18.05.2019

Bauchnäbel und Bademäntel

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii und ging auch nie durch San Francisco in zerrissnen Jeans. Ich sass übrigens auch noch nie im weissen Bademantel an einem durchsichtigen Flügel. Aber trotzdem singt mir Udo Jürgens aus dem Herzen. Ich war noch nirgends. Was kein Problem wäre, wenn nicht immer alle anderen erzählen würden, wo sie schon alles gewesen sind.

Kennen Sie das? Da sitzt man in einer gemütlichen Runde zusammen und schon gehts los mit den Reiseerzählungen: Australien («Dieses Jahr mal die Westküste. Eindrücklich!»), Neuseeland («Immer wieder schön.»), Thailand («Das Essen, toll, und die Leute, alle so nett.»), mit dem Camper durch die USA («Diese Weite!»), Galapagos («Noch nicht so überlaufen»), Safari in Kenia («Die Löwen waren enttäuschend.»). Und alle schwärmen eifrig mit, weil alle schon überall waren, und wo sie noch nicht waren, gehen sie nächstes Jahr garantiert hin. Auf die Malediven zum Beispiel («So lange es sie noch gibt.»). Nur ich sag dann nichts, weil Kaninchenfüttern im Reka-Dorf halt nicht so ­sexy ist wie Whale-Watching in Island.

Manchmal schiebe ich dann meine Kinder vor. Mit denen seien lange Reisen halt mühsam, sage ich und fühle mich schlecht dabei, weil ich meine Kinder gleich behandle wie die SVP die Ausländer: immer schuld an allem – obwohl sie gar nichts dafür können.

Denn es liegt ja an mir. Und ich frag mich dann schon: Mach ich was falsch? Verpass ich etwas, wenn ich nicht zwei Mal im Jahr um die halbe Welt jette? Reisen erweitert den Horizont, heisst es ja so schön. Aber ich habe da ehrlich gesagt meine Zweifel. Denn der Bauchnabel fliegt ja mit, als Mittelpunkt der Welt, als Kompass und Gradmesser für alles Fremde. Was dann dazu führt, dass man die Ignoranz zur Abwechslung mal zwei Wochen vor exotischer Kulisse spazieren führt: «Die haben so wenig und sind trotzdem alle total zufrieden.»

Und überhaupt: Wären die gesammelten Flugmeilen ein Gradmesser für die Weltoffenheit, dann würden wir ja nicht Zäune hochziehen, wenn die Welt zu uns kommt.

Aber vielleicht tue ich all den Weitgereisten ja Unrecht. Vielleicht bin ich ja auch nur ein selbstgerechtes Astloch mit engem Horizont, dem der eigene Nabel schon Attraktion und Abenteuer genug ist. Vielleicht täte mir eine Fernreise mal so richtig gut, um meinen Blick zu weiten. Was Knalliges: Walross-Reiten in Alaska oder Islamisten-Streicheln in Kabul zum Beispiel.

Oder vielleicht kaufe ich mir einfach einen weissen Bademantel. Dann ist fertig Nabelschau und der Blick frei für die Welt um mich herum.