27.05.2020

Geile Grillen

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Jetzt stridulieren sie wieder, die Grillen im Garten. Und wenn Sie bei Stridulation an eine abartige Sexualpraktik denken, dann liegen Sie nicht völlig falsch. Stridulation ist der Fachausdruck fürs Zirpen der männlichen Grillen, also der Grilleriche, und natürlich musizieren die nicht einfach aus lauter Lust an der Freude, sondern weil sie nur eines im Kopf haben: Sex. Das Stridulieren dient dazu, Weibchen zu betören – und andere Männchen zu vertreiben, die einem die Weibchen streitig machen könnten.

Musik machen, um Weiber ins Nest zu kriegen: Man kennt diese Masche von Mick Jagger und Konsorten. Das Männchen spielt (sich) auf, das Weibchen fällt drauf rein – ein Rollenmuster aus der Steinzeit. Zur Ehrenrettung der Grillen sei gesagt, dass sie nicht anders können, besser aussehen als Mick und auf jeden Fall die grössere Rockröhre haben als der Rolling Stone. Bis zu 200 Meter weit hört man den Lockgesang einer Grille; so ein Wiesenmacker könnte also locker das Hallenstadion beschallen – und zwar unplugged.

Blöd nur, dass die liebestollen Tiere ihre Serenaden nicht im Stadion anstimmen, sondern vor meinem offenen Schlafzimmerfenster. Kuschel­rock aus dem Wiesengrund. Wenn man keine Ahnung von Botanik hat, lässt man sich vom monotonen Kri-kri-kri in Gedanken gerne in eine laue italienische Sommernacht versetzen (kleine Fluchten im Lockdown). Aber wenn man mal verstanden hat, was die Grillen da zirpen, wird einem ganz anders, und der unschuldige Schlaf ist nachhaltig versaut.

So ein Grillenkonzert ist nämlich ein einziges akustisches Parship. Wobei Grillen-Singles ohrenscheinlich deutlich länger als elf Minuten brauchen, um sich zu verlieben. Denn ihre immer gleiche Anmache – habt ihr eigentlich nichts anderes drauf als kri-kri-kri mit Loop-Effekt? – ist die ganze Nacht über zu hören, als hätten die Viecher zu viel Ovo getrunken («Mit Ovi chaschs nid besser, aber länger»). Wobei sich gegen Ende ein bisschen Verzweiflung ins unerhörte Werben mischt («I can get no satis­faction»).

Stundenlang geigen die giggerigen Grillen auf ihren Stridularis ihre Kontaktanzeigen für heisse Nächte. Das Niveau ist unterirdisch, auch wenn die Grillen zum Balzen aus ihren Röhren kriechen. «Geile Grille sucht williges Weibchen.» Und im Gegensatz zu Tinder immer gleich mit beidseitigem Kinderwunsch. Wie abartig ist das denn, bitteschön. Wie religiöse Fundis.

Aber was kann man von Grillen auch anderes erwarten? Sind halt in Sekten.