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Ruth Dreifuss sorgt sich um Demokratie

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Ruth Dreifuss stand als Bundesrätin von 1993 bis 2002 dem Eidgenössischen Departement des Innern vor. In dieser Zeit hat sie die schweizerische Hochschullandschaft entscheidend geprägt. Wie Staatsrat Jean-Pierre Siggen (CVP) am gestrigen Feiertag der Universität Freiburg, dem Dies academicus, sagte, etablierten sich während Dreifuss’ Amtszeit die Fachhochschulen in der Schweiz. Damals sei eine Debatte zwischen Zentralisierung und Harmonisierung der Hochschullandschaft entbrannt. Dank ihr seien die Fachhochschulen regional verankert worden, so Siggen. Freiburg habe seine vier Fachhochschulen behalten können.

Die Anerkennung dafür konnte der Freiburger Erziehungsdirektor direkt an die frühere Magistratin richten. Ruth Dreifuss war nämlich als Ehrenpräsidentin an den Dies academicus eingeladen worden. Sie ist mit der Universität Freiburg schon länger verbunden, ist sie doch auch Ehrendoktorin dieser Institution.

Dreifuss ging in ihrer Ansprache auf mehrere Ereignisse ein, derer in diesem Jahr gedacht wird: das Ende des Ersten Weltkriegs, den Landesstreik, die Pogromnacht, die Deklaration der Menschenrechte oder das Jahr 1968.

«Diese Ereignisse haben eigentlich nichts gemeinsam. Aber sie führen uns alle zur Demokratie», so Dreifuss. Heute gebe es Anzeichen einer Krise der nationalen Demokratien, sogar der stabilsten unter ihnen. Auch in der Schweiz träfen verschiedene Verständnisse von Demokratie aufeinander. So gebe es den Glauben an ein «souveränes Volk», welches von den Regeln eines Rechtsstaates befreit sei. Und auf der anderen Seite die ständige Notwendigkeit, die Prinzipien des Rechtsstaates sowie die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger unter einen Hut zu bringen.

Bekenntnis zu Versprechen

In den letzten Jahren ist es gemäss Dreifuss zu politischen Kampagnen gekommen, die sie als «Strafrechtspopulismus» bezeichnete. Heute sei das Volk aufgerufen, sich zu seinen Versprechen zu bekennen und internationale Verpflichtungen einzuhalten. «Diese Verpflichtungen werden uns nicht durch das Ausland aufgetragen. Wir sind sie aus unserem freien Willen eingegangen, um unsere Grenzen zu überwinden und Probleme zu lösen, die unsere Grenzen überschreiten», sagte Dreifuss.

Auch Rektorin Astrid Epiney erwähnte den internationalen Austausch. Sie bezog dies auf ihre eigene Universität: «Die internationale Ausstrahlung einer kantonalen Universität ist eine Bedingung für ihren Erfolg und ihre Attraktivität.»

Im Rahmen des Dies academicus vergaben die fünf Fakultäten der Uni ihre Ehrendoktortitel. Diese gingen an den Wirtschaftsprofessor Martin Ravallion (siehe Interview), die Professorin und Richterin Helen Keller, die Theologin Nicole Bériou, den Mathematiker ­Lloyd Trefethen und den Antikeforscher Fritz Graf.

Ehrendoktor Martin Ravallion

«Die letzte Meile ist das härteste Stück»

Die Universität Freiburg hat gestern Martin Ravallion den Ehrendoktortitel verliehen. Der gebürtige Australier ist Armutsforscher an der Georgetown University in Wash­ing­ton. Während 25  Jahren arbeitete er für die Weltbank.

 

Martin Ravallion, Sie haben 1990 eine weltweit anerkannte Armutsgrenze definiert: ein Dollar pro Tag. Wie kamen Sie auf die Idee?

Wir haben nicht einfach eine Idee kreiert. Wir nahmen die Armutsgrenzen von Ländern mit geringen Einkommen und sammelten entsprechende Daten. Wir kamen auf einen Durchschnittswert von ungefähr einem Dollar pro Tag. Es ist kein Wert, der für alle Länder gilt, aber es ist der niedrigste vernünftige Grenzwert.

Gilt dieser heute immer noch?

Nein. Wir nahmen als Basis Daten von 1985. Mit den heutigen Preisen sind es mehr als zwei Dollar am Tag. Man muss die Inflation in den Entwicklungsländern berücksichtigen.

Die Armutsgrenze wird also ständig angepasst?

Ja. Wir hatten diesen Wert 1989 festgesetzt und danach Instrumente zum Monitoring geschaffen. Die Armutsgrenze wird seither ständig beobachtet. Wir stützen uns auf Befragungen von über zwei Millionen Haushalten.

Gab es vorher keinen Messwert für Armut?

Nein. Zuvor wurde die Armutsgrenze Indiens für die ganze Welt verwendet. Aber wir wollten einen Wert schaffen, der repräsentativer für die Entwicklungsländer als Ganzes ist. Der Name eines einzelnen Landes sollte nicht für die Armutsgrenze hinhalten.

In jener Zeit grassierte eine Hungersnot in Äthiopien. Benefizkonzerte für Afrika wurden organisiert. Ist es ein Zufall, dass Sie gerade damals eine Armutsgrenze erforschten, oder war das Bewusstsein für Armut besonders gross?

Ich kann mich nicht erinnern, dass da eine Verbindung bestand. Das Interesse an Armut reicht mehr als 200  Jahre zurück. Die reichen Länder waren damals so arm wie die heutigen armen Länder. Dieses Interesse wuchs weiter an. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts versuchte man in Ländern wie England und Frankreich, die Armut zu messen. Wenn man eine Zeit eines besonders konzentrierten Interesses an Armut bezeichnen will, so war dies wohl in den 1960er- und 1970er-Jahren. Dies fiel zusammen mit der Wiederentdeckung der Armut in den USA. In den Entwicklungsländern erwachte das Interesse an Armut erst in den 1970er-Jahren so richtig. In der Zeit nach ihrer Unabhängigkeit.

Was war Ihre persönliche Motivation, die Armut zu erforschen?

Ich wollte, dass Ökonomen dieses Thema ernst nehmen, und zwar als Konzept und Basis für eine politische und wirtschaftliche Evaluation. Es sollte überprüft werden, wie wirksam Massnahmen sind, die angeblich Armut verringern. Wirtschaftswissenschaftler hatten sich bis dahin kaum um Ungleichheiten beim Reichtum gekümmert. Studenten lernten nichts darüber. Das hat sich in den letzten 30  Jahren geändert.

Das Bewusstsein ist also heute ein anderes?

Nicht nur. Ökonomen wollen immer alles in Zahlen erfassen. Deshalb war es sehr wichtig, eine Basis zum Messen der Armut aufzubauen. Heute ist Armut quantifizierbar.

Haben diese Kenntnisse etwas an der Armut ver­ändert?

Oh ja, enorm viel. Die ersten Studien der 1890er-Jahre zeigten auf, dass eine Million Menschen in London in Armut lebten. Das waren die Anfänge der Einführung einer Altersvorsorge. Es entstand eine Sozialpolitik, die sich auf Daten stützen könnte. Vor allem machte sich Scham breit. Reiche hatten zuvor überhaupt nicht verstanden, was es bedeutet, in Armut zu leben. Eine ähnliche Erkenntnis ergab sich aus dem Dollar-pro-Tag-Standard: Die Armut wurde so auch für Wohlhabende verständlich.

Ist die Scham ähnlich gross, wenn es um Armut in anderen Regionen der Welt geht?

Wir sind alles Bürger dieser Welt. Initiativen einzelner Länder haben grosse Auswirkungen auf die Armen in Entwicklungsländern. Globalisierung hilft, Armut zu vermindern, auch wenn es natürlich Gewinner und Verlierer gibt.

Ökonomen erwarten Renditen. Was bringt der Kampf gegen Armut der Wirtschaft?

Ist es nicht von Nutzen für die Wirtschaft, wenn es weniger Arme gibt und dafür mehr Leute mehr Möglichkeiten haben und investieren?

Gibt es heute tatsächlich weniger arme Leute?

Weltweit sinkt die Zahl der Leute in absoluter Armut seit 20 oder 30  Jahren ständig. Wir können wirklich erwarten, dass in 20 bis 30  Jahren die schlimmsten Formen von Armut ausgerottet sind. Wir sind im Plan. Ich bin einzig etwas skeptisch, weil es schwierig ist, die Allerärmsten weltweit zu erreichen. Die letzte Meile ist das härteste Stück.

Das überrascht. In der Schweiz spricht man von zunehmender Armut.

Ja, ungleiche Verteilung und relative Armut sind die grössten Herausforderungen heute. Es gibt immer mehr Menschen, die nach den Standards des Landes, in dem sie leben, arm sind.

Ist es auch schon vorgekommen, dass Sie sich selber arm gefühlt haben?

Ich wuchs arm auf. Nach australischem Standard. Meine Mutter war alleinerziehend und bezog Sozialhilfe. Ich wollte nicht arm sein und merkte bald, dass ich nicht arm bleiben würde. Aber dann entdeckte ich die Armut im Rest der Welt.

uh

 

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