Nähgarn in allen Farbtönen des Regenbogens. Lange, schmale, breite Reissverschlüsse, Schnittmuster, Textilfarben, Perlen, Bastelbögen, Nähmaschinen und vieles, vieles mehr.
Die Jacke wurde behutsam – als handelte es sich um einen schwerkranken Patienten - auf die Theke gelegt und eine Fachfrau begutachtete den Schaden. Wir können, schlug sie vor, den Schlitten des Verschlusses auswechseln, vielleicht lässt sich das Problem so beheben.
Wir überliessen den Anorak den sachkundigen Händen und als wir das Geschäft eine Stunde später betraten, war der Schlitten gewechselt und die Jacke erneut funktionstüchtig.

Mein Liebster war überglücklich. Nun haben er und seine Jacke wieder eine gemeinsame Zukunft, sind bereit für neue Abenteuer in Schnee, Kälte, Eis und Sturm.

Ich hoffe, dass das Bastella ebenfalls noch eine lange Zukunft vor sich hat. Hier wird Freude und Kreativität mit Nachhaltigkeit und Originalität vermählt. Schöne Stoffe laden zum Anfassen ein, die breite Farbpalette erfreut das Auge und die zahlreichen Beispiele für Bastel- und Näharbeiten lassen sogar einen unkreativen Menschen wie mich Lust verspüren, zu Nadel, Perlen, Stoff oder Garn zu greifen. Was mich nebst dem tollen Sortiment für dieses Geschäft einnimmt, ist die freundliche, kompetente Beratung. Sei es der abgegriffene Teddybär aus Kindertagen, die Ledermappe, die Opa täglich mit in die Kanzlei genommen hat, die eleganten Hochzeitshandschuhe der Grosstante - oder eben die rote Skijacke; hier bekommt man oder frau hilfreiche Tipps und das Material, um etwas zu flicken oder in Stand zu stellen.

Als ich ein Kind war, waren Mercerie-Geschäfte keine Exklusivität. Heute sind sie eine wahre Rarität und ich komme nicht umhin mir zu überlegen, ob eine Mercerie dem heutigen Konsumverhalten nicht doch ein wenig entgegenzuwirken vermag. Denn hier finden wir vieles, was uns beim ‚Flicken statt wegwerfen‘ unterstützt und möglicherweise das Bewusstsein für qualitativ gute Ware stärkt, bei der sich eben das Reparieren auch lohnt.
In mir, das ist sicher, hat dieses Geschäft einen Fan gefunden - auch wenn ich mit Basteln, Nähen, Flicken nach wie vor nichts am Hut habe - mit Hüten jedoch vieles! (http://www.freiburger-nachrichten.ch/node/1167257)

www.ich-schreibe-fuer-dich.com

 

Kommentare zu diesem Artikel