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«Oft sind es kleine Sachen, die eine grosse Wirkung haben können»

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In mehr als fünf Jahrzehnten seelsorgerischer Tätigkeit hat der emeritierte Dompropst Claude Ducarroz viele Menschen in Situationen des persönlichen Umbruchs begleitet, vom Strafgefangenen bis zum Asylsuchenden. 2015 hat er zusammen mit Alt-Staatsrat Pascal Corminboeuf und dem pensionierten Arzt Bernard Huwiler die Gruppe «Wagen wir Gastfreundschaft» gegründet, um Flüchtlinge in Freiburger Privathaushalten unterzubringen. Die FN haben mit dem 79-Jährigen darüber gesprochen, was Aktionen wie diese bewirken können, welche Rolle die Kirche spielt und wie er selber wichtige Entscheidungen trifft.

Claude Ducarroz, wie ist es 2015 zur Gründung der Gruppe «Wagen wir Gastfreundschaft» gekommen?

Es war eine relativ spontane, emotional bedingte Initiative, ausgelöst von der Situation in Syrien, die damals sehr schlimm war. Aus dem Mitgefühl heraus wollten wir einfach und unkompliziert helfen. Dazu kamen die teils gehässigen Reaktionen, die es zum Asylzentrum in der Guglera in Giffers gab. Da wollten wir ein Gegengewicht setzen.

Wie hat sich die Initiative seither entwickelt?

Anfangs ist sie sehr gut angekommen. Inzwischen hat der Elan abgenommen, und wir sind wieder auf der Suche nach Menschen, die bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen. Aber die Initiative ist lebendig, und es leben immer noch Flüchtlinge bei Freiburger Privatpersonen. Die Situation hat sich jedoch verändert, und wir stehen jetzt vor neuen Fragen.

Inwiefern?

Zum einen kommen heute weniger Flüchtlinge in die Schweiz als damals. Darum scheint die Hilfe weniger dringend nötig, und es fällt uns schwerer, Gastgeber zu finden. Ein spezielles Problem betrifft die minderjährigen Asylsuchenden, die vom Gesetz besonders geschützt sind. Es ist schwierig, sie privat unterzubringen, weil die Verantwortung ungleich grösser ist und Bewilligungen schwer zu erhalten sind. Und schliesslich die vielleicht drängendste Frage für uns: Wie sollen wir reagieren, wenn die Menschen, die wir aufgenommen haben, negative Asylentscheide erhalten? Sollen wir dann von der humanitären Hilfe zu einem politischen Engagement übergehen? Diese Frage könnte sich uns bald stellen, und wir haben noch keine Antwort.

Menschen, die eine lange Flucht hinter sich haben und in der Schweiz auf einen Asyl­entscheid warten, befinden sich in einer Ausnahmesituation. Wie können Sie dazu beitragen, dass die Situation für sie leichter wird?

Für diese Menschen ist es schon eine grosse Erleichterung, wenn sie nach ihrer Flucht und dem Aufenthalt in einem Empfangszentrum in unsere Wohnungen kommen. Dann sind es oft kleine Sachen, die eine grosse Wirkung haben können. Dank Spenden kann die Gruppe «Wagen wir Gastfreundschaft» zum Beispiel Sprachkurse finanzieren. Das gehört zum Wichtigsten überhaupt, denn Sprachkenntnisse sind unerlässlich für die Integration. Für einen jungen Afghanen, der mit seiner Familie bei uns im Haus wohnte, habe ich Praktika in einer Garage und in einer Küche vermittelt. Er ist unheimlich dankbar, hat schnell Französisch gelernt und kämpft immer weiter. Auch sein Vater hat vor kurzem eine Arbeitsmöglichkeit gefunden.

Die Afghanen sind eine von zwei Familien, die Sie in Ihrem Haus untergebracht haben …

Ja, in unserem Haus an der Chorherrengasse leben fünf Domherren und drei Mietparteien. Eine weitere Mietwohnung stand 2015 frei, und das Domkapitel war einverstanden, sie für Flüchtlingsfamilien zur Verfügung zu stellen. Für mich war das selbstverständlich: Wenn ich andere dazu aufrufe, Flüchtlinge aufzunehmen, dann muss ich das auch selber tun. Die sechsköpfige af­ghanische Familie war die erste, die zu uns kam. Sie lebt jetzt in einer anderen Wohnung. Die zweite Familie, die bis heute bei uns wohnt, stammt aus Eritrea. Die Eltern kamen mit einem Baby an, inzwischen haben sie ein zweites Kind bekommen. Ich durfte sogar bei der orthodoxen Taufe dabei sein …

Das Beispiel zeigt, dass nicht nur Sie das Leben dieser Menschen verändern, sondern auch umgekehrt …

Ja, natürlich! Die Atmosphäre in unserem Haus hat sich verändert – da steht jetzt plötzlich ein Kinderwagen im Gang. Man trifft sich regelmässig, man redet miteinander, ist aufmerksam, macht sich kleine Geschenke – das ist sympathisch! Bei den anderen Gastgebern, welche die Flüchtlinge nicht in einer separaten Wohnung, sondern bei sich zu Hause aufnehmen, ist die Veränderung noch viel ausgeprägter. Dort werden die Gäste mit der Zeit zu Familienmitgliedern.

Umso schwieriger wird es dann, wenn tatsächlich einmal ein negativer Asylentscheid kommen sollte …

Ja, jedes Mal, wenn ich «unsere» Flüchtlinge sehe, frage ich mich, was aus ihnen würde, wenn sie die Schweiz verlassen müssten. Wenn man diese Menschen näher kennenlernt und sie so lange begleitet, scheint es einem unmöglich, dass sie zurückgeschickt werden könnten. Dieses Problem haben wir vielleicht unterschätzt.

Sie engagieren sich als Mann der Kirche für Menschen in schwierigen Situationen. Warum ist die Kirche da so wichtig?

Das Evangelium sagt es ganz klar: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan», heisst es bei Matthäus. Wir müssen Mitgefühl und Solidarität zeigen und dabei bei den Schwächsten anfangen. Und es gibt viele Christen und christliche Gemeinschaften, die ganz viel tun. Eine Grenze, an die wir heute oft stossen, ist die Angst vor dem Islam. Darum suche ich auch mit Muslimen aktiv den Dialog.

Sie selber haben keine Angst vor dem Islam?

Ich habe keine Wahl: Entweder man hat Angst und riskiert Konfrontationen, oder man vertraut auf das Gute in jedem Menschen und setzt auf ein friedliches Zusammenleben. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Als Christ, gestärkt durch die Kirche, glaube ich an die Begegnung und den Austausch. Wir sollten aus der Geschichte lernen: Die Zeit der Kreuzzüge ist vorbei.

Zurück zu Ihrer Arbeit als Seelsorger: Wie können Sie konkret helfen, wenn sich jemand an Sie wendet?

Ich kann keine Wunder vollbringen, aber ich kann mit Mitgefühl zuhören, das Leid mindern und manchmal helfen, eine Lösung zu finden. Der Vorteil meines Alters ist, dass ich weniger in Strukturen engagiert bin und darum mehr Zeit für persönliche Begegnungen habe. Ich kann mir Zeit nehmen für die Menschen, die mich brauchen. Darum bin ich einst Priester geworden – und bin es seit 53  Jahren gern! Letztlich ist es das Menschliche, das zählt. Erst kürzlich kam bei einer Beerdigung der Sohn des Verstorbenen auf mich zu, um sich bei mir zu bedanken, weil ich ihm geholfen hätte, in seinem Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dank sei Gott!

Wie treffen Sie selber denn wichtige Entscheidungen?

Das Leben ist eine Abfolge von grossen und kleinen Entscheidungen, und ich glaube, dass es voller Zeichen ist, die man nur sehen muss. Als ich zum Beispiel im Priesterseminar vor der Entscheidung stand, mich definitiv zum Priester weihen zu lassen, gab es einen Moment, als ich in der Kapelle betete – da fand ich im Evangelium einen Text, der mir die Antwort gab. Ich wurde Priester, und ich habe es nie bereut.

Auch als Sie 1978 beschlossen, für zwei Monate als «freiwilliger Gefangener» ins Gefängnis Bellechasse zu gehen, gab ein Zeichen den Ausschlag …

Ja, ich hatte damals brieflichen Kontakt mit einem jungen Mann im Elsass. Eines Tages schrieb mir der Mann, er habe jemanden getötet und müsse ins Gefängnis. Ich solle es seiner Mutter sagen, die hier in Freiburg lebte. Aus dem Gefängnis hat er mir weiter geschrieben. Irgendwann wollte ich ihn zusammen mit seiner Mutter besuchen, doch dazu kam es nicht mehr, weil er sich im Gefängnis das Leben nahm. Seine Mutter brachte mir später ein Kruzifix, das ihr Sohn während der Haft aus Draht gebastelt und für mich hinterlassen hatte. In dem Moment beschloss ich, hier in ein Gefängnis zu gehen. Diesem Mann hatte ich nicht helfen können, aber ich wollte hier bei uns zu den Gefangenen gehen, um ihr Leben zu teilen …

Wer vor einer wichtigen Entscheidung steht, sollte also offen sein für Zeichen …

Ja, das auch. Und man sollte gut nachdenken, beten und sich bei den richtigen Menschen Rat holen.

«Die Atmosphäre in unserem Haus hat sich verändert – da steht jetzt plötzlich ein Kinderwagen im Gang.»

Zur Person

Für die Ökumene und die Menschen

Claude Ducarroz wurde 1939 in eine Freiburger Bauernfamilie geboren. Seine Priesterweihe erfolgte 1965, einige Monate vor dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen Geist ihn sehr prägte. Sein Theologiestudium absolvierte Ducarroz in Freiburg, Rom, München und Paris. Er war in verschiedenen Pfarreien tätig, aber auch in der Priesterausbildung und in der Jugendseelsorge. 2001 wurde er Domherr des Domkapitels St. Nikolaus; von 2004 bis 2017 war er Dompropst. Claude Ducarroz ist bekannt für sein ökumenisches und gesellschaftliches Engagement. Er hat mehrere Bücher publiziert und führt einen eigenen Blog.

cs

Bücher: «En toute sincérité – Ces espérances qui me font vivre» (Editions La Sarine, Freiburg, 2008); «Pour que plus rien ne nous sépare – Trois voix pour l’unité» (mit dem reformierten Pfarrer Shafique Keshavjee und dem orthodoxen Laien Noël Ruffieux; Editions Cabédita, Bière, 2017).

Blog: www.cducarroz.blogspot.com

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