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Pestalozzis abgewetzter Mantel

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

In den Proberäumlichkeiten in einem Berner Industriequartier ist wieder etwas Ruhe eingekehrt. «Der Filmwahnsinn liegt hinter uns», sagt Kostümdesignerin Kai Rudat lachend über die Dreharbeiten von Filmsequenzen. Sie werden auf der Bühne des Freilichtspektakels «Helvetische Revolution» auf Screens zu sehen sein. Dieses feiert am 18. Mai in Murten Premiere.

Wundermittel Schwarztee

Manche Kostüme für das Stück kommen nach den Filmaufnahmen schon wieder zurück in den Fundus. Es ist aussergewöhnlich ruhig an diesem Morgen in der leer stehenden Fabrikhalle, die von den Machern des Freilichttheaters für Vorbereitungen und Proben genutzt wurde. Einen der Räume haben Kai Rudat und Kostümassistentin Ursula Blättler zum Nähatelier umfunktioniert. Eine Bluse liegt auf dem Nähtisch, mit sogenanntem Patinierpuder hat Blättler sie auf alt und schmutzig getrimmt. «Leider sieht man das braune Pulver von weitem zu wenig», sagt sie. Das grelle Scheinwerferlicht tue sein Übriges: Die patinierte Bluse wirke auf der Bühne weiss. Das Problem: Die aus einem Fundus ausgeliehene Bluse darf nur mit dem auswaschbaren Puder gefärbt werden. Blättler ist dabei, ein Duplikat davon anzufertigen, um es dauerhaft einfärben zu können. Das Wundermittel, um die Bluse alt wirken zu lassen: Schwarztee. Für die Flecken braucht Blättler Acrylfarbe, die sie mit dem Schwamm wolkig verteilt. Das sorge für eine natürlich aussehende Nachahmung. Eine andere Methode: «Mit Sprühfarbe aus der Dose habe ich für mich eine bühnenwirksame Technik erarbeitet. Aber so hat jeder seine eigenen Mittel und Wege, um zum besten Ergebnis zu kommen», so Rudat.

 Auf einer Kleiderstange hängen die Kostüme der Hauptdarsteller. «Vor einiger Zeit hatten wir die ersten Anproben», sagt Rudat. Sie nimmt gerade die letzten Änderungen an einem Mantel für die Figur Peter Philipp Wolf vor, den «Lindenstrasse»-Schauspieler Moritz A. Sachs verkörpert. Die Kostüme sind fast fertig. Nun müssen nur noch einige Säume genäht werden und sich die Kostüme in der Praxis beweisen. Eine besondere Behandlung wird Pestalozzis Mantel erfahren: «Wir müssen ihn noch ordentlich mit Schleifpapier abwetzen und mit Farbe bearbeiten», so Rudat. Es sei überliefert, dass Pestalozzi keinen grossen Wert auf sein Äusseres gelegt habe. «Er dachte halt mehr an die anderen, als an sich.»

Am Boden stehen mehrere Paare antik wirkende Schuhe. Die Schwierigkeit, so Rudat: «Die Schuhe müssen nicht nur gut aussehen, sondern auch gut funktionieren, das heisst bequem sein und alles mitmachen.» Bei einem Musical sei dies noch viel extremer. Dort gebe es einen höheren Verschleiss. Um passende Schuhe zu finden, müsse man findig sein: «Wir haben etwa auch mit Tanzschuhen gute Erfahrungen gemacht.» Auch Reitstiefel stehen zwischen den Schuhen am Boden. «Die sind allerdings nur etwas für schmale Waden», sagt Rudat lachend. Überall haben sie nach passenden Schuhen gesucht, etwa in Brockenhäusern. «Dort habe ich etwa geeignete Bally-Schuhe gefunden», erläutert Blättler. Aus Kostengründen greifen die beiden auch auf Slipper zurück. Diese werden mit einer angenähten Schnalle auf das Jahr 1798 getrimmt.

Dunkelblau für die Berner

Kai Rudat hat in Zusammenarbeit mit Regisseur Mirco Vogelsang die elf Kostüme der Hauptdarsteller designt. Um die Zeitsprünge zwischen 1768, 1789 und 1798 aufzuzeigen, hat sie sich ein ausgeklügeltes System ausgedacht: Durch Druckknöpfe lassen sich Bordüren entfernen; so lässt sich das Kostüm leicht verändern. Jede Hauptfigur trägt eine andere Farbe, das Paar Daphné und André jedoch Rot. «Damit man sieht, dass sie zusammengehören.»

Für die rund 50 Statisten hat Rudat ein Farbkonzept entworfen. «Ich habe mir Trachtenbücher angeschaut und so die Farben nach Regionen festgelegt.» So trügen die Berner Dunkelblau und Rot, die Aargauer Hellblau und Violett. «Damit kann man sie von weitem gut unterscheiden.»

Die Wahl der Farben sei keine Wiedergabe historischer Fakten, sondern künstlerische Interpretation. «Diese Freiheit kann man sich erlauben», meint sie mit einem Augenzwinkern. Die meisten Kostüme stammen aus einem Fundus aus Basel, andere aus dem Brockenhaus. «Ich habe zum Beispiel ganze Trachten gefunden», sagt Blättler über die umfangreiche Sammlung von Kleidern, die im Nebenraum untergebracht ist. Trachten hätten sie von einem Theaterverein ausgeliehen. Viele andere Fundstücke hätten sie eingefärbt. Auch sei aus einem Ikea-Vorhang ein Rock geworden. «Not macht erfinderisch», sagt sie lachend. Wichtig sei zudem, dass die Kleidung funktionell sei, also zum Beispiel nicht hochrutsche. «Wir nähen deshalb Jupe und Oberteil aneinander.» Dies müsse bei entliehener Kleidung aus dem Fundus wieder rückgängig gemacht werden.

Auf dem Tisch liegt eine Tabelle mit den Massen der Statisten. Beim Filmdreh wurden die Kostüme immer wieder getauscht. «Wir haben einen minutiösen Zeitplan angelegt: Wenn jemand zum Beispiel eine Hose nicht brauchte, wussten wir, die ist jetzt frei und kann von jemand anderem benutzt werden», sagt Blättler schmunzelnd. Die Logistik und Organisation machten einen grossen Teil ihrer Arbeit aus.

Ohne Wohnsitz auf Achse

In unzähligen Stunden haben die beiden 38-Jährigen die Kostüme angefertigt und zusammengetragen. «Wir arbeiteten manchmal 14 Stunden, bis Mitternacht», so Blättler. «Man hat während solchen Projekten sowieso kein Privatleben mehr», sagt Rudat und lacht. Während die gebürtige Rheinländerin in Hannover lebt, hat Ursula Blättler keinen Wohnsitz mehr. Seit zweieinhalb Jahren lebt die Theaterschneiderin auf Achse. «Meine Basis habe ich bei meinen Eltern in Triengen.» Es sei manchmal mühsam, aus dem Koffer zu leben. «Im Moment trage ich etwa Fundus-Schuhe», sagt sie und lächelt. Sandalen habe sie keine eingepackt. «Ich möchte aber nicht wieder tauschen», so die ehemalige Hauswirtschaftslehrerin. Rudat hat dieses Jahr in ihren angestammten Beruf zurückgewechselt. Vorher führte sie mit einer Freundin ein Unternehmen, für das sie aus Feuerwehrschläuchen Korsetts und mehr gefertigt hat. Unter Regisseur Vogelsang hat sie schon die Kostüme für das Musical «Die Schwarzen Brüder» entworfen. «Alles Historische fasziniert mich», sagt sie. Blättler teilt Rudats Begeisterung: «Wenn ich etwa durch das Grauholz fahre, denke ich daran, dass hier eine Schlacht stattgefunden hat.» Trockene Fakten und Jahreszahlen bekämen eine Bedeutung, «die Dinge werden lebendig.»

Inzwischen ist die Kreativtruppe von rund 150 Personen von Bern nach Murten umgezogen. Weil Rudat nach der Premiere nach Hannover zurückkehren wird, wird Ursula Blättler in Murten als Chefdresserin im Einsatz sein.

 

Zahlen und Fakten

Bereit für die Premiere einer Revolution

Am Abend des 18. Mais feiert das Freilichtspektakel «Helvetische Revolution» auf einem Hügel zwischen Murten und Münchenwiler Premiere. Tickets für die zweite Eigenproduktion von Murten Productions sind schon seit einer Weile erhältlich. Die Veranstalter bitten die Besucher, per Shuttlebus anzureisen.ea

 

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