FREIBURG 02.02.2019

Er hat keine Angst vor heiklen Themen

Stève Bobillier ist für die Schweizer Bischofskonferenz tätig.
Seit über fünf Monaten arbeitet der Philosoph Stève Bobillier als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission für Bioethik der Schweizer Bischöfe. Das philosophische Denken hat seinen Glauben gestärkt.

Der Mann, gross, elegant und vornehm, hätte zweifelsohne auch Karriere als Diplomat oder in der Kommunikationsbranche machen können. Doch der 36-jährige Stève Bobillier entschied sich, für die Kirche zu arbeiten. Einige seiner Freunde hatten Mühe, diesen Entscheid zu verstehen. «Die Kirche hat derzeit einen schlechten Ruf; aber ich glaube fest an diese Institution. Und mein Glaube war stärker als die Vorbehalte gewisser Freunde», versichert der promovierte Philosoph. «Es ist einfach, von aussen Kritik zu üben. Ich finde aber, dass es sinnvoller ist, von innen her an der Verbesserung der Dinge zu arbeiten.» Bobillier ist seit Anfang August 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission für Bioethik der Schweizer ­Bischofs­konferenz (SBK). Der Walliser, der in Freiburg wohnt, hat die schwierige Aufgabe, die Positionen der Kirche im Bereich der Bioethik mit den besonderen Gegebenheiten in der Schweiz in Einklang zu bringen. Oft geht es um sehr heikle Fragen, die die Gesellschaft beschäftigen: um Suizid, Schwangerschaftsabbruch, Leihmutterschaft. Dornige Themen also, doch Stève Bobillier hat keine Angst, sich darauf einzulassen. Denn seine Stelle bei der Kommission bietet ihm die Möglichkeit, zwei der wichtigsten Triebfedern seines Lebens zu verbinden: die Auseinandersetzung mit Ideen und das Engagement für seinen Glauben. Schon in seiner Jugend gefiel es ihm, Dinge zu hinterfragen. Geboren in Orsières, einem Dorf unweit von Marti­gny, wuchs der junge Stève in einem Umfeld auf, in dem der katholische Glaube so selbstverständlich ist wie der Schnee im Winter.

Philosophie führte zu Krise

Die ersten Lektionen in Philosophie am Gymnasium erschütterten jedoch seine althergebrachten Glaubensüberzeugungen. «Ich erlitt eine Art Lebenskrise, als ich feststellte, dass es sehr einfach ist, mit rationalen Argumenten die Existenz Gottes zu verneinen», erzählt Bobillier. Die Auseinandersetzung mit der Philosophie schadete seinem Glauben aber schliesslich doch nicht. «Je weiter ich voranschritt in der Geschichte der Ideen, desto mehr wurde ich eines kohärenten Rasters gewahr, das mich zum Glauben zurückführte.» Allerdings blieb die emotionale Seite des Glaubens zunächst auf der Strecke. Das änderte sich, als Stève Bobillier seine künftige Ehefrau kennenlernte. «Sie holte mich zurück auf den Boden der Realität, indem sie mich wieder mit der intuitiveren, emotionaleren Seite meines Wesens verband.»

Die Geburt der Zwillinge des Paares Anfang 2018 festigte das Gleichgewicht zwischen den Dimensionen Vernunft und Emotion noch mehr. «Kinder intellektualisieren die Dinge nicht. Sie leben voll und ganz in der Gegenwart. Die Geburt meiner Kinder war für mich die grösste Lektion in Philosophie», bekennt der 36-jährige Familienvater. Eine starke Spiritualität hilft ihm, als wissenschaftlicher Mitarbeiter gelassen an die existentiellen Fragestellungen heranzugehen. Im Rahmen seines Studiums an den Universitäten von Freiburg, Paris und Rom befasste sich Stève Bobillier insbesondere mit der Fähigkeit des Menschen, kohärente moralische Normen in sich selbst zu finden. Seine Doktorarbeit hat er über Pierre de Jean Olivi geschrieben, einen französischen Franziskaner, der im Mittelalter lebte. Der Theologe vertrat die Auffassung, es sei Aufgabe des Menschen, selber die ethischen Grundlagen seines Handelns zu finden. Stève Bobillier versuchte, diese Sichtweise in seinem Unterricht als Lehrer umzusetzen.

«Die Geburt meiner Kinder war die grösste Lektion in Philosophie.»

Stève Bobillier

Philosoph