Kerzers 08.02.2019

«Die Groupe E gehört uns allen»

Gemeinderäte, Grossräte und Unternehmer besuchten das Wirtschaftsforum des Regionalverbands See in Kerzers.
Für kleine und mittlere Unternehmen sind Staatsbetriebe oft eine unliebsame Konkurrenz. Für die Bevölkerung jedoch sind sie eine Notwendigkeit und bringen viel Geld in die Staatskasse. Zu diesem Schluss kam am Mittwoch das Wirtschaftsforum See-Lac.

«Der Staat als Akteur in der Privatwirtschaft – Notwendigkeit oder unliebsame Konkurrenz?» So lautete das Thema des diesjährigen Wirtschaftsforums See-Lac des Regionalverbandes See am Mittwochabend in Kerzers. Wie Oberamtmann Daniel Lehmann vor gut 100 Teilnehmern sagte, ist vor allem im Kanton Bern eine heisse Diskussion zu dieser Frage entstanden. Nach einer gut zweistündigen Debatte zog er das Fazit, dass der Staat sowohl eine Notwendigkeit als auch ein unliebsamer Konkurrent ist.

BKW auf Einkaufstour

Wie unliebsam Staatsbetriebe sind, erläuterte Toni Lenz, Präsident der Berner KMU, anhand etwa der Post, der SBB, der Swisscom oder der Berner Kraftwerke (BKW), welche auf Einkaufstour von Firmen gehen und eine Vielzahl von Produkten und Dienstleistungen anbieten, die nichts mit ihrem Kerngeschäft zu tun haben. So fragte er sich etwa, ob die Post sauber abgrenzt, wenn sie in ihren Poststellen Büromaterial und vieles mehr verkauft. «Die BKW hat gar eine Firma in Schaffhausen gekauft», ergänzte der einheimische KMU-Vertreter Beat Moser. Lenz forderte deshalb eine Privatisierung und klare Abgrenzungen.

Kantonalbank als Retterin

Anders sahen es der Freiburger Volkswirtschaftsdirektor Olivier Curty und Dominique Gachoud, CEO der Groupe E. Curty fragte sich, ob Freiburg eine Kantonalbank mit Staatsgarantie brauche, wenn auch die anderen Banken die Bevölkerung und Unternehmen mit Geld versorgen und die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen. «Ohne die Kantonalbank gäbe es einige Unternehmen und somit Arbeitsplätze im Kanton nicht mehr», hielt er fest und wies darauf hin, dass sie als Kantonalbank höhere Risiken eingehen müsse. «Staatsbetriebe haben die Interessen der Freiburger Wirtschaft wahrzunehmen, Jugendliche auszubilden und Arbeitsplätze zu schaffen und zu retten. Und das fordern wir auch ein», fuhr er fort und rief in Erinnerung, dass die Kantonalbank seit 1990 fast 700 Millionen Franken an Steuern und Abgeltungen an den Staat abgeliefert hat.

Der Volkswirtschaftsdirektor fragte sich auch, ob es angebracht sei, dass der Staatsrat in den Verwaltungsräten der staatlichen Anstalten vertreten ist. Er selber sitzt im Verwaltungsrat der Groupe E. «Ich kann dort die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger einbringen», sagte er und stritt ab, dass die Groupe E dadurch einen Wissensvorsprung habe. Dies bestätigte auch Gachoud. «Wir erfahren nicht früher als die KMU von Vorhaben», antworte er auf entsprechende Vorwürfe. «Und vergessen wir nicht: Die Groupe E dient der Allgemeinheit. Und da der Staat gut 80 Prozent ihrer Aktien besitzt, gehört sie uns allen», ergänzte Curty.

Umfeld im Umbruch

Nach Worten von Dominique Gachoud befindet sich die Energiebranche im Umbruch. «Wir sind vermehrt der Konkurrenz von anderen Energiekonzernen wie BKW, Alpiq oder Axpo ausgesetzt. Der Markt ist offen», betonte er und wies darauf hin, dass die Groupe E künftig kundennahe Gesamtlösungen anbieten müsse, von der Beratung über die Umsetzung bis hin zur Wartung. «Deshalb legt die Groupe E ihren Rechnungen auch Werbung für Haushaltsgeräte bei», rechtfertigte er dieses von den KMU kritisierte Vorgehen. Der Umbruch finde auch dort statt, wo Hauseigentümer mit Photovoltaikanlagen ihren überschüssigen Strom den Nachbarn verkaufen können, oder wenn künftig Neubauten 20 Prozent des Energieverbrauchs selber produzieren müssen. Er versicherte auch, dass die Groupe E klar zwischen ihrer Monopolstellung und ihren Firmen, die der Konkurrenz ausgesetzt sind, trenne. «Der Bereich, in dem die Groupe E noch eine Monopolstellung einnimmt, ist sehr klein», fügte Curty bei. Und Gachoud gab zu verstehen, dass auch die Groupe E Risiken eingeht, etwa, als sie bereits vor 40 Jahren ins Geschäft mit den Wärmepumpen eingestiegen ist, wovon nun auch andere Unternehmen profitieren. Dies sei auch der Fall, wenn die Groupe E bei grossen Vorhaben ein Konsortium mit KMU bilden könne. «So bleibt die Arbeit in der Region.»

Gebäude sanieren

KMU können aber auch von staatlichen Programmen profitieren, etwa vom Gebäude­sanierungsprogramm, wie Olivier Curty ausführte. «Wir haben im Jahre 2017 853 Projekte für 10,8 Millionen, im Jahre 2018 956 Projekte für 15 Millionen Franken unterstützt», hielt er fest und wies darauf hin, dass so Arbeiten für rund 100 Millionen Franken angefallen sind.

Am Schluss ehrte Susanne Schwander, FDP-Grossrätin und Präsidentin des Wirtschaftsbeirats des Regionalverbandes, die Teilnehmer des Seebezirks an den SwissSkills, den Schweizermeisterschaften für angehende Berufsleute, die eine Goldmedaille erobert hatten. Nach ihren Worten benötigt die Berufslehre einen solchen Popularitätsschub. Sie gab zu bedenken, dass die Hälfte der Jugendlichen bereits ein Universitätsstudium anpeilten. Danach konnten sich die Teilnehmer im gemütlichen Teil bei einem Apéro riche der Gemeinde Kerzers austauschen und vernetzen.

Wirtschaftsförderung

Konkurrenzfähig dank Bodenpolitik

Volkswirtschaftsdirektor Olivier Curty präsentierte in Kerzers eine lange Liste von Unternehmen, an denen sich der Kanton beteiligt. Für ihn ist es aber auch wichtig, dass der Kanton eine aktive Bodenpolitik betreibt, etwa in der Stadt Freiburg mit der Blue Factory, in Romont mit dem Areal der ehemaligen Tetra Pak, in St. Aubin oder in Marly. «Wichtig ist, dass wir bei Anfragen rasch Industrieland zu vernünftigen Preisen anbieten können. So sind wir konkurrenzfähig. Wir wollen die Wirtschaft fördern», betonte er. Einmalig in der Schweiz sei es, dass der Staat in St. Aubin neben Industrieland auch 100 000 Quadratmeter Landwirtschaftsland gekauft habe. Weil dort Unternehmen im Agro-Bereich willkommen seien, könnten sie dieses Land zum Beispiel für Versuche nutzen.

az