Kritik 27.08.2018

Die Suche nach der Erlösung

Wael Sami Elkholy kombinierte arabische Gesänge mit elektronischer Musik.
In der Reihe «Offen für Neues» standen am Samstag Werke 13 zeitgenössischer Komponisten auf dem Programm der Murten Classics. Die ungewohnten Klänge pendelten stets zwischen Spannung und Auflösung.

Dass am Samstag kein alltägliches Konzert der Murten Classics stattfand, zeigte bereits der Übertragungswagen von Radio SRF, der vor dem KiB Beau­lieu stand. Eine Serie von drei Konzerten mit Werken von 13 zeitgenössischen Komponisten weckten über die Grenzen der Region hinaus Interesse. Die Stühle im Kulturzentrum waren fast bis auf den letzten Platz besetzt.

Bereits die ersten Werke zeigten deutlich, wie stark sich die zeitgenössische klassische Musik zumindest in Mitteleuropa an der Atonalität orientiert. Nicht nur tonale, auch thematische Bezüge lösen sich in dieser Musik weitgehend auf. Dadurch prägt sich diese Musik nur schwerlich ins Gedächtnis ein. Bleibenden Eindruck hinterliessen etwa Werke wie «si…alors…» des armenischen Komponisten Aram Hovhannisyan, in denen der Komponist neue Wege sucht, um Klänge zu erzeugen. So schlug Pianist Gilles Grimaître die Saiten im offenen Konzertflügel einmal wie bei einem Hackbrett an. Dann wieder klangen die Saiten wie Streichinstrumente.

Barock scheint durch

Spannend war auch das Werk «­Dual» für Flöte und Streichtrio von Fritz Voegelin. «Er hat Anfang der Neunzigerjahre mehrere Jahre in Kolumbien gelebt», erzählte Moderator Roman Brodbeck. Und das zu einer Zeit, als die Gewalt in Kolumbien allgegenwärtig war. So sei er einst mit einem frisch komponierten Werk in einen Kugelhagel geraten. «Diese Erfahrungen haben ihn und seine Musik geprägt.» Tatsächlich meint man, eine Ruhelosigkeit aus dem Werk herauszuhören. Interessant war dabei vor allem, wie Voegelin sich mehrfach älteren Stilrichtungen näherte, ohne sie wirklich aufzunehmen. Einmal meinte man, Vivaldi herauszuhören, ein andermal schien ein romantisches Thema durch, schliesslich wähnte man sich kurz in der Klezmer Musik. Doch bevor man dies richtig realisierte, hatten sich diese Reminiszenzen in Luft aufgelöst.

Arabische Klangwelt

Der arabische Komponist Wael Sami Elkholy interpretierte gleich selber sein «Sky Calls» für Stimme und Tonband. Mitten aus dem Zuschauerraum stieg seine vibrierende Stimme auf. Elkholy nahm sich arabische Gesänge zum Vorbild. Er kombinierte die Gesänge mit elektronischer Musik, indem über das Tonband zunehmend Antworten kamen, oft in Form einzelner Töne in ganz unterschiedlichen Klangfarben. Zwischen Elkholys Stimme und dem Tonband entwickelte sich ein faszinierendes rhythmisches Spiel. Mehr und mehr Klänge kamen über das Tonband hinzu bis hin zu Klangclustern, eigentlichen Klangtrauben. Elkholy legte viel Energie in den Gesang, schien zeitweise fast versunken in die Musik. Das Pub­likum lauschte gebannt.

Erinnerung an Amélie

Schliesslich kam er im zweiten Konzert ganz unvermittelt: ein Moment der Ruhe und Entspannung. Und zwar in Form des Klavierstückes «Leis wie eine Märchenweise» des tschechischen Mathematikprofessors Jan Beran. Seine Stücke hätten nichts mit Mathematik zu tun, kündigte der Komponist vor dem Konzert an. Er schreibe gerne tonale Musik. Sein Werk verströmte eine leichte, fliessende Melancholie. Manch ein Zuhörer dürfte sich dabei an den Film «Le fabuleux destin d’Amélie Poulain» erinnert fühlen. Doch Beran durchbricht diese Melancholie zwischendurch mit dramatischeren, leicht dissonanten Passagen.

Gelungenes Experiment

Die drei Konzerte zeigten, dass auch in der zeitgenössischen Musik klangliche Vielfalt möglich ist. Trotzdem: Diese Musik fordert Konzentration und Ausdauer. Sie spricht eher den Kopf als das Herz an. Sie eignet sich kaum für eine grosse Bühne. Schön ist aber, dass solche Experimente neben den populären Konzerten Platz im Festivalprogramm finden.

«Die drei Konzerte zeigten, dass auch in der ­zeitgenössischen Musik klangliche Vielfalt möglich ist. Trotzdem: Diese Musik fordert Konzentration und Ausdauer.»