Kerzers 13.02.2020

Jugendliche übernehmen Verantwortung

Milena, Kamil und Kathrin Schmuckli. Seit Kamil bei dem Projekt dabei ist, sieht er die Lehrpersonen mit anderen Augen.
Die Gemeinde Kerzers hat ein neues Projekt gestartet: Es heisst «Fly mit Rückenwind» und verschafft Jugendlichen der OS Kerzers die Möglichkeit, im Kindergarten und der Primarschule als Praktikanten mitzuarbeiten und so Sozialkompetenzen zu erlangen.

Jugendliche helfen während eines Schuljahres einmal pro Woche für zwei oder mehr Lektionen in einer Partnerklasse mit. Das ist das Prinzip des Projekts «Fly mit Rückenwind». Die Jugendlichen können so Verantwortung übernehmen und sich weiterentwickeln. In Kerzers läuft das Projekt seit Dezember. Sechs Jugendliche der Orientierungsschule Kerzers sind in der 1H und 2H, also im Kindergarten, sowie in den Primarschulklassen 3H und 4H im Einsatz. Die Jugendlichen gelten als Praktikanten. Das Ziel des Projekts: jungen Menschen helfen, ihre Sozialkompetenzen zu entwickeln, und ihre Bildungschancen erhöhen.

Das Angebot richtet sich an Jugendliche des zehnten Schuljahrs. Eine der Jugendlichen ist Milena: Sie will Fachfrau Betreuung EFZ Richtung Kinderbetreuung werden und kann nun Erfahrungen sammeln. «Mich hat meine Lehrerin auf das Projekt aufmerksam gemacht. Ich finde das Angebot gut, und ich mache die Arbeit gerne», sagt Milena. Ihre eigenen Erfahrungen kommen ihr bei dem Job zugute: «Es hat zwei Mädchen aus Portugal in der Klasse, die sprechen manchmal portugiesisch miteinander. Sie wissen, dass ich Portugiesin bin und die Sprache spreche, aber ich sage ihnen, dass sie Deutsch sprechen sollen. Denn sie sollen nicht ebenfalls schlechte Erfahrungen machen wie ich.» Milena sagt, sie habe viel zu lange nicht richtig Deutsch gesprochen und in der Schule deshalb Probleme gehabt. Milena hat bereits eine Zusage als Praktikantin in einer Kinderkrippe.

Motivation steigt

Kamil hingegen ist noch auf der Suche nach einer Kinderkrippe, in der er ein Praktikum machen kann. «Ich wollte eine Lehre als Automechaniker machen, habe geschnuppert und festgestellt, dass mir das nicht gefällt», so der Jugendliche. Dass sein Berufswunsch als Fachperson Betreuung möglicherweise aussergewöhnlich ist, hat er in seinem Umfeld festgestellt. Dennoch sei es kein Problem, und in der Schule lache niemand darüber. Mit dem Projekt Fly habe er gemerkt, wie gut ihm die Arbeit mit kleinen Kindern gefällt. Kamil ist jeweils am Dienstagmorgen in Ried. In seiner Klasse habe es ein Kind, das wie er aus Polen kommt und immer wieder Polnisch spricht mit ihm. Kamil hat dafür eine Lösung gefunden: «Ich sage dem Kind, wir gehen zu den anderen Kindern spielen, dann muss es Schweizerdeutsch reden, und alle sind zufrieden.» Für ihn hat die Erfahrung als Praktikant einen positiven Effekt: «Ich bin in der Schule viel motivierter. Und ich sehe nun die Lehrpersonen mit ganz anderen Augen.»

Einen sanften Einstieg

Simone Scholl, Lehrerin an der OS Kerzers, war es wichtig, die sechs Jugendlichen des Projektstarts sehr bewusst auszuwählen: «Wir wollten allen einen sanften Einstieg bieten.» Zwei ihrer Schülerinnen seien bei dem Projekt dabei. Die Jugendlichen würden eng begleitet von ihrem Fly-Praktikums-Coach sowie von den Lehrpersonen der Partnerklasse in der Primarschule. Drei Mal im Jahr würden sie auf Video aufgenommen. Dieses werde ausgewertet und der verantwortliche Coach bespreche es im Zweier-Setting mit den Jugendlichen.

Kathrin Schmuckli, schulische Heilpädagogin an der OS Kerzers, war sofort Feuer und Flamme für das Projekt. Bereits jetzt ist klar, dass es im kommenden Schuljahr weitergeführt wird. «Es braucht seine Zeit, bis ein solches Format durchschlagend greift», ist sich Gemeinderat Urs Hecht bewusst. Um klare Antworten und Auswertungen zu erhalten, müsse dieses Projekt weitergeführt werden.

Der Gemeinderat sieht noch einen weiteren Vorteil von Fly: «Je nachdem gibt mir dieses Projekt viele weitere Argumentationen im Rahmen der Streichung von Förderklassen und der Vollintegration auffälliger Schülerinnen und Schüler in die Normklassen», sagt Urs Hecht.

Die Rückmeldungen, die er bisher von Lehrpersonen erhalten habe, würden ihm recht geben, betont Urs Hecht. So lange er als verantwortlicher Gemeinderat im Amt sei und die projektführenden Lehrpersonen mitziehen, werde er dieses Projekt begleiten und weiterführen.

sim/emu