Murten 09.07.2018

Stars of Sounds liess den See vibrieren

Kamerascheue Kellys, schmachtende Frauen und Fans, die von weit her nach Murten pilgerten: Das war die achte Ausgabe des Festivals Stars of Sounds. 21 000 Besucher feierten dieses Jahr in gemütlicher Stimmung am Murtensee-Ufer.

Wetterchef Petrus, tagsüber wankelmütig, schien sich am Stars-of-Sounds-Festival in der Murtner Pantschau am Freitagabend definitiv für die Sonnenseite entschieden zu haben. Ob es an ihm lag oder an der Band Sunrise Avenue? «Wenn wir kommen, lichten sich die Wolken, und die Sonne geht auf.» Davon war Sunrise-Avenue-Frontmann Samu Haber in Anspielung auf den Bandnamen überzeugt.

«Hier sind 800 Single-Männer, und ebenso viele Single-Frauen: Also handelt, was soll ich dazu noch weiter sagen.»

Samu Haber

Frontmann Sunrise Avenue

Frauenmagnet Samu Haber

Viele der weiblichen Fans waren extra wegen ihm, dem blonden finnischen Frauenschwarm, in die Pantschau gepilgert. Die Herzen eroberte er unter anderem als ehemaliger Juror der Castingshow «The Voice of Germany». Der 42-jährige Rocksänger war Tuschelthema Nummer eins bei den Damen. Trotz Trennungsgerüchten war er aber offenbar nicht auf der Suche nach einer neuen Liebe. Vielmehr versuchte er stattdessen, Singles im Publikum miteinander zu verkuppeln. Diese forderte er auf, die Arme in die Luft zu strecken. «Hier sind schätzungsweise 800 Single-Männer und ebenso viele Single-Frauen. Also handelt, was soll ich dazu noch weiter sagen?», meinte er lachend. Für Schutz im Liebesleben wäre jedenfalls gesorgt gewesen: Dieses Jahr verteilten Helfer der Love-Life-Kampagne des Bundes Hunderte von Kondomen an die Festivalbesucher. Diese nahmen sie teils schmunzelnd und gesprächsbereit entgegen.

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Die Verkuppelungsversuche Samu Habers waren keine Premiere, sondern haben anscheinend Tradition. «Ich versuche an jedem unserer Konzerte, Singles zusammenzubringen», sagte der Rocksänger auf Englisch zu der Menge. Wer sich auf sein deutsch-finnisches Kauderwelsch freute, von Fans «Feutsch» genannt, wurde mehrheitlich enttäuscht. Deutsch hat der Finne nie gelernt, trotz seinem aus dem Harz stammenden Vater. Trainiert hat der 1,93 Meter grosse Hüne seine lückenhaften Sprachkenntnisse mit mässigem Erfolg mithilfe von Fernsehkrimis wie «Derrick» und «Der Alte», wie er einmal gegenüber den Medien sagte. Geeignet, um die Sprache zu üben, seien die Krimis, «weil die Schauspieler so langsam sprechen». Zum Texten haben seine Deutschkenntnisse aber offenbar nicht gereicht: Mitgebracht hatten die Finnen ihre neue Single «Dreamer», die sie am Festival mit «Traumlage» vorstellten. Routiniert führte Haber durch den Abend und spielte bekannte Radio-Hits wie «Fairytale Gone Bad» oder «Hollywood Hills».

Kamerascheue Kelly Family

Rückblende, Szenenwechsel.Donnerstag, 16 Uhr: Die Kelly Family beim Soundcheck. Das Gelände war mit Zäunen umstellt, ein grosser Baum direkt vor der Bühne behinderte die Sicht darauf. Die Töne jedoch durchbrachen den Sichtschutz: Patricia Kelly sang mit ihrer markanten Stimme «Brothers and Sisters», einen aktuellen Song der Band. Ob die Fans die Band Stunden zuvor belagern würden, wie einst vor 20 Jahren? Vereinzelte standen tatsächlich wie damals bei den Bühneneingängen an und versuchten von der Strasse und von der Wiese aus einen Blick auf das Gelände zu erhaschen. Ein Fan-Paar hatte vorne am See einen kleinen Spalt entdeckt, der die Sicht auf die Bühne freigab. Von weitem waren einige der sieben Geschwister schemenhaft durch den leichten Regen zu erkennen. Paddy und Maite Kelly konnten es nicht sein: Sie sind bei der aktuellen Besetzung der Band nicht dabei, dafür Halbbruder Paul als Gaststar. «Ich habe 18 Jahre auf dieses Konzert gewartet», verriet die Frau mit Basler Dialekt. Sie trug ein Kelly-Shirt wie viele andere der tröpfchenweise ankommenden Zuschauer. «Seit meinem fünften Lebensjahr gehöre ich zur Fangemeinde. Leider war ich bei den letzten Auftritten der Band noch zu jung, um ein Konzert zu besuchen.» Seit 14 Uhr warteten sie und ihr Freund bereits.

Um 21 Uhr fand das Konzert statt: Das «irische» Wetter zog sich offenbar bis in die frühen Abendstunden hinein. Trotz des zu Anfang trüben Wetters hätten sich die Besucher jedoch nicht den Spass verderben lassen und feierten ausgelassen, wie es später in der Medienmitteilung hiess. Die Kellys gaben sich indes laut akkreditierten Fotografen etwas kamerascheu: Als einzige Band liessen sie sich nicht vom Fotograben aus ablichten, sondern nur von der weiter entfernten VIP-Terrasse her. «Sie wollten nicht, dass man sie aus der Froschperspektive aufnimmt», so Stars-of-Sounds-Geschäftsführer Markus Zurbuchen gestern auf Anfrage.

Der See vibrierte

Am Samstag klang das dreitägige Festival bei bestem Wetter aus: Headliner am dritten und letzten Abend waren der englische Singer-Songwriter George Ezra und der Zürcher Mundartrapper Bligg, die mit Gänsehaut-Gefühlen und Witz überzeugten. Abseits der bekannten Namen fielen am Festival die Vorgruppen mit Spielfreude und mehr Spontaneität als manche Arrivierten auf: etwa der Zürcher Nickless oder die Badener Reggae-Ska-Band Pedestrians. Die Band Fussgänger waren eine Entdeckung für viele Zuschauer. Barfuss sorgte der Sänger für eine lockere Stimmung. Ebenso rockte die Nidauer Band Shadox die Bühne. Der Berliner DJ Alle Farben, mit bürgerlichem Namen Frans Zimmer, enterte mit seinen bittersüssen Klangfarben die Bühne. Mit Schalk im Nacken und guter Laune geleitete er mit seiner frischen Art das Partyvolk in die späten Abendstunden. Besonders die jüngeren Besucherinnen und Besucher freuten sich auf die Auftritte der DJs, jedoch liess sich etwa auch ein älteres Paar von den Rhythmen anstecken und tanzte am Freitag am Seeufer in die Nacht hinein.

Manche Besucher flüchteten allerdings vor der lauten Musik vom Gelände. Die DJs liessen mit ihren Bässen gar das Wasser am Ufer und die Scheiben der Häuser an der Längmatt vibrieren. «Die Toningenieure haben die Grenzwerte eingehalten. Die Abmischung erfolgt in Absprache mit dem Künstler, darauf haben wir keinen Einfluss», sagte Stars-of-Sound-Geschäftsführer Zurbuchen auf Anfrage. Die Qualität der Tonanlage war gut und ein Ohrenschmaus die Kreationen der DJs. Nur an der Lautstärke schieden sich die Geister. Ob die Grenzwerte immer ausgereizt werden müssen, das ist die Gretchenfrage. Ohne Ohrenstöpsel würde das Feiern jedenfalls mehr Spass machen.

Bilanz

Schäden durch das Unwetter Mittwochnacht

21 000 Openairbesucher haben die achte Ausgabe des Openair-Festivals Stars of Sounds Murten besucht, 5000 mehr als letztes Jahr. 2017 hatte das Festival allerdings auch nur zwei statt wie dieses Jahr drei Tage gedauert. Am gefragtesten war mit 9000 Besuchern der Freitagabend mit dem Headliner Sunrise Avenue, den Pedestrians, Shadox und dem DJ Alle Farben. Je 6000 Besucher verzeichneten die Organisatoren am Donnerstag- und Freitagabend. Headliner am Donnerstag waren The Kelly Family, vor ihnen traten die Luzernerin Eliane sowie die Solothurner San Joes auf. Am Samstag waren die Hauptacts der Engländer George Ezra und der Zürcher Mundartrapper Bligg, Vorgruppen waren der Zürcher Nickless und die Jamaikaner von Inner Circle. Zum Abschluss des Festivals legte der deutsche DJ Robin Schulz auf.

«Durch das Unwetter Mittwochnacht wurde der Rasen aufgeweicht und dadurch etwas in Mitleidenschaft gezogen», sagte der Stars-of-Sounds-Geschäftsführer gestern auf Anfrage. «Er hat aber auch schon schlimmer ausgesehen. Genaueres dazu können wir nach dem Abbau der Bühne sagen.» Erstmals wurden punktuell Holzroste zum Schutz auf der Pantschauwiese ausgelegt. «Die haben zum Teil schlimmere Schäden verhindert.» Durch das Unwetter wurden auch Schäden an der Infrastruktur verursacht: Es wurden etwa Lautsprecher auf der Bühne beschädigt. Zerstört wurden auch Teile der Zäune, vor allem Blachen und Metallverstrebungen hielten nicht stand.

Wie schon letztes Jahr hat sich das Cashless-Bezahlsystem bewährt. Der Veranstalter empfiehlt, die Kreditkarten schon vorab an den ausgewiesenen Stellen zu kaufen und per App aufzuladen, um Warteschlangen zu vermeiden.

ea