Eishockey 09.03.2018

Als Gottéron den SC Bern schockte

Am 11. März 2008, kurz nach 23 Uhr, verloren im St. Leonhard Freiburger Spieler und Fans kurz die Fassung.
Am Sonntag vor zehn Jahren sorgte Gottéron für eine der grössten Überraschungen der Playoff-Geschichte, als die Freiburger den hochfavorisierten SC Bern im Viertelfinal eliminierten. Die FN lassen mit Protagonisten von 2008 die Serie noch einmal aufleben.

Benjamin Plüss passt hinter das Tor zu Toni ­Mäkiaho, der spielt den Puck vor das Tor, Gil Montandon schiesst direkt – 4:3! Jeder nicht mehr ganz junge Gottéron-Fan kann diese Szene mühelos visualisieren. Es ist das Tor, das am 11. März 2008 eine der grössten Sensationen in der Geschichte des Schweizer Eishockeys besiegelt. Mit seinem Treffer in der Verlängerung sorgt der damals bereits 42-jährige Montandon dafür, dass der krasse Aussenseiter Gottéron die Viertelfinal-Serie gegen den überlegenen Qualifikationssieger SC Bern 4:2 gewinnt. Für viele Freiburger Fans der schönste Moment in diesem Jahrtausend – grösser noch als etwa die Final-Qualifikation 2013.

Berns unglaubliche Quali

Was den Erfolg von 2008 so speziell macht? «Dass wirklich absolut niemand erwartet hat, dass wir diese Serie gewinnen könnten», sagt Benjamin Plüss, der als unermüdlicher Fighter und regelmässiger Skorer eine der wichtigsten Figuren der Serie ist. «Wir waren erstmals seit vier Jahren in den Playoffs. Alle waren bereits unglaublich froh, dass wir das überhaupt geschafft hatten. Wir hatten unser Ziel erreicht und wollten uns bloss noch so gut wie möglich verkaufen.»

 

Unglaubliche 111 Punkte hatte der SCB in der Qualifikation geholt, 22 mehr als das zweitklassierte Genf. Freiburg hingegen hatte sich am vorletzten Spieltag mit Ach und Krach in die Playoffs gerettet.

Viele Heldengeschichten

Die Serie beginnt standesgemäss: Bern gewinnt zu Hause mühelos 5:3, führt in Spiel zwei in Freiburg bis kurz vor Schluss 1:0 und hat alles im Griff. Es folgt ein Moment, den Plüss heute als einen der Momente beschreibt, die ihm von dieser Serie noch am besten in Erinnerung geblieben sind. Als Gottéron bereits ohne Torhüter spielt, schiesst Plüss 17  Sekunden vor Schluss den vermeintlichen Ausgleich. Der Jubel im Stadion ist riesig. Zum Entsetzen der Fans annullieren die Schiedsrichter den Treffer aber. Berns Goalie Marco Bührer hatte das Gehäuse ganz leicht aus den Angeln gehoben. Immerhin gibt es dafür Pe­nalty für Gottéron. Julien Sprunger hält dem enormen Druck stand und erzielt den Ausgleich. In der Verlängerung gelingt Plüss der Siegtreffer.

«Plötzlich sassen wir da und sagten uns: Uff, jetzt sind wir dran, jetzt brauchen wir nur noch einen Sieg.»

Benjamin Plüss

Damaliger Gottéron-Spieler

 
 

Es scheint zunächst nicht mehr als ein Arbeitsunfall zu sein für den SCB. Spiel drei gewinnt der Saison-Dominator locker 5:1. Im vierten Spiel rettet sich Gottéron im St. Leonhard trotz zweimaligem Rückstand allerdings wieder irgendwie in die Verlängerung. Dort schiesst Michael Ngoy Berns Christian Dubé an den Rücken, von dort geht die Scheibe ins Tor – 3:2-Sieg, 2:2-Ausgleich in der Serie.

Den Freiburgern wird eine tolle Kampfkraft attestiert, an eine Überraschung glaubt in der Eishockey-Schweiz aber noch kaum jemand. Das ändert sich mit dem nächsten Spiel. Bern dominiert auch das dritte Heimspiel klar, doch diesmal spielt Freiburgs Goalie Sébastien Caron noch unglaublicher, mit einem 1:1 geht es in die Verlängerung. Dort schockt Antonio Rizzello den SCB mit seinem Treffer zum 2:1. «Wir spielten in dieser Serie lange ohne gross nachzudenken. Erst mit diesem Sieg in Bern wurde uns richtig bewusst, dass wir tatsächlich die Sensation schaffen könnten. Plötzlich sassen wir da und sagten uns: Uff, jetzt sind wir dran, jetzt brauchen wir nur noch einen Sieg», sagt Plüss.

«Der SCB hatte wirklich die viel, viel besseren Spieler als wir.»

Caryl Neuenschwander

Damals wie heute Gottéron-Stürmer

 

Antonio Rizzello schreibt ebenfalls eine dieser Storys, die diese Serie so speziell machen. Weder vorher noch nachher ist der Stürmer als grosser Torschütze bekannt. In dieser Serie aber schiesst er nebst dem spielentscheidenden Tor noch zweimal einen wichtigen Ausgleich. Das Besondere daran: Ausgerechnet während dieses Viertelfinals beginnt Rizzello mit der Rekrutenschule, verbringt die Nächte in der Kaserne.

«Blut, Blut – er blutet!»

Vor Spiel sechs herrscht in Freiburg der Ausnahmezustand. Nach vielen Jahren Magerkost ist der Hunger nach Eishockey enorm. Vor den Ticketschaltern im St. Leonhard bilden sich riesige Schlangen. Und wer sich eine Stunde vor dem Match noch einen halbwegs akzeptablen Stehplatz ergattern will, hat keine Chance. Das St. Leonhard ist dermassen überfüllt, dass viele Fans über weite Strecken der Partie rein gar nichts vom Spiel sehen. «Diese Euphorie haben wir Spieler deutlich gespürt», sagt Plüss. Es ist jedoch eine Euphorie, die bei den Spielern nicht für zusätzlichen Druck sorgt. «Es war eine ganz andere Dynamik als in den letzten Jahren. Die Fans haben sich schlicht gefreut, haben uns aber nie Vorwürfe gemacht, auch nicht, als wir danach sang- und klanglos im Halbfinal gegen Genf ausgeschieden sind.»

Hier kannst du das Gottéron-Quiz spielen.

Gottéron kann deshalb weiter unbekümmert auftreten. «Wir hatten ja eigentlich bereits gewonnen, der SC Bern hingegen hatte alles zu verlieren.» Die Berner gehen in Spiel sechs früh 2:0 in Führung, wirken aber danach nervös und leisten sich zu viele Strafen – allen voran Christian Dubé, der damals beim SCB spielt und bei drei der vier Freiburger Tore auf der Strafbank sitzt. Mit zwei Treffern in zweifacher und einem in einfacher Überzahl dreht Gottéron das Spiel. Dutzende Freiburger Icings später – Gottéron kommt entgegen, dass 2008 auch nach einem unerlaubten Befreiungsschlag Spielerwechsel erlaubt sind – gleicht Bern kurz vor Schluss doch noch aus.

«In jedem Spiel hatten wir über 50 Schüsse, während Freiburg kaum aus dem eigenen Drittel herauskam.»

Christian Dubé

Damaliger SCB-Spieler

 

Die Verlängerung ist noch jung, als Christian Dubé mit seinem Stock Gottéron-Verteidiger Philippe Seydoux im Gesicht trifft. Auf den Zuschauerrängen macht sich plötzlich Euphorie breit. «Blut, Blut – er blutet!», tönt es freudig aus allen Ecken. Hintergrund dieses für Aussenstehende wohl eher verstörenden Jubels: Wenn der Gegenspieler blutet, gibt es nicht bloss zwei Strafminuten, sondern vier. Es folgt Montandons eingangs erwähntes Tor – das Freiburg erst recht in Ausnahmezustand versetzt: Wildfremde Menschen liegen sich im St. Leonhard sekundenlang in den Armen, noch lange nach der Schlusssirene singen Tausende Fans vor dem Stadion gemeinsam ihre Lieder.

Gefährliches Ritual

Für alle damaligen Freiburger Spieler ist es einer der speziellsten Abende ihrer Karriere. «Ganz klar», sagt Caryl Neuenschwander, «wenn wir heute Bern schlagen würden, wäre das nicht vergleichbar. Der SCB hatte damals wirklich die viel, viel besseren Spieler als wir.» Tatsächlich stehen auf Berner Seite Spieler wie Roman Josi, Simon Gamache, Christian Dubé, Ivo Rüthemann, Patrik Bärtschi oder Sébastien Bordeleau. Bei Gottéron, das während der ganzen Serie auf den verletzten Andrei Bykow und ab dem dritten Spiel auch noch auf den gesperrten Topskorer Julien Sprunger verzichten muss, stehen unter anderem die späteren Düdingen-Bulls-Spieler Sandro Abplanalp und Joël Sassi sowie Christian Bielmann, Adrien Lauper und Deny Bärtschi auf dem Eis. «Ich kann mich erinnern, dass es eine sehr, sehr anstrengende Serie war», sagt Neuenschwander, der als einer der wichtigeren Spieler extrem forciert wird.

Hier gehts zum Interview mit Luca Fazzini, Topskorer von Playoff-Gegner Lugano.

Neuenschwanders Erklärung für die Sensation? «Unser Teamgeist war schon aussergewöhnlich.» Plüss erinnert sich, dass Freiburg ein spezielles Ritual habe einführen wollen. Ein grosser Stein, der in den Farben des SCB angemalt ist, soll nach jedem Sieg ein wenig mehr zerstört werden. «Nach dem ersten Sieg holte Alain Reist genüsslich mit dem Vorschlaghammer aus – dumm nur, dass sich vorne das Eisenstück löste. Da hatte der dahinter sitzende Spieler ganz viel Glück. Von da an liessen wir es mit diesem Ritual sein.»

Zum Sieg reicht es auch ohne Ritual. Ein Erfolg, der auch darauf zurückzuführen ist, «dass wir ganz, ganz viel Glück hatten. Da müssen wir ehrlich sein», sagt Plüss. «Ich habe mir die Spiele später noch einmal angeschaut. Bern spielte über weite Strecken auf ein Tor. Aber dass es solche schwer erklärbaren Sensationen gibt, macht den Sport aus.»

Dubés Unverständnis

Schwer erklärbar ist die Sensation von 2008 für Christian Dubé nicht. «Diese Serie hat Gottérons Goalie Sébastien Caron damals ganz alleine gestohlen. In jedem Spiel hatten wir über 50 Schüsse, während Freiburg kaum aus dem eigenen Drittel rauskam.» Tatsächlich spielt Caron wie von einem anderen Stern. Die Pucks seien ihm plötzlich so gross vorgekommen wie Strandbälle, sagte der kanadische Torhüter mit Blick auf diese Serie später. Eine Serie, in der er aus Aberglaube am Abend vor jedem Match ein Fondue isst.

Hier gehts zur Gottéron-Spieleranalyse nach der Quali.

Trotz solcher Anekdoten hat Christian Dubé wenig Verständnis dafür, dass man ihm nach zehn Jahren noch Fragen zu einer verlorenen Viertelfinal-Serie stellt. Auf die Bemerkung, dieser Sieg sei für viele Freiburger grösser gewesen als die ­Final-­Teilnahme 2013, reagiert er sogar leicht gereizt. «Ganz ehrlich: Das kann ich nicht verstehen. Da spielt Gottéron vor fünf Jahren erstmals seit 19  Jahren einen Final – und dann soll eine gewonnene Viertelfinal-Serie gegen Bern grösser sein? Diese Einstellung ist für mich nicht nachvollziehbar.» Er habe in seiner Karriere jedenfalls schlimmere Momente erlebt, Finalniederlagen zum Beispiel. Diese Viertelfinal-Niederlage sei in Bern nicht als Katastrophe wahrgenommen worden.

Das stimmt nicht ganz. Beim ersten Eistraining im Sommer danach empfangen die SCB-Fans ihre Spieler mit einer Banderole, auf der steht: «Vergeben, aber nicht vergessen.»

Das hat sich natürlich mittlerweile geändert. «Zwei Jahre später sind wir Meister geworden. Zuletzt hat der SCB zweimal in Folge den Titel gewonnen. Glauben Sie mir, in Bern ist dieser Viertelfinal längst vergessen. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass diese Serie für euch etwas viel Spezielleres ist.» Der Sportchef von Gottéron sagt nun tatsächlich «euch», wenn er über Freiburg spricht. Und natürlich hat er recht: Bern ist seither viermal Meister geworden, hat Gottéron 2012 im Halbfinal und 2013 im Final schmerzhafte Niederlagen zugefügt – und dennoch, oder gerade deshalb, wird man in Freiburg den 11. März 2008 nicht so schnell vergessen. Denn es ist «Der Tag, an dem das kleine Gottéron den grossen SC Bern besiegte», wie die FN am Tag nach der Sensation titeln …