07.10.2020

Meine Depp-Ich-Etage

Ich stelle mir mein Gehirn gerne als Verwaltungsrat meiner kleinen Ich-AG vor. Egal ob neuer Job oder das Zmittag in der Familienkantine – er entscheidet einfach alles. Im Gegensatz zu den meisten Firmen-Verwaltungsräten ist mein Organ weiblich dominiert. Die Erfahrung etwa ist schon seit 43 Jahren dabei und jeden Tag ein bisschen reicher. Dass sie es bisher trotzdem nicht geschafft hat, die Naivität wegzuekeln, freut mich. Denn wer zwischendurch die rosa Brille anzieht, verschliesst nicht die Augen vor der Wirklichkeit, sondern führt sich vor Augen, wie die Wirklichkeit auch sein könnte. Diesen Satz brachte neulich die Hoffnung in einer Powerpoint-Präsentation. Oder war es die Vorstellungskraft? Oder die Kreativität? Diese Damen reden nämlich auch immer ein gewichtiges Wörtchen mit.

Immer sehr sächlich sind meine Compliance-Verantwortlichen: das Gewissen, das Mitgefühl, das Verantwortungsbewusstsein. Analytisch unterwegs ist die Intelligenz. Blöd nur, dass sie in den Sitzungen immer zwischen der Dummheit und der Ignoranz sitzt. Wenn in einer hitzigen Debatte ein Votum aus dieser Ecke kommt, weiss man nie genau: Ist das jetzt klug, auch wenns dumm tönt? Oder wäre Ignorieren das Klügste? Obs ein Seich ist, verrät einem leider häufig erst die Erfahrung im nächsten Morgenbriefing. Darum heisst es wohl auch Depp-Ich-Etage.

Natürlich habe ich auch ein paar Quotenmänner. Allen voran den Verstand, der auf dem Papier zwar als Vorstand firmiert, aber bei eigentlich allen wichtigen Entscheidungen grad auf der Toilette ist oder Kaffee holen. Und dann gibts noch den Zweifel. Ein ekliger Kerl. Da hat der Verwaltungsrat grad ein tolles Projekt beschlossen, der Tatendrang ist schon halb zur Tür hinaus, um operativ zu werden, da räuspert sich der Zweifel: «Schön und gut. Aber ob das wirklich klappen kann?» Der Naivität, die sich schon am Apéro-Buffet bedient hat, fallen vor Schreck die Chips zu Boden – die Zweifel sind gesät.

Als Nächstes kippt die Angst um. «Ich fürchte, der Zweifel hat recht.» Und dann fängt auch noch die Verzweiflung zu heulen an. «Schlafen wir erst mal drüber», vertagt die Vernunft die Sitzung. Und das tun dann auch alle. Ausser dem Zweifel. Der bleibt die ganze Nacht wach und zeichnet immer düstere Szenarien aufs Flipchart. Dafür ist er am nächsten Morgen so müde, dass er einnickt, als die Zuversicht den Plan erneut auf die Traktandenliste setzt. «Wer ist dafür, dem Zweifel das Vertrauen zu entziehen?», fragt die Zuversicht. Alle Hände gehen hoch. Der Verstand hat zwar noch einige Einwände, holt aber erst mal Kaffee für alle. Ob es gut kommt? «Wir werden sehen», sagt die Erfahrung – und hat damit natürlich wie immer recht.