Bellechasse 02.04.2020

Gefängnis will Insassen durch Arbeit erziehen

Der Arbeitsagoge und frühere Landwirt Théo Lohm betreut die Insassen der Strafanstalten Bellechasse im Bereich Gemüsebau.
Die Strafanstalten Bellechasse wollen ihren Häftlingen berufliche und soziale Kompetenzen mitgeben für ein Leben ohne Kriminalität.

«Die Häftlinge haben ihre Strafen bereits durch den Richter erhalten. Es ist nicht unsere Aufgabe, sie erneut zu strafen», sagt Théo Lohm. Er ist in den Strafanstalten Bellechasse, die mit einer Fläche von 700 Hektaren den zweitgrössten Landwirtschaftsbetrieb der Schweiz betreiben, verantwortlich für den Bereich Gemüsebau. Die Häftlinge erledigen die ganze Bandbreite an Arbeiten, die in der Landwirtschaft anfallen: vom Aufziehen von Pflanzen über das Setzen, das Bearbeiten der Felder mit Traktoren, die Ernte bis hin zur Gemüseverarbeitung und den Verkauf im Laden von Bellechasse. 40 verschiedene Gemüsesorten wie Kohl, Lauch, Spargeln, Soja, Fenchel und Radieschen bauen die Insassen an. Gänse, Hühner und Ziegen zu hüten sowie zu füttern gehört ebenfalls zu den Aufgaben.

Mit diesen Tätigkeiten möchten die Strafanstalten die Insassen fit machen für ein nicht-kriminelles Leben ausserhalb des Gefängnisses. «Wir bringen ihnen Kompetenzen bei, die sie später in ihrem Berufsleben einsetzen können», so Lohm. Als Beispiel nennt er das Traktorfahren.

Auch soziale Kompetenzen sollen die Mitarbeiter der Strafanstalten den Insassen vermitteln. «Sie lernen, pünktlich zu sein, in einem Team einen korrekten Umgang zu pflegen und ihre Frustrationstoleranz zu verbessern.»

Frei bewegen trotz Gefängnis

Lohm erwähnt, dass nicht alle Bürgerinnen und Bürger nachvollziehen können, warum die Insassen im Gefängnis arbeiten, anstatt ständig in einer Zelle zu sein. «Die Gesellschaft muss begreifen, dass die Häftlinge nach einiger Zeit wieder aus dem Gefängnis rauskommen.» Wenn diese auf die Freiheit nicht vorbereitet werden, «dann tätscht es».

Die Gefangenen, die in seinem Bereich arbeiten, können sich auf den Feldern und in den Hofgebäuden frei bewegen. Sie werden nicht ständig von einem Betreuer bewacht. Die Nächte verbringen sie in Wohngruppen auf dem Hofgelände, ausserhalb des umzäunten Gefängnisareals. «Um 21 Uhr schliessen wir die Wohngebäude ab», sagt Lohm.

Ermuntert diese Freiheit die Insassen nicht, das Weite zu suchen? Auf dem Hof werden keine gefährlichen Männer untergebracht, erklärt er. Auch werde ihre Eignung für den offenen Strafvollzug vorher abgeklärt. «Dass sich dennoch jemand davonmacht, können wir nie ausschliessen. Dieses Risiko müssen wir auf uns nehmen.» Die Insassen seien sich der Konsequenzen einer Flucht bewusst: Sanktionen und Rückkehr in den geschlossenen Bereich der Strafanstalten.

98 Prozent der Sicherheit in einem Gefängnis entstehe durch die professionelle Beziehung zwischen Insassen und Betreuern. Letztere müssten eine natürliche Autorität ausstrahlen, gelassen und kommunikativ sein und vor allem auch zuhören können. «Ich sehe mich nicht als ‹Agent de détention›, sondern als Coach», sagt Lohm, der in Grangeneuve Landwirt gelernt hat und später eine Ausbildung zum Arbeitsagogen absolvierte.

Widerstand zu Beginn

Einer der Gefangenen auf dem Hof ist ein 25 Jahre junger Mann, der wegen Diebstahls und illegalen Aufenthalts eine Gefängnisstrafe verbüssen muss. «Am Anfang mag man es überhaupt nicht, hier zu sein», sagt er. «Es gibt nichts Unglücklicheres als einen Mann, der seine Freiheit verliert.» Doch mit der Zeit lerne man die anderen Insassen, die Mitarbeiter und die Arbeit besser kennen und verändere seine Einstellung.

25 Franken erhalten die Insassen pro Arbeitstag. Davon geht ein Drittel auf ein Kioskkonto für Ausgaben im Gefängnis, ein weiteres Drittel auf ein Reservekonto für behördlich verordnete Zahlungen und Beteiligungen an Arztkosten und das letzte Drittel wird bei der Entlassung bar ausbezahlt. Die Bezahlung bewertet der junge Mann als zu niedrig. «Damit müssen wir unter anderem den Strom für die Waschmaschinen und den Fernseher bezahlen. Und wenn man zusätzlich raucht, ist das Geld sofort weg.»

Angesprochen auf seine berufliche Zukunft nach der Entlassung bleibt er vage. Seinen weiteren Weg sehe er nicht in der Landwirtschaft, sondern eher im Baugewerbe, wo er vor seiner Inhaftierung mehrere unterschiedliche Berufe aus­geübt habe.

Häftlinge bringen Ideen ein

Im geschlossenen Strafvollzug leitet Jean-Claude Bapst die Werkstätten. Er führt durch die Räumlichkeiten: «In diesem Atelier recyceln die Insassen alte TV-Geräte. Hier in diesem Raum flicken sie ausgediente Velos oder bauen die noch brauchbaren Teile verschiedener Velos zusammen. Wir arbeiten mit Velafrica zusammen, welche die Velos anschliessend nach Afrika bringt.» Vor allem Insassen aus Afrika würden sich für das Veloatelier interessieren, «denn sie sehen unmittelbar den Nutzen ihrer Arbeit für ihre Heimat». Im Holzatelier stellen die Insassen unter anderem Tafeln für Vereinsjubiläen, Spielzeuge, Holzpaletten und Weinkisten her.

Sie könnten aber auch selbst Ideen einbringen, sagt Bapst. Beispielsweise sei die Idee für das Lederatelier von einem Häftling gekommen. «Er hatte mir die Verarbeitung von Leder beigebracht, und danach habe ich das Atelier eingerichtet.» Schweizer Insassen würden im Gefängnis gerne eine Lehre absolvieren. «Wir haben hier einige junge Erwachsene, die wegen ihrer Gefängnisstrafe eine Lehre abbrechen mussten.» Ein solches Angebot existiere derzeit nicht in Bellechasse. «Wir wollen aber so etwas aufbauen.»

Frei wählen dürften die Insassen ihre Ateliers nicht. «Wenn jemand hierherkommt, erkläre ich ihm die Regeln und teile ihn in eine Werkstatt ein», erklärt Bapst. Falls ein Insasse ein Interesse für einen anderen Bereich äussere, schaue er, ob es einen freien Platz hat.

Neben der Beschäftigung mit Arbeit stecke in einem Gefängnis auch viel Psychologie, so Bapst. «Wir führen sehr viele Gespräche mit den Insassen. Wir fragen, wie es ihnen geht. Das macht sehr viel aus. Wir helfen ihnen, Mut und Vertrauen aufzubauen.» Auch seine Doppelfunktion – Bapst ist zwei Wochen lang Coach, anschliessend eine Woche lang Vollzugsbeamter – sei wichtig. «So sehen mich die Insassen an ihrem Arbeitsplatz und im Zellenbereich. Wäre meine Rolle rein repressiv – den Schlüssel im Schloss der Zellen umzudrehen – würde ich bei ihnen auf ein anderes, aggressiveres Verhalten treffen.»

Ex-Insassen schreiben Karten

Er habe schon zwei, drei Anrufe von ehemaligen Häftlingen erhalten, die ihm berichten, was sie beruflich machen. «Manchmal bekommen wir auch Karten zugeschickt. Das ist schön.»

Die Resozialisierung gegenüber der Öffentlichkeit zu erklären, sei nicht einfach, meint Bapst. «Wir wollen erreichen, dass die Insassen ihre Fehler nicht wiederholen.

Zahlen und Fakten

Vielfältige Arbeiten für die Häftlinge

In Bellechasse sind 200 Männer untergebracht. Davon sind zehn mit einer Kurzstrafe von unter 30 Tagen von der Arbeitspflicht ausgenommen. Wegen der Epidemie hat das Gefängnis derzeit die meisten Arbeiten ausgesetzt. In normalen Zeiten erledigen die Gefangenen im vorzeitigen Strafantritt einfache Holzarbeiten, bereiten Lebensmittel wie Trockenfrüchte auf und arbeiten in der Wäscherei. Die Bandbreite im geschlossenen Vollzug reicht von einfachen Arbeiten (Montage von Holz- paletten) bis zu kreativen Tätigkeiten (Gestalten von Dekorationsartikeln). Im offenen Vollzug arbeiten die Insassen als Schreiner, Maurer oder Elektriker für den Gebäudeunterhalt, kümmern sich um Tierhaltung, Acker-und Gemüsebau oder kochen in der Gefängnisküche.