Greyerz 01.12.2018

Der Nikolaus und seine Vettern

Siegeszug des Santa Claus in den USA: Glückwunschkarten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, mehrheitlich hergestellt in Deutschland und für den amerikanischen Markt bestimmt.
Was verbindet den heiligen Nikolaus mit dem Weihnachtsmann? Warum bringt der eine seine Geschenke am 6. Dezember und der andere an Heiligabend? Und was hat Coca-Cola damit zu tun? Das Schloss Greyerz gibt in seiner Weihnachtsausstellung Antworten.

In der Stadt Freiburg zieht heute, am ersten Samstag im Dezember, der heilige Nikolaus durch die Strassen, verteilt Lebkuchen und spricht vom Turm der Kathedrale zu den Menschen. Am 6. Dezember, dem Todestag des Bischofs Nikolaus von Myra, werden hierzulande brave Kinder mit Schokolade und Mandarinen beschenkt. In den USA hingegen kommt der Santa Claus am 24. Dezember zu Besuch und bringt den Kindern ihre Weihnachtsgeschenke, ebenso wie Father Christmas in Grossbritannien oder Père Noël in Frankreich. In Russland und in anderen osteuro­päischen Ländern ist es Ded Moros, Väterchen Frost, eine dem Weihnachtsmann ähnelnde Figur, der die Kinder in der Neujahrsnacht beschenkt.

Nikolaustag, Heiligabend oder Neujahr, ein Bischof, ein bärtiger Alter oder ein Wichtel, begleitet von Eseln, Pferden oder Rentieren: Das Brauchtum rund um Nikolaus und Weihnachtsmann ist im Laufe der Generationen immer mehr verschwommen. Das Schloss Greyerz nimmt sich des Themas in seiner diesjährigen Weihnachtsausstellung mit dem Titel «Ho Ho Ho! – Vom heiligen Nikolaus zum Santa Claus» an und versucht, einige Fragen zu klären. «Der Nikolaus oder Santa Claus ist neben dem Christkind die populärste Figur rund um Weihnachten», sagt Filipe Dos Santos, Konservator des Schlosses. «Darum wollten wir genauer wissen, wer er wirklich ist und woher er kommt.»

Wohltätiger Bischof

«Die Ausstellung konzentriert sich auf die christlichen Ursprünge des Nikolaus und lässt die nordische Mythologie ausser Acht», erklärt Kuratorin Marie Rochel. Die Entdeckungsreise beginnt beim heiligen Nikolaus, dem Bischof von Myra, der von 270 bis 343 lebte. Eine seiner guten Taten, so erzählt es die Legende, bestand darin, die drei Töchter eines verarmten Nachbarn vor der Prostitution zu retten, indem er jeder einen Goldklumpen schenkte. Ein anderes Mal soll der Heilige durch Gebete drei Knaben, die von einem Gastwirt ermordet und zerstückelt worden waren, wieder zum Leben erweckt haben. Viele Darstellungen zeigen ihn darum mit drei Goldkugeln oder drei Knaben. Im Schloss Greyerz ist etwa eine dreidimensionale Darstellung aus Freiburg aus dem frühen 20. Jahrhundert zu sehen: Sie zeigt den Bischof mit den drei Knaben; im Hintergrund ist durch ein Fenster die Kathedrale St. Nikolaus zu erkennen. Das Stück ist eine Leihgabe des Museums für Kunst und Geschichte Freiburg, ebenso wie eine Holzstatue unbekannten Ursprungs aus der Zeit um 1600, eines der ältesten Objekte in der Ausstellung.

Im Orient begann der Kult um den heiligen Nikolaus schon im 6. Jahrhundert, während er sich im Abendland ab dem 11. Jahrhundert verbreitete. Das Nikolausfest in Freiburg, bei dem ein Schüler des Kollegiums St. Michael den Heiligen darstellt, gibt es seit dem 16. Jahrhundert. 1764 wurde der Anlass verboten und 1906 wieder aufgenommen. Das Schloss Greyerz zeigt auch eine Auswahl der Nikolauskarten, die das Kollegium St. Michael seit 1916 gestaltet. Von 1916 bis zu seiner Pensionierung 1956 kreierte der Künstler und Zeichenlehrer Eugène Reichlen die Karten; seither stammen die Illustrationen von Schülerinnen und Schülern.

Vom Sinterklaas zum Santa Claus

Für die Verbreitung des Nikolaus respektive des Santa Claus in den USA spielte dessen niederländische Ver­sion, der Sinterklaas, eine wichtige Rolle. Dieser kommt gemäss der Legende per Schiff aus Spanien und ist auf einem Pferd unterwegs, das von Dach zu Dach springt. Die niederländischen Auswanderer, die im 17. Jahrhundert den Atlantik überquerten, nahmen das Sinterklaas-Fest in ihre neue Heimat mit. Populär wurde der Santa Claus in den USA im 19. Jahrhundert. 1821 beschrieb ein anonymes Gedicht mit dem Titel «Old Sante­claus» zum ersten Mal einen alten Mann auf einem von Rentieren gezogenen und mit Geschenken beladenen Schlitten. Zwei Jahre später publizierte die Zeitschrift «Sentinel» in New York das später Clement Clarke Moore zugeschriebene Gedicht «A Visit from St. Nicholas», das die Figur des Nikolaus erstmals mit Heiligabend verknüpfte. Ab 1863 stellte Thomas Nast, Illustrator bei der New Yorker Zeitschrift «Harper’s Week­ly», den alten Mann dar und fixierte die Ikonografie des Santa Claus. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gaben der Aufschwung der Warenhäuser und die zunehmende Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes dem Siegeszug des Weihnachtsmannes weiter Auftrieb, bis schliesslich 1931 die Getränkemarke Coca-Cola anfing, mit dem Bild des Santa Claus Werbung zu machen.

Ein eigenes Kapitel widmet die Ausstellung den düsteren Gefährten des Nikolaus, deren Aufgabe es ist, die unartigen Kinder zu bestrafen. Was bei uns der Schmutzli oder Père Fouettard ist, ist im Elsass der Hans Trapp, in Österreich der Krampus und in den Niederlanden de Zwarte Piet, der Schwarze Peter. Zu entdecken sind auch Verwandte des Weihnachtsmannes, wie das russische Väterchen Frost oder der süddeutsche Belsnickel. Gleich mehrere Antworten gibt es auf die Frage, wo der Weihnachtsmann lebt: In den USA brachte der Zeichner Thomas Nast den Nordpol ins Spiel. Die Finnen befanden 1927, dass die Rentiere am Nordpol keine Nahrung fänden, und erklärten den Ort Rovaniemi in Lappland zum Wohnsitz des Weihnachtsmannes. Für die Norweger lebt er derweil südlich von Oslo, für die Schweden nordwestlich von Stockholm und für die Dänen in Grönland.

Bei so vielen Widersprüchen steht es am Ende jedem frei, zu glauben, was er will. Das ist den Verantwortlichen vor allem mit Blick auf die kleinen Besucherinnen und Besucher wichtig: «Wir sagen nicht, dass es den Nikolaus nicht gibt, und zerstören keine Kinderträume»», so Marie Rochel.

Schloss Greyerz. Bis zum 13. Januar. Täglich 10 bis 17 Uhr (auch an Weihnachten und Neujahr).

Reformation

Der Nikolaus und das Christkind

Mit der Ausbreitung der Reformation im 16. Jahrhundert hatte der Nikolaus in den protestantischen Gebieten Europas einen schweren Stand: Die Reformatoren lehnten die Heiligenverehrung und damit den heiligen Nikolaus ab. Martin Luther selbst soll stattdessen das Christkind erfunden haben, das anstelle des Nikolaus die Geschenke brachte. Dieses Christkind stellte nicht etwa das Jesuskind dar, sondern war eher eine Engelsfigur.

In den damals mehrheitlich protestantischen Niederlanden überlebte der heilige Nikolaus indessen in der Gestalt des Sinterklaas. Ausgerechnet die niederländischen Auswanderer, in der Mehrzahl Protestanten, waren es, welche die Figur im 17. Jahrhundert in die USA brachten. Dort trat sie im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug als Santa Claus an; der englische Name leitete sich vom niederländischen «Sinterklaas» ab.

cs