Übrigens 12.12.2020

Gleich, sofort, (sehr) bald

Wenn es ein Wort gibt, das ich nicht ausstehen kann, dann ist es: gleich – zumindest, wenn es aus dem Mund meiner Kinder kommt. Und wenn Sie erziehungsberechtigt sind, dann wissen Sie wahrscheinlich, wovon ich rede. «Kommst du endlich frühstücken, du musst zur Schule.» «Gleich.» «Erst die Hausaufgaben, dann Youtube.» «Gleich.» «Räumst du bitte dein Zimmer auf?» «Gleich.» «Löschst du das Licht? Zeit für ins Bett.» «Gleich.» Von morgens früh bis abends spät immer nur «gleich, gleich, gleich».

Das Problem dabei: Gleich bedeutet sofort; und das finde nicht nur ich, das findet auch mein Erziehungsratgeber, der Duden: «in relativ kurzer Zeit, sofort, (sehr) bald», heisst es dort. Blöd nur, dass meine Kinder das ganz anders sehen. Für sie ist «gleich» eine beliebig dehnbare Zeitspanne, die von wenigen Minuten über Stunden bis zu Tagen alles bedeuten kann, je nach Lust, Laune und Tagesform. Und manchmal heisst gleich auch – mir doch egal.

Ich weiss nicht, woher meine Kinder das haben. Von mir jedenfalls nicht. Wenn ich gleich sage, dann meine ich auch gleich. Ein Mann, ein Wort. Verlässlichkeit, das ist, was zäh… «Papi, hilfst du mir beim Laubsägeln?» «Gleich, ich muss nur noch diese Kolumne fertig schreiben, ja?» Das ist doch einfach eine Frage des Anstands und des Respekts, finde ich, dass man auch sofort kommt, wenn man gleich sagt. «Papi, ich habe mir in den Finger gesägt, kannst du mir ein Pflaster geben?» «Gleich, du siehst doch, dass ich am Arbeiten bin.» Vergessen Sie Erziehung, die Kinder machen einem sowieso alles nach. Darauf kommt es doch an… «Aber es blutet.» «Ich komm gleich, nur noch 
30 Zeilen, dann bin ich fertig.» Dass man den Kindern auch vorlebt, was man von ihnen verlangt.

«Und das Laubsägeli ist auch kaputt.» «Gleich, ich komme gleich.» Wie sollen sie es denn sonst lernen, wenn nicht vom Vorbild, das man ihnen gibt? «Gleich gibts Essen, alle Hände waschen und an den Tisch …» «Gleich!» Wo war ich? Genau, Vorbild sein. Das vernachlässigen viele Eltern und wundern sich dann … «Essen! Es sind schon alle am Tisch, ausser du.» «Glei-eich! Ich habe doch gesagt, ich komme gleich.» … und wundern sich dann … «Die Kinder haben auch gleich gesagt, sitzen aber schon am Tisch.» «Das lässt sich doch nicht vergleichen.» … und wundern sich dann, wenn die Kinder die gleichen … «Essen!» «GLEICH! In relativ kurzer Zeit, sofort, (sehr) bald – nur noch diesen einen Satz.»
Und wundern sich dann, wenn die Kinder die gleichen Saumödeli an den Tag legen wie man selber.