Kerzers 02.04.2020

«Früher hatten die Kinder mehr Fantasie»

Stefanie Schaller (l.) hat im Januar die Leitung der Kinderkrippe Storchenäscht in Kerzers von Angèle Rudaz übernommen.
Die langjährige Krippenleiterin Angèle Rudaz und ihre Nachfolgerin Stefanie Schaller erörtern die Rolle der Kinderkrippen in der Erziehung.

Durch die Tür des Büros von Krippenleiterin Stefanie Schaller dringt Lärm. Kinder spielen im mehrstöckigen Gebäude des Storchenäscht an der Gerbegasse in Kerzers, draussen toben sie sich im weitläufigen Garten aus. Rund 30 Betreuungsplätze verteilt auf drei Gruppen bietet das Storche­näscht an. Im Jahr 2002 in Wiler­oltigen gegründet, konnte die Krippe ihre Kapazität stetig ausbauen. 2009 zog das Storchenäscht nach Kerzers um, damals noch unter Aufsicht der Krippenleiterin Angèle Rudaz. Rudaz führte die Krippe bis Ende 2019 während rund 13  Jahren, bevor sie im Januar dieses Jahres das Zepter an Stefanie Schaller übergab. Im Gespräch mit den «Freiburger Nachrichten» reflektieren die beiden Krippenleiterinnen die Rolle von Kinderkrippen und die beobachteten Entwicklungen im Bereich der professionellen Kindererziehung.

 

Stefanie Schaller, Sie haben Anfang Jahr die alleinige Leitung der Kinderkrippe Storchenäscht übernommen. Auf welche Herausforderungen sind Sie bisher gestossen?

Stefanie Schaller: Wir nahmen den Wechsel in der Leitung der Krippe zum Anlass, um Konzepte und Abläufe anzupassen. So wurde etwa ein neues Informatiksystem eingeführt, was sich zu Beginn als Herausforderung erwies. Wichtig war es für mich auch, die Mitglieder des Teams, die ­Eltern, aber auch die Kinder abzuholen, um den Wechsel für sie möglichst angenehm zu ­gestalten.

Welche Projekte stehen noch an?

Schaller: Ich möchte, dass das Storchenäscht auf den sozialen Medien vertreten ist. Beispiele anderer Krippen zeigen, dass eine solche Präsenz für eine Krippe von Vorteil ist und dem Zeitgeist entspricht. Daneben habe ich eine lange To-do-Liste im administrativen Bereich, die ich aber Schritt für Schritt angehen möchte, um das Team nicht zu über­fordern.

Angèle Rudaz, Sie arbeiteten während 15 Jahren im Storchenäscht, davon 13 als Krippenleiterin. Wie haben sich die Anforderungen an eine Krippe in dieser Zeit verändert?

Angèle Rudaz: Wie heute auch meldeten zu Beginn meiner Zeit im Storchenäscht die meisten Eltern ihre Kinder bei der Krippe an, weil sie einen Betreuungsplatz während der Arbeitszeit benötigten. Auch das Schliessen neuer sozialer Kontakte und die Integration in eine Gruppe von Gleichaltrigen standen im Zentrum. In meinen letzten Jahren ist zunehmend auch die Frage der Frühförderung ins Zentrum gerückt.

Wie wirkt sich dies auf die Erwartungen der Eltern aus?

Schaller: Ich nehme vermehrt die Erwartungen wahr, dass in der Krippe bereits auf die Schule vorbereitender Stoff behandelt werden soll und dass die Kinder individuell auf den Kindergarten vorbereitet werden sollen. Ebenfalls verändert hat sich die Einstellung gegenüber dem Spielen im Freien; früher störten sich Eltern nicht daran, wenn die Kinder dreckig vom Spielen draussen nach Hause kehrten. Nicht verändert hat sich hingegen der Umgang mit den Eltern, der immer noch liebevoll und konstruktiv ist.

Wie gehen Sie als Krippenleiterinnen mit solchen ­Forderungen nach Früh­förderung um?

Rudaz: Das Freispiel nimmt im Konzept des Storchenäscht eine zentrale Rolle ein. Wir sind keine Schule; jedes Kind soll frei und gemäss seinem Tempo entscheiden können, was es lernen will und mit wem es spielt. Unsere Aufgabe ist es nicht, mit den Kindern im Unterrichtsstil lesen zu lernen, sondern sie beim selbst­ständigen Entdecken zu unterstützen. Dieses Konzept ­kommunizieren wir klar den Eltern.

Sehen Sie Gründe für die steigenden Erwartungen an Kinderkrippen wie das Storchenäscht?

Schaller: Unter den Harmos-Regeln besuchen Kinder bereits mit vier Jahren den Kindergarten. Dadurch werden nicht nur die Anforderungen an die Kinder erhöht, sondern auch der Druck auf die Eltern steigt. Diese haben das Gefühl, ihre Kinder müssten bereits früh den schulischen Stoff kennenlernen, und wollen dafür die Krippe in die Verantwortung ziehen.

Nehmen Sie auch bei den Kindern Veränderungen wahr?

Rudaz: Die Kinder sind heute sehr stark beeinflusst von Filmen, Serien und dergleichen. Dies wirkt sich einschränkend auf die Fantasie beim Spielen aus. Früher hatten wir im Storchenäscht viel weniger Spiel­sachen als heute; die Kinder konnten auch mit wertlosen Sachen, die sie im Garten gefunden hatten, ein fantasievolles Spiel erfinden. Heute braucht es Spielsachen mit der Lieblingsfigur des aktuellen Diesney-Films drauf. Die Kinder leben ihre Fantasie nur im begrenzten Rahmen dieser vor­gegebenen Geschichten und Figuren aus.

Schaller: Dadurch entsteht innerhalb von Kindergruppen auch ein gewisser Druck, denn die Kinder reden dann am Znüni­tisch über ihre Lieblingsfiguren und wollen Fanartikel dieser Filme besitzen.

Wie wirkt sich die ­Digitali­sierung auf das Krippen­leben aus?

Schaller: Was die Kindererziehung anbelangt, hat die Digitalisierung bei uns keine grossen Veränderungen gebracht. Wir bieten ganz bewusst nur Spiele an, bei denen sich die Kinder bewegen müssen und selber kreativ sein können. Zu spüren bekommen wir allerdings, dass einige Kinder zu Hause häufig Geräte wie ein Tablet oder den Fernseher benutzen. In der Krippe bekunden sie dann teilweise Mühe, ohne die Geräte etwas mit sich anzufangen und in ein Spiel hineinzukommen.

Ist es heute besser akzeptiert, sein Kind in einer Krippe abzugeben, während man arbeiten geht?

Schaller: Ich denke, hier hat eine Veränderung stattgefunden. Früher war es noch eher negativ behaftet, die Kinder ­einige Tage in einer Kita betreuen zu lassen. Heute sieht man dies eher als Bereicherung, da das Kind bereits früh soziale Kontakte mit Gleich­altrigen knüpfen kann.

Rudaz: Heute ziehen vermehrt junge Paare aufgrund ihrer Arbeit um. Wenn sie ihre Familie nicht mehr in der Nähe haben, sind sie häufiger auf die Dienste der Krippe angewiesen. Gerade in Kerzers, das aufgrund seiner Lage für Pendler beliebt ist, kann man dies gut beobachten.

Erinnern Sie sich an Situationen, in denen Eltern ihr Kind betreuen lassen wollten, dies jedoch nicht bezahlen konnten?

Rudaz: Nein. Die Eltern werden in Abhängigkeit ihres Einkommens subventioniert. Bei uns gibt es auch keine fixe Anzahl subventionierter Plätze; wenn die Eltern eine gewisse Einkommensschranke nicht überschreiten, haben sie Anrecht auf einen verbilligten Platz.

Schaller: Wir hatten schon immer eine gute Vermischung von Kindern aller sozialen Schichten im Storchenäscht. Das ist für die Kinder sicher auch eine Bereicherung.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung durch den Staat?

Schaller: Ja. Anzusetzen wäre aber eher bei der finanziellen Unterstützung der Krippe und bei den Löhnen der Betreuerinnen als bei den Elternbeiträgen. Wir spüren häufig Einschränkungen wegen knapper finanzieller Mittel. Wenn mehr Ressourcen vorhanden sind, wirkt sich dies auch positiv auf die Qualität der Kinderbetreuung aus.

Welche Ausbildungen haben Sie absolviert, bevor Sie Krippenleiterinnen wurden?

Rudaz: Ich war gelernte Kindergärtnerin und nahm eine Stelle als Erzieherin an. Dadurch fand ich den Weg in die Kinderkrippe. Als Krippenleiterin machte ich ab und zu eine Weiterbildung, jedoch war eine Ausbildung zur Krippenleiterin damals noch kein Thema.

Schaller: Ich absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre, später machte ich eine Zweitausbildung als Kinder­erzieherin. Hierfür studierte ich an einer Höheren Fachschule, daneben arbeitete ich bereits im Storchenäscht. In Zukunft wird für Krippenleiterinnen ein Studium an einer Höheren Fachschule obligatorisch sein. Mit der steigenden Anzahl von Betreuungsplätzen wird der Krippenbetrieb zunehmend professionalisiert.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass die Krippenleiterin den Kontakt zu den Kindern verliert?

Schaller: Es ist mir und dem Vorstand des Trägervereins des Storchenäscht ein Anliegen, dass ich weiterhin Kinder betreue und Zeit in den ­verschiedenen Gruppen verbringe.

Rudaz: Deshalb legte ich dem Vorstand auch nahe, die Buchhaltung von der Krippenleitung zu trennen. Neu kommt eine Buchhalterin für einen Tag pro Woche und kümmert sich um die finanziellen Angelegenheiten.

Gibt es Männer im Team des Storchenäscht?

Schaller: Ab Sommer haben wir einen Praktikanten. Mir ist es ein besonderes Anliegen, dass die Kinder in der Krippe auch eine männliche Bezugsperson haben. Deshalb wollte ich den Praktikumsplatz wenn möglich an einen Mann vergeben. Ausgebildete Betreuer gibt es bisher nur wenige, und diese sind sehr gesucht.

Rudaz: Ich kann mich an keine einzige Bewerbung eines Mannes für eine Stelle erinnern. In meiner Zeit als Krippenleiterin versuchten wir immer wieder, Männer ins Team zu holen. Wir hatten mindestens drei Praktikanten, sie blieben jedoch alle nur für kurze Zeit und fingen die Ausbildung zum Betreuer nicht an.

Wo sehen Sie Gründe für diesen Mangel an Männern?

Schaller: Ein grosses Pro­blem ist aus meiner Sicht der Lohn; Betreuerinnen und Betreuer sind in der Branche stark unterbezahlt. Obwohl heute nicht mehr der Mann alleine für das Familieneinkommen zuständig ist, dürfte hier einer der Gründe für den Mangel an Männern liegen. Ich stelle aber ein steigendes Interesse bei Jungen fest, die sich zunehmend für den Beruf interes­sieren. Gründe dafür dürften das höhere Ansehen und die Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf sein.