FREIBURG 04.05.2019

Nicht in Konkurrenz zueinander

«Viele Menschen in der Schweiz machen sich Sorgen um ihr Lebensende»: Markus Zimmermann.
Exit verzeichnet einen Rekordstand an Mitgliedern, während der Einstand von Palliative Care harzt. Der Theologe und Ethiker Markus Zimmermann stellt sich den Fragen, die sich in diesem Kontext ergeben.

Die Schweiz tut gut daran, sich schon heute auf die grosse Zahl von betagten Menschen in naher Zukunft und den damit verbundenen kulturellen Umstellungen einzustellen. Diese Meinung vertritt der Freiburger Theologe und Ethiker Markus Zimmermann im Interview dezidiert.

Wie etabliert ist Palliative Care heute in der Schweiz?

Markus Zimmermann: Sie steht erst am Anfang. Im Unterschied zu anderen Ländern wie Belgien, Gross­britan­nien, die USA oder Australien ist Palliative Care in der Schweiz noch nicht nachhaltig und längst nicht in allen Regionen etabliert. In den letzten Jahren gab es allerdings einige Aufbrüche. Einige Lehrstühle für Palliative Care wurden geschaffen. Einige Kantone wie die Waadt und St. Gallen sind schon sehr weit, andere stehen erst am Beginn. Für die Etablierung von Palliative Care sind zwei Bedingungen wesentlich: Einerseits braucht es den politischen Willen, andererseits die nötige Sensibilität in der Bevölkerung und bei den involvierten Berufsgruppen. Was das heisst, lässt sich gut am Beispiel von St. Gallen beobachten. Dort gibt es eine starke Hospizbewegung, die von Gemeinden und Spitälern getragen wird. Und gleichzeitig besteht auch der politische Wille zur Umsetzung der nötigen Massnahmen. Nötig sind da­rüber hinaus auch Leitfiguren, enthusiastische Persönlichkeiten, Vorreiter sozusagen wie beispielsweise Professor Steffen Eychmüller, der von St.  Gallen an die Universität Bern wechselte und sich nun im Kanton Bern für die Etablierung von Palliative Care einsetzt. In der Schweiz besteht natürlich das «Problem» der 26  Kantone mit den 26 Gesundheitsgesetzen: So entsteht der Eindruck, jeder Kanton müsse Palliative Care wieder auf neue Weise erfinden und auf eigene Weise umsetzen, obgleich viele Aufgaben am effizientesten auf eidgenössischer Ebene anzugehen wären.

Gemäss einem Beitrag vom Fernsehen SRF haben die Sterbehilfeorganisationen einen grossen Zulauf. Wie bewerten Sie diese Zunahme?

Der Zuwachs in den letzten vier bis fünf Jahren ist tatsächlich immens. Zu erwarten ist, dass das vorläufig so weitergeht. Viele Menschen in der Schweiz machen sich Sorgen um ihr Lebensende. Sie sehen in der Mitgliedschaft bei einer Sterbehilfeorganisation die Möglichkeit, im Falle eines Falles Hilfe zum Suizid zu erhalten, deshalb treten sie rechtzeitig einer solchen Organisation bei.

Die Mitgliederzahlen der Sterbehilfeorganisationen sind hoch – und doch marginal angesichts der Gesamtzahl der Todesfälle.

Man muss klar unterscheiden zwischen der Anzahl der Mitglieder und der Anzahl von Menschen, welche die Suizidhilfe auch in Anspruch nehmen. Das sind zwei verschiedene Grössen. Die Zahl der Mitglieder ist im internationalen Vergleich in der Schweiz tatsächlich sehr hoch. Das ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass Leute wie der berühmte Schweizer Theologe Hans Küng ihre Mitgliedschaft öffentlich machen oder angesehene Persönlichkeiten wie der Glarner Ständerat This Jenny Suizidhilfe in Anspruch genommen haben und dies vorher öffentlich zum Thema gemacht hatten. Viele werden dadurch geradezu zum Beitritt zu einer Sterbehilfeorganisa­tion ermutigt. Der Beitrittsentscheid ist auch als eine Art Versicherung zu verstehen. So besteht die Möglichkeit, am Ende des eigenen Lebens auch die Suizidhilfe als Option zur Verfügung zu haben.

Die Volksinitiative «Für eine starke Pflege» macht auf das Personalproblem in Spitälern und Heimen aufmerksam. Führt dieser Personalengpass dazu, dass Menschen vermehrt auf Exit setzen?

Ich sehe hier keinen Zusammenhang. Vielmehr stellt sich die Frage nach einer angemessenen Versorgung im gesamten Gesundheitswesen. Pal­lia­tive Care spielt dabei heute zahlenmässig noch eine untergeordnete Rolle, sowohl hinsichtlich der spezialisierten Palliative Care als auch hinsichtlich der allgemeinen Pal­lia­tive Care in der Grundversorgung. Palliative Care ist eine Bewegung, die alle im Gesundheitswesen Tätigen einschliessen muss. Darum ist danach zu fragen, wie die Grundideen und -anliegen von Palliative Care in das bereits bestehende System der Gesundheitsversorgung implementiert werden kann. Eine andere Frage ist: Warum tendieren heute so viele Menschen dazu, die Suizidhilfe für sich in Betracht zu ziehen? Ich glaube, das hat viel mit der Vorstellung von einem guten Sterben zu tun.

«Der berühmte Schweizer Theologe Hans Küng machte seine Mitgliedschaft öffentlich.»
«Es entsteht der Eindruck, jeder Kanton müsse Palliative Care neu erfinden.»

Zur Person

Ein ausgezeichneter Kenner der Materie

Markus Zimmermann war bis 2018 Präsident der Leitungsgruppe des Nationalen Forschungsprogramms 67 Lebensende. Er ist heute Vizepräsident der Nationalen Ethikkommission und Titularprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg mit dem Schwerpunkt Christliche Sozialethik.

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