04.06.2019

Der Mond ist voll

«Der Mond ist saufen gegangen, seht ihr ihn am Tresen hangen, sternhagelvoll und breit …» Schonungslos nüchtern hat der deutsche Dichter Matthias Claudius – ansonsten eher von romantischen Anwandlungen durchwabert – in seinem 1779 veröffentlichten «Abendlied» das wahre Wesen des Mondes als eines schwer alkoholkranken Himmelskörpers besungen. Bekannt geworden ist Claudius’ «Abendlied» übrigens erst in einer von seinem Lektor erarbeiteten entschärften Fassung («Der Mond ist aufgegangen»). Aber seine Beobachtung stimmt: Der Mond macht uns nicht süchtig, er ist es selber. Die amerikanische Flagge jedenfalls, die Neill Armstrong und Buzz Aldrin am 21. Juli 1969 auf dem Mond aufpflanzten, war nicht die erste Fahne, die dort oben wehte.

Der Mond, das ist eine klassische himmeltraurige Trinkerkarriere. Immer wieder nimmt er sich aufs Neue vor, trocken zu bleiben. Was ihm auch gelingt – aber nur einen Tag lang. Wie ein neuer Mond fühlt er sich dann jeweils. Aber dann überkommt ihn erneut das Verlangen und er kippt sich was hinter die zarte Sichel. Nicht viel. Nur was, um sich ein bisschen glänzender zu fühlen. Und weils so guttut, gleich noch ein zweites Gläschen. So füllt er sich die Himmelslampe, und nach vierzehn Tagen ist der Mond voll bis unter die Kraterkante.

Eine Nacht lang sonnt er sich im Rausch. Umso brutaler dann der Kater. 14 Tage ausnüchtern. Therapiesitzung bei den Anonymen All-Koholikern, wo der Mond sich und den anderen weiszumachen versucht, er habe kein Problem mit dem Trinken, er sei ja nur phasenweise voll. Was den Meteoren völlig schnuppe ist, und Neptun, wie immer blau, nimmt ihn eh nicht für voll.

Wieso der Mond säuft? Ich vermute mal, weil er gerne ein anderer wäre, als er ist. Kein treuer Trabant, sondern ein heisser Ferrari, wenn Sie verstehen, was ich meine. Der Mond fühlt sich zu mehr berufen als Ebbe und Flut. Seine dunkle Seite ausleben, das möchte er: das Kalb rauslassen. Mit den Jupitermonden durch die Milchstrasse ziehen und White Russians schlürfen. Oder einen Kometen mit seiner Anziehungskraft für immer aus der Bahn werfen. Und einmal nur, einmal nur aufgehen über der Venus.

Hochfliegende Träume hat der liebe Mond, aber die Schwerkraft zieht ihn gnadenlos runter. Die Erde hält ihn an der kurzen Leine. Das macht ihn schwermütig, und gegen Schwermut hilft nur Wermut. Oder wie Matthias Claudius im zweiten Teil der ersten Strophe seines «Abendlieds» (der Originalfassung) dichtet: «Das All steht schwarz und schweiget, nur aus dem Glase steiget ein kleines bisschen Fröhlichkeit.»