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«Selbstbewusster, aber auch offener»

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Heute sind die Reformierten im mehrheitlich katholischen Sensebezirk vollständig integriert; konfessionelle Unterschiede spielen im Alltag fast keine Rolle mehr. Das war aber nicht immer so: Als Diaspora bildeten die Reformierten lange Zeit eine kaum in den Bezirk integrierte Parallelgesellschaft. Ein wichtiges Zeichen im Kampf um Anerkennung der eigenen Rechte war die Einweihung der ersten reformierten Kirche 1866 in St. Antoni. 150 Jahre nach diesem Ereignis blickt die reformierte Kirchgemeinde St. Antoni in einer Feier und mit einer Festschrift auf die eigene Geschichte zurück. Im Vorfeld der Feierlichkeiten hat Heidi Engemann, Präsidentin des Kirchgemeinderates St. Antoni, mit den FN über die Herausforderungen der Vergangenheit und jene der Zukunft gesprochen.

Das Leben in einer lange Zeit kaum integrierten Parallelgesellschaft, der Kampf um Anerkennung und gegen Vorurteile: Heidi Engemann, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie darauf zurückblicken, wie die Reformierten vor 150 Jahren im Sensebezirk Fuss zu fassen versuchten?

Aus der heutigen Sicht ist vieles davon kaum vorstellbar. Verstärkt wird dieses Gefühl wohl auch durch die Tatsache, dass die Annäherung von Reformierten und Katholiken im Sensebezirk noch gar nicht so lange zurückliegt und uns dennoch bereits als selbstverständlich erscheint.

Fühlten Sie sich aufgrund Ihrer Konfession im Sensebezirk je ausgegrenzt?

Nein, in all den Jahren hatte ich nie das Gefühl, dass es einen Unterschied zwischen Katholiken und Reformierten gibt. Ich selber bin Ende der 1970er-Jahre nach Düdingen gezogen und war eine von wenigen reformierten Schülerinnen an der Orientierungsschule
in Düdingen. Alle anderen gingen damals noch in Freiburg zur Schule. Die Auseinandersetzungen zwischen den Glaubensgruppen waren zu dieser Zeit aber bereits weitestgehend abgeschlossen. Aus Willy Dietrichs Aufarbeitung der Geschichte der reformierten Diaspora im Sensebezirk (siehe Text unten; Anm. d. R.) geht auch hervor, dass innerhalb der Gesellschaft die konfessionellen Unterschiede weit weniger für Konflikte sorgten, als dies von einigen politischen und klerikalen Kreisen gerne gesehen worden wäre. Ein grosser Teil der Reformierten und Katholiken lebte schon sehr bald einmal in guter Nachbarschaft miteinander.

Also haben die Institutionen mehr Zeit gebraucht, um sich den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen?

Ja, das denke ich. Das ist es ja auch, was seit Mitte der 1960er-Jahre im Sensebezirk passierte: Die reformierten Schulen wurden aufgehoben und mit den Dorfschulen zusammengelegt; ebenso die reformierten Friedhöfe. Vereine und Einrichtungen, welche das Leben der Reformierten in einer zu Beginn weitestgehend abgeschlossenen Parallelgesellschaft ermöglichten, gaben sich immer mehr eine konfessionsneutrale Ausrichtung. Damit dieser Wandel ermöglicht werden konnte, musste man sich erst aneinander gewöhnen –und das war ein gesellschaftlicher Prozess.

Wie hat sich die Rolle der reformierten Kirche im Sensebezirk in diesen 150 Jahren verändert?

Dass sie sich in diesen 150 Jahren behaupten konnte, hat die reformierte Kirche sicher selbst bewusster gemacht. Aber auch offener: Sie ist heute eine Kirche, die das Miteinander sucht und in der Ökumene gute Arbeit leistet.

Einige Hürden hat die reformierte Kirche überwunden, andere werden sie auch in Zukunft fordern. Wie die katholische kämpft auch die reformierte Kirche mit einem Mitgliederschwund.

Religion und Kirche spielen im Leben von vielen Menschen heute eine weniger grosse Rolle als noch vor 20 oder 30 Jahren. Das ist schade, vermögen die Institutionen der Kirche der Allgemeinheit doch Halt zu geben. Der Wert der Kirche wird allzu oft auf den Sonntagmorgen-Gottesdienst reduziert. Dabei erlaubt sie viel mehr: Wie das Beisammensein in geselligen, das Innehalten in hektischen und das Trostspenden in schwierigen Zeiten. Der Bevölkerung dieseVielseitigkeit wieder stärker zu vermitteln, fordert Reformierte und Katholiken in der Tat gleichermassen.

Zwischen 1970 und 1995 wuchs die reformierte Gemeinde um 60 Prozent an. Dies war einer der Gründe, der dazu führte, dass die Kirche St. Antoni – bis zu diesem Zeitpunkt Mutterkirche aller Sensler Reformierten – 1999 in fünf Kirchgemeinden aufgegliedert wurde.Würde man dies heute wiederholen?

Es war damals eine schwierige Entscheidung und wäre es heute genauso. Ich denke aber, man würde den Schritt wiederholen. Für eine Kirchgemeinde ist der Sensebezirk einfach zu gross und im Alltag sind die Gemeinden trotzdem miteinander verbunden.

Zahlen und Fakten
Reformierte feiern ihre Mutterkirche

1999 wurde die evangelisch-reformierte Kirche des Sensebezirks in fünf unabhängige Kirchgemeinden aufgeteilt. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Kirche in St. Antoni, die morgen von 10 bis 17 Uhr ihr 150-jähriges Bestehen feiert, Mutterkirche für alle reformierten Sensler. Ende 2015 zählten die fünf Kirchgemeinden insgesamt 7937 Mitglieder, wobei jene in St. Antoni (2173) die mitgliederstärkste war; gefolgt von Wünnewil-Flamatt-Überstorf (2168), Düdingen (1272), Weissenstein/Rechthalten (1241) und Bösingen (1083). Die Gesamtzahl der Reformierten im Kanton Freiburg betrug Ende letzten Jahres 42133 (bei rund 307000 Einwohnern). Zu den grössten Herausforderungen der Kirchgemeinden gehören die Kirchenaustritte: 2015 verliessen bei 37 Neueintritten und 187 Taufen insgesamt 422 Menschen die reformierte Kirche Freiburgs.

 

Aufbau und Auflösung einer Parallelgesellschaft
 
St. Antoni Im Auftrag der Kirchgemeinde St.Antoni hat sich Willy Dietrich in den letzten Monaten mit der Geschichte der reformierten Diaspora im Sensebezirk befasst. Anlässlich des Jubiläums der Kirchgemeinde hat der Schmittner seine Erkenntnisse nun in Form der Festschrift «Auf dem Weg – 150 Jahre reformierte Kirche St. Antoni» zu Papier gebracht. Darin gehen Dietrich und mehrere Gastautoren der Frage nach, unter welchen Umständen die reformierte Gemeinschaft im Sensebezirk entstand, wie sie sich über die Jahre entwickelte und wo sie heute steht.
 
Die Zuzüger aus Bern
 
Dietrichs historische Aufarbeitung zeigt, dass die Geschichte der reformierten Diaspora im Sensebezirk eng mit jener der Einwanderer aus dem Bernbiet verbunden ist. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zog es zahlreiche Berner Bauernfamilien über die Sense. Sie kauften oder pachteten hier grosse Gehöfte, die von den einheimischen Katholiken nicht mehr gehalten werden konnten. Daneben liessen sich auch zahlreiche aus dem Kanton Bern verbannte Kriminelle und Armengenössige im Sensebezirk nieder. Dass es sich bei den Zuzügern um Angehörige des «falschen Glaubens» handelte, sorgte in der von einer starken katholischen Kirche geprägten Gesellschaft für Unmut. Auch die Behörden fürchteten sich vor den fremden Einflüssen.
 
Am 15. August 1866 – einem katholischen Feiertag – ereignete sich für die Reformierten des Sensebezirks Historisches: Nach zähem Ringen weihten sie in St. Antoni ihre erste Kirche ein. Prompt kam es zu Anfeindungen zwischen den beiden konfessionellen Gruppen. Von 1867 bis 1999 bildete St. Antoni das kirchliche Zentrum für die Reformierten des Sensebezirks. Mit dem grossen Zustrom weiterer Reformierter bildeten sich kirchliche Zentren in Rechthalten, Flamatt, Düdingen und Bösingen heraus. Neben den katholischen Dorfschulen entstanden immer mehr reformierte Schulkreise. Sie waren Ausgangspunkt für den Aufbau einer in sich geschlossenen Parallelgesellschaft, die praktisch alle Bereiche des reformierten Lebens umfasste: Chöre, Folkloregruppen, eine politische Partei, eine landwirtschaftliche Genossenschaft und sogar eine eigene Regionalbank.
 
Während der Kulturkampf zwischen katholischen und liberal-radikalen Kräften die Abwehrhaltung von konservativen Politikern und dem katholischen Klerus gegenüber den Reformierten bis ins 20. Jahrhundert beeinflusste, lebten Katholiken und Reformierte mehrheitlich in freundschaftlicher Nachbarschaft – wenngleich die Konfession über lange Zeit eine spürbare Trennlinie darstellte.
 
Die Festschrift stellt die historischen Ereignisse, die aus heutiger Sicht befremdlich wirken können, stets in den Kontext der jeweiligen historischen und gesellschaftspolitischen Zustände. Neben dem Kampf der Reformierten gegen Ausgrenzung und Diskriminierung werden so auch die internen Auseinandersetzungen thematisiert, die oftmals schmerzhafter waren als die Widerstände seitens des herrschenden katholischen Umfeldes.
 
Die Festschrift «Auf dem Weg – 150 Jahre reformierte Kirche St. Antoni» kann unter 026 494 36 42 oder per Mail an ahaueter@bluewin.ch bestellt werden.

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