Plaffeien 12.08.2019

Eine Mauer, die verbindet

Im Muschernschlund bauen Arbeitslose in diesen Tagen eine alte Trockensteinmauer wieder auf. Sie soll Eidechsen, Insekten und anderen Tierarten einen Rückzugsort bieten – und fördert die Teamarbeit.

Quasi eine Win-win-win-Situation ist der Wiederaufbau der alten Trocken-Steinmauer bei der Alp Spittelgantrisch. Zum Ersten wird die Biodiversität gefördert, denn die rund 180 Meter lange und knapp einen Meter hohe Mauer bietet Lebensraum für Insekten, Eidechsen und andere Tiere. Zum Zweiten fördert die Mauer die Teamarbeit bei den Arbeitslosen, die sie wieder aufbauen. Sie nehmen an einem dreimonatigen Programm des Vereins für aktive Arbeitsmarktmassnahmen (VAM) teil, in dessen Rahmen sie verschiedene Arbeitseinsätze leisten.

Und zum Dritten profitieren auch die Mehrzweckgenossenschaft Muscherntal und die Burgergemeinde Freiburg, der die Alp gehört. Die Mehrzweckgenossenschaft muss nämlich für die Sanierung von mehreren Alpstrassen Ausgleichsmassnahmen für die Natur leisten – eine davon ist der Bau der Mauer (siehe Kasten). Und dem kürzlich in Rente gegangenen Dienstchef der Burgergemeinde, Gérard ­Aeby, war der Wiederaufbau der historischen Mauer bereits seit langem ein Anliegen.

Neu aufeinanderschichten

Das Grüppchen, das derzeit mit den Arbeiten beschäftigt ist, ist klein – die Arbeitslosenzahl ist derzeit tief, entsprechend sind weniger Leute im Programm. Drei Männer und zwei Begleiter des VAM sind daran, Steine aufeinanderzuschichten. Vier von ihnen diskutieren untereinander, wie ein Stein am besten zu liegen kommt, und probieren aus, wie er am besten hält. Ein weiterer Arbeiter sammelt kleinere Steine vom kaputten Teil der Mauer ein und stopft damit kleinere Löcher. Für die Wiederherstellung sind keine neuen Steine herangeschafft worden, vielmehr schichten die Männer die bereits vorhandenen Steine der verfallenen Mauer neu aufeinander.

«Ein Stein ist dann gut platziert, wenn er von alleine hält. Dazu muss er auf drei Punkten aufliegen», erklärt Yvo Aebischer, Abteilungsleiter beim VAM und verantwortlich für das Projekt. «Hält jeder Stein von alleine, dann hält auch die Mauer.» Er hat Erfahrung: Bereits im Breccaschlund hat er in den vergangenen Jahren mit Equipen des VAM Steinmauern gebaut, und der erste, untere Teil der Mauer im Spittelgantrisch wurde unter seiner Leitung letztes Jahr fertiggestellt.

Die Steine werden «nur» aufeinandergeschichtet, kein Mörtel kommt dazwischen, und sie werden auch nicht passend gemacht. «Wir haben es hier mit stark verwittertem Kalkstein zu tun. Versuchen wir den mit einem Meissel zu bearbeiten, fällt er schnell auseinander.»

Teamwork gefördert

Yvo Aebischer schätzt das Projekt, denn: «Teamwork ist gefragt.» Die Leute müssten aufpassen, dass sie ihren Kollegen nicht die Finger einklemmten. Langsames und genaues Arbeiten sei gefragt, damit die Steine auch halten. Erst den zweiten Tag sind sie hier oben, doch Aebischer stellt fest: «Es hat sich bereits eine gute Arbeitsteilung ergeben, jeder macht seinen Job.»

Das hänge wohl auch damit zusammen, dass die Leute die Arbeit hier oben gern verrichteten. Denn nicht immer sind die Teilnehmenden der Arbeitslosenprogramme motiviert, werden sie doch vom Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) dazu eingeteilt: Sie sind nicht freiwillig hier. Die meisten haben zudem noch andere Sorgen als ihre Arbeitslosigkeit.

Resultat schnell sichtbar

Meist verfliege der Unmut aber rasch, sagt Yvo Aebischer. «Wenn wir hier in dieser schönen Landschaft gut zusammenarbeiten können und es zwischendurch auch lustig haben, dann können die Teilnehmer ihre Sorgen für ein paar Stunden vergessen.» Eine gute Stimmung in der Gruppe sei für ihn zentral. Das Grüppchen kommt gut voran, besser als Aebischer erwartet hat. Wo die Mauer neu gebaut ist, ist sie schön rechteckig und sieht ordentlich aus. Es ist ein grosser Unterschied zum oberen, verfallenen Teil, wo die Steine lose herumliegen. Man sehe das Resultat der Arbeit schnell, das motiviere, sagt Aebischer.

Insgesamt sind die Männer mit dem VAM an vierzehn oder fünfzehn Tage innerhalb von rund drei Wochen hier. Sie arbeiten nur an Tagen mit gutem Wetter, bei Regen werden die Steine rasch glitschig, und dann wird die Arbeit gefährlich. Yvo Aebischer rechnete zunächst damit, dass die Mauer erst nächstes Jahr ganz fertig wird. «Aber jetzt kommen wir so gut vorwärts, dass es wohl schon 2019 reicht.»

Ökologischer Ausgleich

Ausgleichsmassnahme für die Sanierung von Alpwegen

Im Jahr 2018 hat die Mehrzweckgenossenschaft Muscherntal mehrere Alpwege saniert; einige davon wurden zum Beispiel mit Betonelementen befestigt. Das vereinfacht die Zufahrt zu den Alpen – bedeutet aber auch einen Eingriff in die Natur. Das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz verlangt deshalb Wiederherstellungs- oder Ersatzmassnahmen. Die Ausgleichsmassnahme für die Wegsanierung ist die Wiederherstellung der alten Trockensteinmauer bei der Alp Spittelgantrisch, wie Beat Gauch von der Mehrzweckgenossenschaft erklärt. «Eine solche Mauer ist ein sogenanntes Trockenbiotop, verschiedene Tierarten nisten sich dort ein.»

Früher waren solche Mauern verbreiteter, wie Gauch sagt. Die Steine kommen von den Bergen herunter und bleiben auf den Alpwiesen liegen. Damit das Vieh besser grasen kann, holten die Bauern die Steine von den Weiden und verbauten sie in Mauern. Diese dienten auch als Grenze zwischen verschiedenen Alpen oder als Zäune. Ewig bleiben die Mauern aber nicht stehen, wie der verfallene Teil der Mauer beim Spittelgantrisch zeigt. Einer grossen Lawine etwa halten sie nicht stand.

nas