Schmitten 03.07.2019

Auf den Spuren der Urpflanzen

Der Entferntfiedrige Wurmfarn fühlt sich im schattigen und feuchten Zirkelgraben wohl.
Im Zirkelsgraben gibt es Farnpflanzen, die nirgendwo sonst im Kanton vorkommen. Biologe Gregor Kozlowski hat sie den FN gezeigt.

Bereits auf dem Weg in den Zirkelsgraben begegnen einem die Farne. Biologe Gregor Kozlowski geht der Herzschlaufe entlang; zwischen Niedermuhren und Dietisberg schlängelt sie sich in einem Abschnitt durch Sandsteinfelsen. Die Ränder der Strasse sind überwuchert, unter anderem mit Farnen. «Das hier ist ein Gemeiner Wurmfarn, auch Männerfarn genannt», erklärt der Chef des Botanischen Gartens der Universität Freiburg. «Die Forscher, welche die Pflanze vor langer Zeit benannten, dachten, dass die Pflanze wohl männlich sein müsse, weil sie schuppig behaart ist, ledrig und robust.» Analog gibt es den Frauenfarn: Er sieht viel zierlicher aus und verwelkt rasch. «Und hier dachten die Forscher wohl, das müsse die weibliche Pflanze sein.» In Wirklichkeit handle es sich aber nicht um männliche und weibliche Pflanzen, sondern um zwei ganz verschiedene ­Arten.

Unterschiede im Detail

Denn Farn ist nicht gleich Farn, auch wenn die gefiederten Blätter für Laien ziemlich ähnlich aussehen. Allein in der Schweiz gibt es rund 60 verschiedene Arten, im Kanton Freiburg 40. Und rund die Hälfte der Freiburger Farn­arten findet sich im Zirkels­graben. «Eigentlich gibt es hier nur jene Arten nicht, die in einer Höhe von 2000 Metern wachsen oder in Feuchtgebieten heimisch sind», sagt Gregor Kozlowski. Einige dieser Arten zeigt er den FN. Mehrere davon kommen in der Schweiz sehr häufig vor – wie der Gemeine Wurmfarn und der Frauenfarn, aber auch der Adlerfarn. Andere sind sehr selten; und einige wachsen im Kanton Freiburg sogar nur im Zirkelsgraben.

Die Unterschiede zwischen den Arten liegen im Detail: Die Blätter, die sogenannten Wedel, des Gemeinen Wurmfarns sind dicker als jene des Frauenfarns und anders gezackt. Nicht nur die für uns sichtbaren Blätter gehören zu den Pflanzen, ein grosser Teil davon lebt im Boden. Mehrere Blätterbüschel können also zur gleichen Pflanze gehören. Im Herbst verwelken die Wedel und verschwinden im Winter ganz. Im Frühling kommen sie wieder hervor und entrollen sich – Bischofsstab wird dieses Stadium genannt.

Wildes Tal

Gregor Kozlowski geht weiter die Strasse hinunter und biegt dann in den Zirkelsgraben, auch Ledeutal genannt, ab. «Die Farne fühlen sich hier wohl, weil das Tal sehr wild ist.» Tatsächlich liegt es abgelegen zwischen den Gemeinden Schmitten, St. Antoni, Wünnewil-Flamatt, Heitenried und Ueberstorf. Die Hänge sind steil, überwachsen und unzugänglich. Früher gab es hier eine Sägerei, zwei verwitterte Gebäude zeugen noch davon. Doch heute wird der Graben nur noch wenig bewirtschaftet. Die Stürme der letzten Zeit haben mehrere Bäume umkippen lassen, die dicken Stämme hängen noch immer in den Sandsteinfelsen. Es wäre zu gefährlich, sie zu entfernen. «Für die Biodiversität ist das natürlich gut, denn in den Stämmen leben Algen, Pilze und Insekten», sagt der Bio­loge.

Plötzlich bleibt er stehen und zeigt auf einen überhängenden Sandsteinfelsen. Im Schatten eines aus dem Fels herauswachsenden Bäumchens wächst ein Farn, der in seiner Form dem Gemeinen Wurmfarn ähnelt. «Das ist ein Entferntfiedriger Wurmfarn, und dies ist die einzige bekannte Stelle im Kanton Freiburg, an der diese Pflanze wächst», erklärt Kozlowski. «Wir sehen hier den typischen Lebensraum: eine steile, feuchte Stelle in der Nähe eines Bachs.»

Uralte Organismen

Wasser ist zentral für das Überleben der Farne. Wie alle Pflanzen stammen sie ursprünglich von Wasserpflanzen ab. Während sich aber die Blütenpflanzen – zu denen nicht nur Blumen, sondern auch Tannen und andere Bäume gehören – vom Wasser entfernt haben, brauchen die Farne dieses zur Fortpflanzung. Sie haben nämlich keine Blüten, sondern Sporen, die bei den meisten Arten an der Unterseite des Blattes entstehen. Sind die Pflanzen reif, fallen die Sporen ab und bilden eine neue Generation, die sich im Wasser befruchtet. Dafür reicht bereits ein dünner Wasserfilm. Daraus wächst eine neue Pflanze.

«Farne sind uralte Organismen, es gab sie schon vor 300 Millionen Jahren», sagt Kozlowski. Sie zählten zu den frühesten Landpflanzen. «Vor Millionen von Jahren haben sie ganze Wälder gebildet.» Aus diesen uralten Farnen entstand das Erdöl, das heute von so grosser Bedeutung ist. Aber auch als Pflanzen haben die Farne bemerkenswert lange überlebt.

Population gerettet

Gregor Kozlowski geht weiter dem Ledeubach entlang, immer weiter ins Tal hinein; der Pfad schlängelt sich durch hohes Gras. An der schmalsten Stelle bleiben neben dem Bach nur noch knappe zwei Meter für den Pfad. Hier bleibt der Biologe stehen und zeigt hinauf zu den Felsen. «Dort oben wächst die Hirschzunge. Sie gedeiht sonst nur in höheren Lagen, diese Population hier ist ein Überbleibsel aus kälteren Zeiten.» Gregor Kozlowski steigt auf einem kaum sichtbaren Pfad den Hang hinauf, das Laub rutscht unter den Wanderschuhen. Er stoppt mitten im Hang, zeigt hinauf. Dort wachsen aus einem Sandsteinfelsen längliche hellgrüne Blätter, die, anders als die andern Farne, nicht gefiedert sind.

Dass die Pflanzen dort wachsen, ist auch Kozlowskis Verdienst. Nach einem Tipp von Kollegen hat er über zwei Jahre lang das Tal immer wieder nach der Hirschzunge abgesucht. Bis er sie eines Tages mit dem Fernrohr entdeckte – eine schöne grosse Pflanze. «Aber sie war nach einem Erdrutsch entwurzelt.» Er nahm die Pflanze mit in den Botanischen Garten, wo er mit den Gärtnern versuchte, sie zu vermehren. «Es war ziemlich kompliziert, denn mit den Sporen der Farne funktioniert das ganz anders als mit Blütenpflanzen», erzählt er. Doch es gelang: Zwei Jahre später konnten Kozlowski und sein Team junge Pflänzchen am selben Ort wieder ansiedeln. Seither wachsen und gedeihen sie.

Gregor Kozlowski glaubt, dass die Farne im Zirkelsgraben eine Zukunft haben – auch mit dem Klimawandel. «Klar, wenn es immer trockener und wärmer wird, ist das schlecht für die Farne», sagt er. «Aber das Ledeutal wird wahrscheinlich noch lange ein Refugium für sie bleiben.»

Zahlen und Fakten

Altes Mittel gegen Wurmbefall

Gemeiner Wurmfarn, Enferntfiedriger Wurmfarn, Breiter Wurmfarn, Schuppiger Wurmfarn – auffallend viele Farne tragen den Zusatz «Wurm» im Namen. Biologe Gregor Kozlowski erklärt warum: «Die Farne sind giftig für Menschen und Tiere. Früher nutzten die Menschen Farne deshalb als Mittel gegen Wurmbefall, besonders gegen Bandwürmer.» Die Menschen assen die Farne, und das Gift tötete die Würmer ab. Aber das war auch für die Menschen nicht ganz ungefährlich: Heute weiss man, dass in den Wurmfarnen krebserregende Substanzen stecken. Und bei schwangeren Frauen können sie sogar Fehlgeburten auslösen.

nas

 

«Farne sind uralte Organismen, es gab sie schon vor 300 Millionen Jahren. Damals haben sie ganze Wälder gebildet.»

Gregor Kozlowski

Biologe

Namensgebung

Altes Mittel gegen Wurmbefall

Gemeiner Wurmfarn, Enferntfiedriger Wurmfarn, Breiter Wurmfarn, Schuppiger Wurmfarn – auffallend viele Farne tragen den Zusatz «Wurm» im Namen. Biologe Gregor Kozlowski erklärt, warum: «Die Farne sind giftig für Menschen und Tiere. Früher nutzten die Menschen Farne deshalb als Mittel gegen Wurmbefall, besonders gegen Bandwürmer.» Die Menschen assen die Farne, und das Gift tötete die Würmer ab. Aber das war auch für die Menschen nicht ganz ungefährlich: Heute weiss man, dass in den Wurmfarnen krebserregende Substanzen stecken. Und bei schwangeren Frauen können sie sogar Fehlgeburten auslösen.

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