Murten 13.04.2019

Keine bilinguale Klasse in Murten

Politik und Gesellschaft fordern zweisprachige Klassen. Doch in der OS Murten gibt es zu wenig Anmeldungen dafür.
Nach einem ersten erfolglosen Anlauf 2018 kommt an der Orientierungsschule Murten auch diesen Herbst kein zweisprachiger Klassenzug zustande. Es gab zu wenig Anmeldungen. Nun ist Umdenken angesagt.

Insgesamt 23 Schülerinnen und Schüler haben sich für eine zweisprachige Klasse an der Orientierungsschule Region Murten (OSRM) angemeldet. Doch für einen ersten bilingualen Klassenzug im Kanton reicht das nicht, denn von den 23 Anmeldungen waren nur 15 für den Typus Sekundarklasse, sechs Interessierte werden das Progymnasium besuchen, zwei die Realklasse, wie die Direktion für Erziehung, Kultur und Sport ­(EKSD) in einer Medienmitteilung schreibt. «Für einen zweisprachigen Klassenzug braucht es mindestens 18 Jugendliche, die den gleichen Klassentypus besuchen», erklärt Iwan Volken, Schuldirektor der deutschsprachigen Abteilung der ­OSRM. Ein zweisprachiger Klassenzug würde bedeuten, dass die Schüler über den gesamten Zyklus von drei Jahren in Deutsch und Französisch zu etwa gleichen Teilen unterrichtet werden (siehe Kasten).

«Es braucht einen Reifeprozess»

2018 hatten sich ein Dutzend Schülerinnen und Schüler für das Projekt angemeldet. Wenn auch immer noch nicht genug, so sind es mit 23 nun fast doppelt so viele. Iwan Volken zeigt sich denn auch zuversichtlich: «Wenn es nochmals eine Steigerung gibt, können wir loslegen.» Er sei dafür, den zweisprachigen Klassenzug nochmals anzubieten. «Es braucht einen Reifeprozess.» Denn gerade von Elternseite seien oft Bedenken zu hören: «Wenn eine deutschsprachige Schülerin zwar sehr gut Französisch spricht, aber in der Mathematik bereits auf Deutsch Mühe hat, wollen sich die Eltern nicht auf etwas Neues einlassen.» Es gebe ja auch keinerlei Erfahrungswerte, «im Moment beruht alles auf Hypothesen».

Wichtig sei nun, vermehrt im kleineren Rahmen in der jeweils anderen Sprache zu unterrichten, und dies bereits auf Primarschulstufe. Die Zurückhaltung der Eltern könnte sich wohl legen, wenn bereits in den ersten Schuljahren Unterricht in der jeweils anderen Sprache erfolgt und die Familien sensibilisiert werden.

Das Ergebnis der zwei Anläufe in Murten nun auf andere Schulen im Kanton abzuleiten, macht für Iwan Volken keinen Sinn: «Die Schülerzahl ist bei uns mit 600 viel geringer als zum Beispiel in Freiburg. Unser Einzugsgebiet ist kleiner.» Es könne also durchaus sein, dass das Angebot in Freiburg Früchte tragen würde.

«Kleinere Brötchen backen»

Für Schulinspektorin Christa Aebischer-Piller zeigt der Fall Murten, «dass wir kleinere Brötchen backen müssen». Die Quintessenz sei, «dass es den Unterricht in der jeweils anderen Sprache auf Primarschulstufe vermehrt braucht». Gerade bei Fächern wie Hauswirtschaft oder Bildnerisches Gestalten seien Eltern eher bereit, sich darauf einzulassen. «Bereits neun Primarschulen mit 21 Klassen im Kanton bieten immersiven Unterricht an.» Nun gelte es, dies weiter auszubauen.

Sicher entscheide auch das Einzugsgebiet über das Zustandekommen eines bi­lingua­len Klassenzugs. «Es muss aber von der Schule ein Bedürfnis danach vorhanden sein, wir wollen das nicht von oben herab diktieren.» Das Gleiche gelte für immersiven Unterricht in einzelnen Fächern. Wobei das Ziel schon sei, «die ganze obligatorische Schule mit dem Duft zu beglücken».

«Ein sehr ehrgeiziges Projekt»

Klar ist für Aebischer-Piller, dass ein zweisprachiger Klassenzug «ein sehr ehrgeiziges Projekt» ist. Auch seien die kulturellen Unterschiede nicht zu unterschätzen. In einer Arbeitsgruppe für die Primarschule Freiburg sei der Gedanke nach einem zweisprachigen Klassenzug ab dem Kindergarten verworfen worden: «Das ist zu ambitiös.»

Der Fall Murten ist für Aebischer-Piller kein Scheitern – «es ist ein Weg, und wir haben daraus gelernt, dass wir eher niederschwellig mit kleineren Projekten arbeiten müssen». Ob es das Angebot in Murten nächstes Jahr nochmals geben wird, kann die Schulinspektorin nicht sagen: «Wir werden das nun in Ruhe analysieren.»

Die unterschiedlichen Lehrpläne der Deutsch- und Westschweiz sieht Iwan Volken nicht als Knacknuss des Projekts, auch nicht bei einem möglichen Ausstieg aus einem zweisprachigen Klassenzug in eine reguläre Klasse: «Das spielt keine so grosse Rolle. Es gibt viele Gemeinsamkeiten.» Natürlich sei ein Wechsel immer schwierig. «Aber wir haben auch Kinder, die aus anderen Kantonen und Ländern zu uns kommen.»

Projekt

Für Schüler wie auch für Lehrpersonen freiwillig

Im Dezember 2017 genehmigte die Direk­tion für Erziehung, Kultur und Sport (EKSD) den Aufbau zweisprachiger Klassenzüge an der Orientierungsschule Region Murten. Die Klasse soll idealer­weise zu gleichen Teilen aus deutsch- und französischsprachigen Schülerinnen und Schülern bestehen. Das Konzept legt nicht fest, welches Fach in welcher Sprache unterrichtet werden soll, sondern es sieht vor, dass die Fächer in den drei Jahren in der festgelegten Sprache unterrichtet werden und es eine ausgewogene Verteilung zwischen den beiden Sprachen braucht. Der Eintritt ist freiwillig für die Schülerinnen und Schüler wie auch für die Lehrpersonen, die in ihrer jeweiligen Muttersprache und gemäss dem jeweiligen Lehrplan unterrichten. Die Prüfungen werden in der Unterrichtssprache abgelegt.

emu