Freiburg 20.07.2019

«Der Wald braucht uns Menschen nicht»

Dominique Schaller: «Gut unterhalten, bringt uns der Wald auch einen grossen Nutzen.»
Vor 20 Jahren hat der Orkan Lothar eine Spur der Verwüstung in den Wäldern hinterlassen. In der Folge wurde der Wald ganz anders bewirtschaftet. Lothar sei auch eine Chance gewesen, sagt Dominique Schaller, Vorsteher des Amtes für Wald und Natur.

Dominique Schaller ist seit 2016 Vorsteher des Amtes für Wald und Natur. Der 48-jährige Forstingenieur erklärt im Gespräch mit den FN, wie er vor 20 Jahren die Zeit nach dem Orkan Lothar erlebt hat und welche Herausforderungen der Freiburger Wald heute zu meistern hat.

Dominique Schaller, wie haben Sie den 26. Dezember 1999 erlebt?

Ich war an diesem Tag mit meiner Familie im Kanton Jura und erinnere mich gut an den Sturm. Aber noch mehr erinnere ich mich, wie ich drei Monate später meine Stelle als Forstkreisingenieur im Seebezirk und in Teilen der Broye angetreten habe. Es herrschte ein rechtes Chaos. Einige Aufräumarbeiten waren bereits gemacht worden. Aber es herrschte eine grosse Unsicherheit. Wir wussten vor allem nicht, wohin mit dem vielen Sturmholz. Es war eine schwierige Zeit, alle suchten nach Lösungen und waren überfordert. Was ich mitbekommen habe, ist, dass viele Förster sehr berührt waren, als sie gesehen haben, wie der Sturm den Wald, den sie zwanzig und mehr Jahre gepflegt hatten, verwüstet hat.

Vor 29 Jahren Vivian, vor 20 Jahren Lothar, vor anderthalb Jahren Burglind – müssen wir in Zukunft vermehrt mit solchen Ereignissen rechnen?

Ja, das ist so. Wir haben in der Schweiz sehr gute Aufzeichnungen über das Wetter, sie reichen bis ins Jahr 1900 zurück. Man hat die Informationen analysiert und festgestellt, dass es jedes Jahr mehr Stürme gibt, die mit 100 Stundenkilometern und mehr über das Land fegen.

Für die Waldbesitzer und die Holzwirtschaft war Lothar damals eine Katastrophe, weil der Markt danach lange Zeit mit Sturmholz übersättigt war. Und für die Natur?

Lothar war für den Menschen in der Tat eine wirtschaftliche Katastrophe. Doch der Sturm hatte auch seine guten Seiten. Solange wir ihn nicht übernutzen, was im Wald aufgrund des Nachhaltigkeitsprinzips nicht gemacht wird, spielen wir Menschen für den Wald keine Rolle. Die Natur hat ihren Kreislauf – mit oder ohne den Menschen. Sie kann damit umgehen, wenn sich der Borkenkäfer stark vermehrt oder wenn es Windwurf und anderen Ereignisse gibt. So hat man zum Beispiel festgestellt, dass die Biodiversität auf Waldflächen, die von Lothar zerstört worden sind, viel grösser ist als zum Beispiel in einem reinen Fichtenbestand.

Hat sich die Art, Wälder zu bewirtschaften, nach Lothar geändert?

Wir haben angefangen, die Wälder anders zu bepflanzen. Dies geschah aus verschiedenen Gründen. Zum einen gab es nach dem Sturm viel zu wenig Pflanzmaterial, um einen Wald wieder flächendeckend aufzuforsten, wie dies früher der Fall gewesen war. Das wäre auch sehr teuer und aufwendig gewesen. Aber das wollte man auch nicht. Vielmehr wurden Baumgruppen gepflanzt. So wurden etwa alle 14 Meter 20 Bäume gepflanzt. Doch nur einer blieb bestehen: nicht der schönste, sondern der robusteste. Alle anderen werden im Laufe der Zeit dank natürlicher Konkurrenz oder Pflege verschwinden. Im Raum zwischen diesen Gruppen lässt man der Natur ihren freien Lauf. Dadurch erhalten die Wälder mehr Abwechslung und mehr Licht. Im Flachland hatten wir vor Lothar zwischen 70 und 80  Prozent Nadelholz, heute besteht dieser Wald aus 60 bis 70 Prozent Laubholz. In den Berggebieten bleibt die Fichte nach wie vor sehr präsent, da sie dort am besten gedeiht. Vielleicht arbeiten wir mit dieser Methode weniger als bisher für die Holzwirtschaft und mehr mit und für die Natur. Doch wir können ja heute nicht sagen, welche Holzarten die Holzwirtschaft in 100 Jahren nachfragen wird. Wir müssen dann wohl nehmen, was wächst.

Apropos Absatz: Warum hat es einheimisches Holz so schwer auf dem Markt?

Es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Schweizer Holz wird von den Kunden noch viel zu wenig verlangt. Es ist nicht einfach, hiesiges Holz als Baumaterial für ein Haus zu erhalten, das habe ich selber erlebt. Wenn der Kunde es nicht ausdrücklich und vermehrt verlangt, wird sich nie etwas daran ändern. Erst wenn die Nachfrage klar vorhanden ist, passt sich der Markt an.

Stürme sind das eine. Borkenkäfer, Trockenheit, Krankheiten, der Klimawandel – wie übersteht der Wald diese Herausforderungen?

Man muss Vertrauen in ihn haben. Aber es ist schon so: Alles geht schneller als erwartet, vieles zu schnell für den Wald. Der Wald braucht fast ein Jahrhundert für einen Wechsel. Und jetzt merkt man, dass sich der Wald innerhalb von ein paar Jahrzehnten anpassen sollte. Er leidet unter den vermehrten starken Witterungen, der Trockenheit, den Stürmen.

Ist eine Zunahme von Extremsituationen wegen des Klimawandels festzustellen?

Ja. Im Jura sterben ganze Buchenwälder wegen der Trockenheit. In der Schweiz gibt es neben dem berühmten Borkenkäfer ungefähr 60 weitere Käfer, die das Holz angreifen. Man hat zum Beispiel festgestellt, dass der sogenannte rindenbrütende Käfer sich plötzlich stärker vermehrt, aber man weiss nicht, warum. Die Weisstanne kommt sonst mit der Trockenheit gut zurecht, da sie tief im Boden wurzelt. Doch nun wird sie durch diesen Käfer geschwächt. Die Ausbreitung von Krankheiten und Käfern lokal zu bekämpfen, ist nicht einfach. Man müsste dies über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus koordinieren.

Was kann der Mensch tun?

Wir müssen uns mehr mit der Pflanzensoziologie beschäftigen. Die Natur zeigt uns, welche Pflanze wo am besten wächst, welcher Standort für sie am günstigsten ist. Es gibt für die Schweiz etwa 30 definierte Waldstandorte und einen Schlüssel, wie dies im Kanton Freiburg aussieht. Diese Karten müssen wir anpassen, also zum Beispiel statt Buchen vermehrt Eichen pflanzen. Der Förster schaut bei der Pflege des Jungwaldes darauf, dass es den Eichen gut geht, und nimmt andere Bäume, die ihr Wachstum hemmen, gezielt heraus.

Das tönt zeitintensiv und aufwendig.

Kanton und Bund unterstützen die Waldpflege, vor allem Jung- und Schutzwald, mit Abgeltungen von durchschnittlich 12 000 Franken pro Hektar Wald. Ohne dies wäre es schwierig, einen Wald so zu bewirtschaften, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis einigermassen stimmt. Viele Forstbetriebe weisen zwar einen Gewinn aus, aber vor allem auch, weil sie für die Arbeiten unterstützt werden. Das hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Vor 40 Jahren war der Wald noch Kapital, aus dem man Gewinn schlagen konnte, mit dem man zum Beispiel ein Schulhaus finanzieren konnte. Dieses Denken ist noch bei einigen Leuten im Kopf. Doch Tatsache ist: Der Wald kostet. Gut unterhalten, bringt er uns auch einen grossen Nutzen: Er schützt uns zum Beispiel vor Naturgefahren und bietet uns Erholungsmöglichkeiten. Ganz abgesehen vom Naturschutz: 75 Prozent der Biodiversität in unserem Land ist mit dem Wald verbunden. Dazu müssen wir Sorge tragen und deshalb auch in Kauf nehmen, dass dies etwas kostet.

Wie charakterisieren Sie den Wald im Kanton Freiburg?

Wir haben eine grosse Spannweite von Waldarten: vom Flachland bis in die Voralpen. Vom See bis zum Moléson. Was anders ist als in anderen Kantonen, sind die Strukturen. Die Holzwirtschaft ist vorbildlich organisiert, die Holzkette funktioniert, Sägereien und Forstbetriebe arbeiten gut zusammen. Etwa 2500 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt mit der Holzwirtschaft zusammen. Rund 50 Förster sind im Einsatz. 15 davon stehen im Dienst des Kantons, der Rest arbeitet für Forstbetriebe wie jene am Schwyberg oder in der Region Murtensee.

Wie geht es dem Freiburger Wald heute?

Es geht ihm im Allgemeinen gut, aber er ist unter Druck. Das grösste Problem ist die Trockenheit. Seit dem Trockenjahr 2003 leidet der Wald, er hat sich davon nicht mehr erholt.

«Alles geht schneller als erwartet, vieles zu schnell für den Wald.»

Dominique Schaller

Vorsteher des Amtes für Wald und Natur

Zahlen und Fakten

1,39 Millionen Kubikmeter Holz lagen am Boden

Am 26. und 27. Dezember 1999 überquerte der Hurrikan Lothar Europa und verwüstete die Wälder Frankreichs, der Schweiz und Süddeutschlands. In der Schweiz fielen ihm 13,8 Millionen Kubikmeter Holz zum Opfer, was drei Jahres­ernten entspricht. Im Kanton Freiburg waren es 1,39 Millionen Kubikmeter, was sieben Mal der Menge entspricht, die sonst in einem Jahr gefällt wird. In einer Sommerserie blicken die FN zum einen auf die Ereignisse von damals zurück, zum anderen zeigen sie auf, was sich seither im betroffenen Wald verändert hat.

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Aufruf

Wie haben Sie den Lothar-Tag erlebt

Vielen Menschen ist der 26. Dezember 1999 noch sehr präsent. Wie ist es mit Ihnen? Schildern Sie uns in zwei oder drei Sätzen, wie Sie Lothar erlebt haben, als Privatperson oder in beruflichem Auftrag. Ihre Erinnerungen publizieren wir im Laufe des Sommers in den FN. Einsendungen bitte per Mail: redaktion@freiburger-nachrichten.ch mit dem Betreff «Lothar-­Erinnerungen».

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3850 Hektaren Waldfläche waren vom Sturm betroffen.

2122 Hektaren Waldfläche waren total zerstört, 1728 Hektaren erlitten einen Teilschaden.

Der Sturm erreichte auf dem Moléson eine Windgeschwindigkeit von 194 Stunden­kilometern, in Freiburg wurden 131 km/h gemessen, in Plaffeien 155.

Die Stadt Murten hat durch den Sturm Lothar 80 Prozent ihres Waldes verloren.

Die Fläche des von Lothar betroffenen Waldes im Kanton entspricht 6000 Fussballfeldern.

Für die Aufräumarbeiten standen 200 Forstleute, 600 Soldaten und 500 Zivildienstleistende und andere Helfer im Einsatz. Sie haben über 14 500 Arbeitstage geleistet.

Lothar kostete in der Schweiz 14 Personen das Leben. 15 weitere starben bei Aufräumarbeiten in den Wäldern.