Fräschels 27.02.2018

Eine Armenierin erhält Flügel

Urs Köchli, Ani Latoyan und Madeleine Köchli (v. l.). «Ich fühlte mich bei meiner Gastfamilie mehr als zu Hause», sagt Ani Letoyan.
Die Armenierin Ani Latoyan hat ein knappes Jahr in der Schweiz verbracht. Als erste Armenierin machte sie beim europäischen Freiwilligendienst mit. Sie lebte bei Madeleine und Urs Köchli in Fräschels.

«Die Zeit in der Schweiz hat mir Flügel verliehen, und ich hoffe, dass ich sie nicht breche, wenn ich zurück in meiner Heimat bin», sagt die Armenierin Ani Latoyan in Fräschels. Knapp ein Jahr lang lebte die 28-Jährige bei Madeleine und Urs Köchli in einem ehemaligen Bauernhaus im Fräschelser Dorfkern. Nun ist die Zeit für die Rückkehr nach Armenien gekommen. Der Aufenthalt kam über zwei Non-Profit-Organisationen zustande: International Cultural Youth Exchange (ICYE) widmet sich dem internationalen Jugend- und Kulturaustausch und die Organisation EFD dem Europäischen Freiwilligendienst.

Ani Latoyan stammt aus der armenischen Hauptstadt Jerewan. «Meine Mutter ist Lehrerin, mein Vater Ökonom», erzählt die junge Frau in Englisch. Sie habe zwar Deutsch gelernt, getraue sich aber noch nicht, in dieser Sprache zu sprechen. Ani Latoyan hat einen Masterabschluss in Marketing und suchte nach einer Möglichkeit, die weite Welt zu entdecken. «Ich hatte nach Jugendaustauschprojekten Ausschau gehalten, doch Armenien kam in der Auflistung des europäischen Freiwilligendienstes nicht vor – Armenien gehört ja nicht zur EU», erklärt die junge Frau. Doch sie liess sich nicht so rasch beirren und bewarb sich dennoch. Mit Erfolg: Als erste Armenierin überhaupt hat sie vom europäischen Freiwilligendienst den Zuschlag erhalten. «Ich war überglücklich, als ich hörte, dass sie mich gewählt haben.» Die Schweiz sei ihre grosse Liebe. Bereits vor vier Jahren habe sie sich kurz in der Schweiz aufgehalten. «Als klar war, dass ich über den Europäischen Freiwilligendienst in die Schweiz darf, war ich begeistert.»

Während ihrer Zeit in der Schweiz arbeitete Ani Latoyan in Bern auf der Geschäftsstelle der Jugendaustauschorganisation ICYE in Form eines Freiwilligendienstes. «Ich erhielt ein Sackgeld», erklärt die 28-Jährige.

Die Arbeit habe ihr gut gefallen, berichtet die junge Frau. «Ich half mit, verschiedene Austauschprojekte zu organisieren, unter anderem in Costa Rica.» Auch für ältere Leute sei das möglich, merkt Ani Latoyan an. Sie habe Kontakte zu Gastfamilien geknüpft, Reisen organisiert und bei Informationsabenden sowie Workshops mitgeholfen. «Ich kann nur allen empfehlen, eine solche Freiwilligenarbeit in einem anderen Land in Angriff zu nehmen; ich habe dabei viel gelernt.» So habe sie ihr Zeitmanagement besser in den Griff bekommen und gelernt, sich zu organisieren. «Ich war vorher viel emotionaler», fügt Ani Latoyan hinzu. Der Unterschied zwischen ihrem Heimatland Armenien und der Schweiz liegt für die junge Frau auf der Hand: «Die Schweizer sind besser organisiert, und sie folgen den Regeln.» Das sei in Armenien leider weniger der Fall. Sie sei zum Beispiel überrascht gewesen, als die Abstimmungsunterlagen ihrer Gasteltern mehr als zwei Wochen im Voraus per Post eintrafen. «Das läuft in Armenien ganz anders.» In der Schweiz sei es wie im Märchen: «Wenn ich mit dem Zug nach Bern fahre und aus dem Fenster schaue, denke ich jedes Mal, wie unglaublich schön es hier doch ist.»

Die Rollenverteilung

Das Klischee, dass Schweizer nicht offen seien, stimme nicht: «Meine Schweizer Gastfamilie hat mich ihren Freunden vorgestellt, und ich fühlte mich rasch sehr gut aufgenommen». Alle seien offen auf sie zugegangen. Es sei für sie interessant gewesen, zu sehen, wie ein Schweizer Ehepaar lebt. Die Beziehung zwischen Männern und Frauen sei in ihrer Heimat schon anders: «Die Männer sind konservativer.» Es gebe zwar ein paar Frauen in der armenischen Regierung, doch eben nur wenige. «Und es gibt wohl nur wenige Armenier, die auch Geschirr abwaschen.» Der Mann sei der «Head of everything», der Boss für alles, sagt Ani Latoyan. Sie wolle neue, innovative Ideen mitnehmen nach Jerewan. Sie habe einen PR-Job in Aussicht.

Seltsam findet Ani Latoyan jedoch, dass in der Schweiz Kinder von der Brücke in Niederried in die Aare springen dürfen. Das sei doch gefährlich. «Und auch wenn das Wasser kalt ist, gehen die Schweizer schwimmen», wundert sich die 28-Jährige. Sie sei mit Ballett- und Musikunterricht aufgewachsen. Schwimmen stehe nicht auf dem armenischen Schulplan. «Ich habe mir nun aber vorgenommen, Velo fahren zu lernen», sagt Ani Latoyan und lacht fröhlich.

Gasteltern

Köchlis reisen im Mai nach Armenien

Ohne Gasteltern sind Austauschprogramme nicht möglich. «Wir erhalten dafür kein Geld», erklärt Madeleine Köchli. Doch der Aufenthalt junger Menschen in ihrem Haus sei eine grosse Bereicherung. «Es braucht mehr Gastfamilien», betont Köchli. Ani Latoyan sei bereits die Zweite, die sie bei sich aufgenommen haben. Ihre eigenen Kinder seien bereits ausgeflogen. «Es ist eine Horizonterweiterung, denn wir lernen andere Sichtweisen kennen», sagt Urs Köchli, «und das Haus ist sonst leer.» Im Mai reisen Köchlis nach Armenien und besuchen die Familie Latoyan in Jerewan.

emu