Freiburg 23.05.2020

Frühlingsbote mit schlechtem Ruf

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Er kündigt mit seinem markanten Ruf den Frühling an, hat aber eigentlich keinen guten Leumund: der Kuckuck. Dabei verdienen die Überlebensstrategien und Verhaltensweisen, welche die Natur diesem Singvogel mitgegeben hat, eine besondere Würdigung.

«Wenn du im Frühling den Ruf eines Kuckucks hörst, solltest du immer Geld in der Tasche haben. Dann hast du das ganze Jahr über keine finanziellen Sorgen mehr» – der eine oder andere Leser mag sich vielleicht daran erinnern, dass ihm diese Geschichte in seiner Kindheit erzählt worden ist. Woher sie stammt, ist nicht bekannt, denn der Zusammenhang zwischen dem heimischen Singvogel und finanzieller Sicherheit ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich.

In den letzten Wochen war der unverkennbare Ruf des Kuckucks – nur das Männchen singt – in unseren Breitengraden wieder vermehrt zu hören. Denn ab Mitte April ist er zurück aus seinem Winterquartier in Afrika südlich des Äquators. Die Natur hat den Kuckuck mit ein paar Eigenschaften ausgestattet, die andere Tiere nicht haben.

Mit Haut und Haaren

So frisst er zum Beispiel mit Vor- liebe Schmetterlingsraupen, die 60 bis 70  Prozent seiner Nahrung ausmachen können, und verträgt dabei auch jene Raupen, die besonders haarig sind, wie sie bei vielen Nachtfalterarten vorkommen. «Der Kuckuck kann sie fressen, obwohl sie mit Brennhaaren ausgestattet sind», erklärt der Freiburger Biologe Jacques Studer. Die Abwehrtaktik der Raupe, die bei anderen Vögeln funktioniert, wirkt also beim Kuckuck nicht. Denn er hat eine besondere Methode, um die Haare loszuwerden. «Er reibt die Raupen zwischen dem Schnabel auf und ab und putzt so den grössten Teil Haare vor dem Verzehr weg.» Der Magen des Kuckucks ist so konzipiert, dass er Resthaare, die trotzdem in seinen Magen gelangen, absondern und wieder ausspeien kann.

«Auch wenn das Verhalten auf uns Menschen unsympathisch wirkt, ist der Kuckuck doch ein gutes Beispiel, wie genial die Überlebensstrategien der Natur sein können.»

Jacques Studer

Biologe

Der Kuckuck ist bekanntermassen kein Brutvogel. Im Frühling verfolgt der Kuckuck vor allem ein Ziel: sich zu paaren​ und seine Einer in ein fremdes Nest abzulegen. «Dabei geht er sehr geschickt vor», erzählt Jacques Studer. «Er sucht sich potenzielle Eltern, die seinen Nachwuchs aufziehen.» Er sei er dabei nicht wählerisch; in Mitteleuropa weiss man von 40 verschiedenen Vogelarten, deren Nester der Kuckuck besucht.

Bei uns sind es vor allem die Nester von Hausrotschwänzchen; sie bauen ihre Nistplätze etwa in Felsspalten oder unter den Vordächern von Häusern. Aber auch die Nester der Bachstelzen oder der wenige Zentimeter grossen Zaunkönige sowie der in Feuchtgebieten lebenden Teichrohrsänger hat der Kuckuck im Auge.

Je nach Farbe der Eier

Welches Nest er dann tatsächlich aussucht, hängt von Gelege des Weibchens ab. «Denn die Farbe der Eier eines Geleges ist genetisch verankert», erklärt der Biologe. Legt der Kuckuck also ein blaugrünes Ei, dann sucht er sich das Nest des Gartenrotschwänzchens aus, das ebenfalls Eier dieser Farbe legt. Ist das Ei gesprenkelt, dann kommt etwa die Bachstelze infrage, weil deren Eier dem seinen ähnlich sehen. Die Farbe mag zwar genau stimmen, doch bei der Grösse gibt es kleine Unterschiede: Das Kuckucksei ist etwas grösser.

Imitiert einen Sperber

So ohne weiteres gibt das Kuckucksweibchen seine Eier nicht ab. «Es beobachtet die Brutaktivität der potenziellen Pflegeeltern und wartet eine günstige Gelegenheit ab, wo das Nest für einen Moment unbeobachtet ist.» Und hier bewährt sich eine zusätzliche Strategie, mit der die Natur den Kuckuck ausgestattet hat: sein Kleid. Wer den Vogel nämlich genau ansieht, stellt fest, dass die Federzeichnung Ähnlichkeit mit jenem eines Sperbers hat: Der graue Kuckuck ist an Brust und Bauch schwarz-weiss gestreift. Er hat spitze Flügel, ebenfalls schwarz-weiss gestreift, und ein auffallend knallgelbes Auge.

Durch sein Aussehen täuscht er potenzielle Wirtseltern: Da sie angesichts des gefährlichen «Sperbers» Gefahr sehen, verlassen sie ihr Nest und bringen sich in Sicherheit: Der Plan des Kuckucks geht auf, er kann sein Ei ablegen. Dabei macht er nicht lange Federlesens. «Damit der Schwindel nicht auffliegt, frisst er ein Ei der Wirtseltern auf oder rollt es aus dem Nest», fasst der Biologe zusammen. «Bei uns in Mitteleuropa ist der Kuckuck der einzige Vogel mit diesem Verhalten.» Pro Saison legt das Kuckucksweibchen 10 bis 25 Eier und sucht sich für jedes einzelne neue Pflegeeltern.

Kleine Eltern, grosses Kind

«Die meisten Vogelarten merken nicht, dass sie ein Kuckucksei im Nest haben», so Jacques Studer. Man habe aber beobachtet, dass einige ältere, erfahrene Vogelweibchen es doch realisieren und das fremde Ei dann anstechen und zerstören.

Wo dies nicht passiert, brüten die Pflegeeltern brav das fremde Ei mit aus. Während es bei Singvögeln rund zwei Wochen dauert, bis die Küken schlüpfen, sind die Kuckuckskinder schneller da. Auch dies wieder eine brutale, aber wirkungsvolle Überlebensstrategie. Kaum sind die Kuckuckskinder geschlüpft, stossen sie die anderen Eier aus dem Nest. «Es ist ein riesiger Kraftakt, den die jungen Vögel da vollbringen. Sie setzen all ihre Ressourcen ein, um potenzielle Konkurrenten hinauszudrängen.»

Die Eltern bekommen von diesem Verhalten nichts mit und akzeptieren, dass nur ein Ei überlebt hat und dass daraus besonders hungriger Nachwuchs geschlüpft ist. «Die Verhältnisse sind manchmal sehr im Ungleichgewicht», weiss Jacques Studer. «Da zieht ein spatzengrosses Vögelchen ein taubengrosses Vogelkind auf, das so viel frisst, wie fünf andere Vögel zu sich nehmen würden.»

So gestärkt, fliegt der Kuckuck schon bald aus. Dann hat er noch ein paar Wochen im Sommer, um sich zu stärken, bevor er im August die 6000 Kilometer lange Reise in den Süden antritt. Wohin er fliegen muss und dass er im Frühling wieder nach Hause findet, ist genetisch verankert und wird von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Geniale Natur

«Der Kuckuck ist ein ganz spezieller Vogel», fasst Jacques Studer zusammen. «Er ist sein Leben lang allein unterwegs, wächst als Einzelkind bei Stiefeltern auf, ohne seine leiblichen Eltern je kennenzulernen.» Noch ganz jung mache er sich auf eine lange Reise, ohne dabei – wie andere Zugvögel – von der Schwarmintelligenz profitieren zu können. Der Biologe findet es faszinierend, wie bei diesem Vogel viele wichtige Eigenschaften – das Sperber-ähnliche Aussehen, die Färbung der Eier, das frühere Schlüpfen als seine Nestkollegen, sein Wanderverhalten – zusammenkommen, damit sein Lebenszy­klus am Ende auf wunderbare Art aufgeht. «Auch wenn das Verhalten auf uns Menschen unsympathisch wirkt, ist der Kuckuck doch ein gutes Beispiel, wie genial die Überlebensstrategien der Natur sein können.»

In einer losen Serie stellen die FN in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Biologen Jacques Studer einheimische Tiere vor.

Kuckuck

Potenziell gefährdet

Der Kuckuck sei eigentlich nicht anspruchsvoll, was seinen Lebensraum betreffe, sagt der Freiburger Biologe Jacques Studer. «Er geht dorthin, wo er Nahrung und potenzielle Stiefeltern für seinen Nachwuchs findet.» Den Kuckuck gibt es überall in der Schweiz, aber im Mittelland ist er sehr selten geworden. Auf der Liste der gefährdeten Arten ist sein aktueller Status​ «potenziell gefährdet». Gemäss Schweizer Vogelatlas wird der Bestand auf 15 000 bis 25 000 Männchen geschätzt. «In unserer Region hört man ihn gelegentlich im Unterland, zum Beispiel in den Düdinger Mösern und im Auried bei Kleinbösingen.» Je weiter Richtung Oberland, desto mehr ist er verbreitet, da dort der Siedlungsdruck und die Intensität der Landwirtschaft geringer sind und er genügend Raupen findet. Insektizide auf Feld und in Gärten und Parkanlagen sind ein Grund für den Rückgang der Raupen. «Der andere ist der Wechsel der Mähtechnik», so der Fachmann. «Die heutigen Mähwerkzeuge sind tödlich für die Raupen; Rasenmäher und Kreiselmäher zerschnetzeln die weichen, nicht sehr beweglichen Tiere.» Die früheren Geräte hätten das Gras geschnitten, und es sei auf das Feld gefallen, so dass die Raupen mehr Überlebenschancen gehabt hätten, ebenso wie andere Wiesentiere.