Murten 09.07.2019

«Die Baustelle läuft wie ein Örgeli»

Das Ziel der Architekten war es, den Bau in den Hang unterhalb des Autobahnviadukts zu integrieren.
Im Murtner Löwenberg entsteht ein neues Einkaufszentrum. Die Eröffnung des Giganten mit hundert Metern Länge ist auf November geplant. Die FN haben einen Blick auf die Baustelle geworfen.

Der Bau ist weit fortgeschritten und befindet sich an einer guten Lage: Das neue Einkaufszentrum im Murtner Löwenberg liegt auf der Verkehrsachse zwischen Freiburg und Neuenburg und in unmittelbarer Nähe des Autobahnanschlusses der A 1. Mit seinen rund hundert Metern Länge ist der Bau nicht zu übersehen. Störend wirkt er trotzdem nicht: Der Gigant fügt sich sanft in die Umgebung ein.

Spannung erzeugen

Das ist nicht zuletzt wegen der abgerundeten Form der Fall. «Gemeinsam mit der Stadt Murten haben wir überlegt, wie das aussehen muss», erklärt Reto Campiotti von Coop, der Bauherrin. Sie hätten eine Art Wettbewerb gemacht, «und daraus hat sich diese Form ergeben». Es sei von Beginn an das Ziel gewesen, «den Bau in die Umgebung zu integrieren und nicht herauszuheben, also ihn in den Hang vor dem Autobahnviadukt einzubetten». Sie hätten nach einer architektonischen Sprache gesucht, «und diese hat sich durch die Rundung und durch das Glashaus ergeben». Die Spitzen des Glashauses «geben dem Gebäude Schnitt», sagt der ausgebildete Architekt. «Mit hundert Metern Länge darf es nicht langweilig sein, wir mussten Spannung erzeugen.» Der überarbeitete Entwurf für den Bau stamme vom Architekturbüro Burckhardt und Partner AG aus Bern.

118 Betonpfähle

Knapp 43 000 Kubikmeter Erde trugen die Arbeiter vom Hang ab für das Bauwerk, wie Campiotti festhält. Da es unmittelbar neben dem Autobahnviadukt liegt, war Vorsicht angesagt: «Wir haben die Bewegungen des Viadukts permanent gemessen.» Der Zeiger habe nur wegen Temperaturschwankungen ausgeschlagen. Um den Hang zu sichern, hätten sie 118 Betonpfähle mit 90  Zentimetern Durchmesser eingeschlagen. Zudem seien 198 Anker mit einer Länge von 9 bis 30 Metern im Boden, so dass die Rückverankerung während der Bauphase sichergestellt werden konnte.

Oberhalb des Hangs befindet sich auch eine Quelle. Sie ist in Privatbesitz. Um das Quellwasser in die richtigen Bahnen zu lenken, «haben wir mehrere Leitungen gelegt». Das sei nicht ganz einfach gewesen, «immer wieder sprudelte irgendwo Wasser», sagt Cam­piotti lachend. Auch der Löwenbergbach befindet sich auf dem Gelände, wo Fische und auch ein Biber zu Hause seien. Für die Zufahrt über den Bach habe Coop eine Brücke gebaut.

Emmentaler Weisstanne

Die Fassade ist aus Holz. «Anfänglich planten wir eine Fassade aus Blech», erzählt Campiotti. Doch dann hätten sich neue finanzielle Möglichkeiten ergeben. Damit sei eine hochwertige und nachhaltige Holzfassade gemäss dem Vorschlag des Architekturbüros möglich geworden. «Das geschah, kurz nachdem die Baubewilligung vorlag und wir die Ausführungsplanung erarbeiteten.» Nach Absprache mit der Gemeinde Murten hätten sie definitiv von Blech auf Holz gewechselt. Dabei handle es sich um 100 Kubikmeter Weisstanne aus dem Emmental, «druckimprägniert und in Sandbraun».

So sei nach der Baubewilligung Positives entstanden. Und es ging so weiter seit dem Baubeginn im Februar 2018: «Die Baustelle läuft wie ein Örgeli», freut sich Campiotti. Das sei nicht immer der Fall. «Wir hatten keine Verzögerung, das zeigt auch die Stimmung unter den Bauarbeitern.»

Murten als Pilotprojekt

Der Bau sei zu 100 Prozent digital geplant. Alles werde nach den Grundstrukturen des BIM (Building Information Modelling) in 3-D erarbeitet. Die Bauherrin habe damit früh Planungs- und Projektsicherheit in der Umsetzung. «Daten und Informationen werden mit dem Projekt generiert.» Das diene auch späteren Prozessen wie dem Gebäudeunterhalt. «Wir haben vier Pilotprojekte für diese zukunftsträchtige Art der Planung, Murten ist eines davon.»

Auf dem Dach befindet sich die Unterkonstruktion für eine Fotovoltaik-Anlage, die sich über rund 3000 Quadratmeter erstrecken wird. «Wir werden das Dach extensiv begrünen und mit der Anlage einen grossen Teil unseres Energiebedarfs selber erzeugen.»

174 Parkplätze würden dereinst bereitstehen, und auch eine Bushaltestelle werde es geben beim Kreisel Löwenberg. Mit dem Bau schafft Coop im Löwenberg rund 6200 Qua­dratmeter Verkaufsfläche. 5100 Qua­dratmeter sind für Coop selber, 1100 wird ein Fitnessstudio beanspruchen. Auch eine Apotheke und ein Nachtschalter für den Bezug von Medikamenten sind vorgesehen. Die Eröffnung ist für Anfang November geplant. Die Verkaufsflächen werden nicht aussehen wie gewohnt: Murten ist ein Prototyp für ein neues Einkaufscenter-Design. Campiotti wollte nur so viel sagen, dass auch bei der Fassade Neuerungen vorgesehen seien: «Wir werden testen, wie farblich unterschiedliche Beleuchtungen in der Dämmerung oder am Morgen wirken.» Die LED-Lampen seien bereits eingebaut. «So können wir die Fassade zum Beispiel an Ostern in Grün erstrahlen lassen.»

«Immer wieder sprudelte irgendwo Wasser.»

Reto Campiotti

Bauherrenvertretung Coop

«Die Spitzen des Glashauses geben dem Gebäude Schnitt.»

Reto Campiotti

Bauherrenvertreter Coop

Chronologie

2018 begannen die Bauarbeiten

Ein erstes Baugesuch von Coop für das neue Einkaufszentrum im Löwenberg lag 2012 auf. Darin waren der Abbruch von verschiedenen Gebäuden sowie Rodungen vorgesehen. 2014 gab es ein weiteres Baugesuch: Dieses umfasste einen Supermarkt mit Food- und Non-Food-Artikeln, einen Bau- und Hobby-Markt sowie ein Restaurant. Im Gesuch wurden die Baukosten mit 21,8 Millionen Franken angegeben. Der Detailhändler erhielt die Baubewilligung 2017. Vorgesehen war der Baustart für Herbst 2017. Es ging aber erst Anfang 2018 los. Diese Verschiebung erklärte der Detailhändler mit einem grösseren Zeitaufwand für die Bauplanung. Neben dem Einkaufszentrum betreibt die Coop Mineraloel AG eine Tankstelle. Diese öffnete 2018 nach langwierigen Diskussionen wegen der Verkehrs­führung.

jmw