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Schlangenfrass

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Es gibt Schlangen, die sind nach einer Mahlzeit drei Jahre lang pappsatt. Das habe ich im Bus gelernt. Denn Busse sind heute ja auch Fernseher. In einer Endlosschlaufe flimmern dort News von vorgestern, das Wetter von morgen und Werbespots über die aufgehängten Bildschirme. Dazwischen gibt es kleine Wissenshäppchen und Zitate von Einstein und Gandhi.

 Und ich schau hin. Ich kann nicht anders als starren. Wahrscheinlich ein Urmenschen-Reflex. Wenn sich was bewegt im Gebüsch, guckt man hin. Es könnte ja ein Mammut aus dem Unterholz brechen oder ein Säbelzahntiger. Die Bildschirme haben eine hypnotische Wirkung: Neben dem Bus könnte eine Herde von rosa Elefanten vorbeitrampeln, ich bekäme es erst am nächsten Tag mit – als Schlagzeile im Bus-TV. Und diese Bildschirme sind überall: im Bus, am Bahnhof, in der Post, in der Migros.

 

 Und ich guck hin. Es müssen nicht einmal Bildschirme sein. Ständig bin ich auf Empfang. Ich kann an keinem Plakat vorbeigehen, ohne es zumindest aus den Augenwinkeln zu scannen. Werbeaufdrucke auf vorbeifahrenden Lastwagen, Sprüche auf T-Shirts, die Kioskaushänge – ich lese alles. Sogar das Kleingedruckte auf der Kakaopackung – in allen Sprachen. Ich kann kein Italienisch, aber «Versare del latte freddo o caldo in una tazza, aggiungere 2 o 3 cucchiaini da caffé colmi di Banago, mescolare bene et gustare» kann ich auswendig. Verrückt, oder? Und wozu?

Wahrscheinlich ist es die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Also guckt man hin und liest. Dabei ist es nie ein Mammut oder ein Säbelzahntiger, sondern meist einfach nur Informationsmüll, der laut um Aufmerksamkeit schreit.

 

 Ich nehme nie Zucker in den Kaffee, aber den Zuckerbeutel studiere ich bis auf den letzten Buchstaben. Aus Prinzip. Einfach, weil etwas draufsteht. Übrigens: Haben Sie gewusst, dass 89 Prozent der Leute glauben, was auf Zuckerbeuteln steht? Das haben schwedische Forscher herausgefunden. Habe ich irgendwo gelesen. Oder nehmen 89 Prozent der schwedischen Forscher Zucker in den Kaffee? Ich weiss es nicht mehr. Und genau das ist das Problem. Zwar rauscht nonstop eine riesige Informationsflut durch meine Hirnwindungen, aber nichts davon bleibt hängen; schlimmer noch, ich habe das Gefühl, alles, was mal abgespeichert war, wird mit fortgespült. Früher konnte ich Schillers «Glocke» auswendig. Heute ist nur noch die SMS-Version da: «Loch in Erde, Bronze drin, Glocke fertig, bim bim bim.»

 

 Manchmal wünschte ich mir echt, ich wäre eine Schlange. Dann verschlänge ich ein gutes Buch und würde es drei Jahre lang verdauen. Und das Gelesene nie mehr vergessen.

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