Kritik 18.08.2018

Eine musikalische Geografiestunde zum Auftakt

Mit ihren melancholischen Klängen waren die Holzbläser ein Teil der berührenden Interpretation von Smetanas «Má vlast».
Im ersten Sinfoniekonzert der diesjährigen Murten Classics stand Smetanas Zyklus «Mein Vaterland» auf dem Programm. Die Janáček Philharmonie interpretierte das Werk detailreich und packend.

Zum 50. Mal jährt sich 2018 der Prager Frühling. Dieses Jubiläum inspirierte die Organisatoren der Murten Classics zum Festivalthema «Unterwegs – En chemin» (die FN berichteten). Es ist daher wenig überraschend, dass der künstlerische Leiter Kaspar Zehnder das Festival mit dem sinfonischen Zyklus «Má vlast» von Bedřich Smetana lanciert, gelten die sechs sinfonischen Dichtungen doch als tschechische Nationalmusik.

Gelungene Erklärungen

Kaspar Zehnder dirigierte am Donnerstagabend im Murtner Schlosshof gleich selber die Janáček Philharmonie aus dem tschechischen Ostrava. Martina Janková, diesjährige Artist in Residence des Festivals, schilderte den Zuhörern vor jedem Satz, was in der Musik zu hören ist. Denn Smetana vertonte in seinen sinfonischen Dichtungen die Geschichte und die Natur seiner Heimat Tschechien. Durch die Erklärungen Jankovás konnten die Zuhörer die Musik besser nachvoll­ziehen. Das zeigte sich zum Beispiel in der dritten Dichtung «Šárka». Das Publikum erkannte in den tiefen, dissonanten Fagotttönen das Schnarchen der Ritter, was im Publikum hörbar Schmunzeln auslöste.

Musikalisch gesehen war vor allem erstaunlich, wie gut das Werk in der trockenen Akustik des Murtner Schlosshofes funktionierte. Mehr noch: Durch den weitgehend fehlenden Hall waren zahlreiche Details des populären Werks hörbar, die in geschlossenen Konzertsälen eher untergehen. Dabei nutzte das Orchester die akustische Situation mit seiner hervorragenden Abstimmung und seiner liebevollen ­Interpretation perfekt aus.

Das zeigte sich bereits in den ersten Takten des «Vyšehrad», das sich um die gleichnamige Burg in der Nähe von Prag dreht. Die Harfe begann warm und kräftig, die Blechbläser hielten sich bei ihrem Einsatz zurück. Während des ganzen Konzerts drängte keine Instrumentengruppe eine andere übermässig in den Hintergrund.

Durch die Akustik des Schlosshofes trug zwar das berühmte Moldau­thema nicht wie gewohnt, doch das Orchester machte dies mit seiner Interpretation wett. Es war berührend, wie zart die Streicher und die Holzbläser den Nymphenreigen darstellten. Im Kontrast dazu stürzte sich das Orchester kurz darauf mit Paukenwirbel und schrillen Piccoloklängen in die St.-Johann -Stromschnellen.

Hörbares Blutvergiessen

Auch in «Šárka» arbeitete das Orchester die Gegensätze gekonnt heraus. Die Amazonenkönigin Šárka hat aus enttäuschter Liebe der Männerwelt Rache geschworen. Doch vorher feierte sie noch Hochzeit mit dem Ritter Ctirad, um die Männer in eine Falle zu locken. Durch die fröhlich-derben Rhythmen sieht man das Rittergelage förmlich vor sich. Kurz vor Schluss bereut Šárka ihre Rachepläne, was man schön an der klagenden Klarinette hört. Doch es ist zu spät: Der gehetzte Rhythmus der Holzbläser, die Kraft der Blechbläser und ein unbändiger Vorwärtsdrang der Streicher lassen die blutrünstige Wut der Amazonen und die Verzweiflung der Ritter zum eindrücklichen Erlebnis werden.

Ähnlich packend fuhr das Orchester nach der Pause weiter. In «Aus Böhmens Hain und Flur» schildert das Orchester mit einem beeindruckend intensiven Streicherklang die Gefühle beim Anblick der heimatlichen Landschaft. Furios schliesst das Konzert mit den Dichtungen «Tábor» und «Blanik». Gebannt lauscht man rund zwei Stunden dieser Musik. Am Schluss bleibt nur die Feststellung: Mit diesem Smetana ist Zehnder und der Janáček Philharmonie ein grosser Wurf gelungen.

Simonetta Sommaruga

«Musik zu erleben, schafft Heimat, auch für Menschen auf der Flucht»

Bundesrätin Simonetta Somma­ruga hielt die Jubiläumsansprache zur 30. Ausgabe der Murten Classics. «Einerseits hat sie als Konzert­pianistin einen besonderen Bezug zur Musik», begründete Daniel Lehmann, Festivalpräsident und Oberamtmann des Seebezirks die Wahl der Rednerin. «Andererseits kümmert sie sich als Bundesrätin um die Migration.» So beschäftige sie sich tagtäglich mit dem Festival­thema «Unterwegs – En chemin». Sie werde, so Sommaruga, oft gefragt, ob sie überhaupt noch zum Klavierspielen komme. «Ja, ich spiele noch, wenn auch nicht mehr so oft.» Aber gerade etwa nach einer hitzigen Parlamentsdebatte brauche sie ihr Klavier zur Beruhigung. «Wenn alles aus den Fugen gerät, hilft eine Fuge von Bach.» Mit der Musik sei es wie mit der Politik: «Es braucht mehr als eine Stimme.» Wichtig sei, vorher die Spielregeln festzulegen. Nur so würden in der Musik und in der Politik auch die leiseren Stimmen gehört. Die Demokratie sei die stärkste Staatsform der Welt, «eben gerade weil auch die leisen Stimmen gehört werden». Gemeinsam Musik zu erleben, schafft Heimat, «das gilt auch für Menschen auf der Flucht».

sos