Kerzers 30.11.2018

Ein bewegtes Leben

Anna Gutknecht feierte gestern ihren 100. Geburtstag.
Über viele Stationen führte Anna Gutknechts Weg von Grindelwald nach Kerzers. Trotz einiger Enttäuschungen behielt die 100-jährige Dame ihren Lebensmut.

«Sie haben immer wieder die schönen Seiten des Lebens gesucht und gefunden», sagte Staatsrat Jean-François Steiert gestern anerkennend und überreichte Anna Gutknecht eine Flasche Wein – stellvertretend für die 100 Flaschen, die sie zu ihrem 100. Geburtstag von der Kantonsregierung als Geschenk erhält. Nicole Schwab, Gemeindepräsidentin von Kerzers, der Gemeindeschreiber Erich Hirt, Familienmitglieder sowie die Bewohner und Mitarbeiter des Alters- und Pflegeheims von Kerzers gratulierten der Jubilarin an ihrer Feier ebenfalls.

Von der Mutter getrennt

Geboren wurde Anna Gutknecht in Grindelwald als erstes von vier Kindern. Vier Jahre später verunglückte ihr Vater beim Holzholen tödlich. Einer ihrer Brüder und sie selber wurden zu anderen Familien gebracht. «Verloren meine Brüder, verloren die Heimat», so die Jubilarin in ihrem säuberlich geschriebenen Lebenslauf. «Tränen durften nur im Finstern fliessen.» Mehrmals musste sie im Laufe der Jahre die Familie und den Wohnort wechseln.

1939 heiratete Anna Gutknecht, und sie gebar bald ein Mädchen. «Ich hatte wenig Geld, und meistens verlangte mein Mann, wenn er wieder mal zu Hause war, noch den letzten Rappen», erinnert sie sich. Schliesslich kam es zur Scheidung.

Ein zweites Mal heiratete sie 1946. Die Familie lebte erst in Bern, dann in Kerzers in einem Haus mit einem grossen Garten. Mit ihrer Tochter fuhr sie nach Österreich in die Ferien. «Bergsteigen, Wandern und stets gutes Wetter, das war Erlebnis pur.» Doch nach rund 20  Jahren fand Anna Gutknecht heraus, dass ihr Mann eine Freundin hatte. Deshalb reichte sie die Scheidung ein.

Schliesslich lernte sie Fritz kennen, den sie 1973 heiratete. Beide arbeiteten hart und waren sehr glücklich. «Das Miteinander, das Verständnis, die ganze Arbeit, alles wurde zum Segen für uns. Fritz war Bauer mit Leib und Seele, und das lehrte er mich auch.» Trotz häufiger Sorgen und Nöte, die beide durchkämpfen mussten, sei zwischen ihnen immer Liebe und Gottvertrauen gewesen. Nach 21  Jahren gemeinsamer Zeit in Kerzers starb ihr Mann. «Mit dem Tod von Fritz ging die glücklichste Zeit meines Lebens zu Ende», so die Jubilarin, die 2010 ins Alters- und Pflegeheim von Kerzers eintrat.

An ihrer Feier sagte sie den Gästen mit klarer und kräftiger Stimme: «Vergesst die Liebe nicht. Diese macht das Leben schön. Egal, wie das Wetter ist, die Sonne kommt immer wieder hervor.»