St. Silvester 10.07.2019

Im eigenen Zuhause alt werden

Wer eine Wohnung kauft, wünscht sich, bis an sein Lebensende darin wohnen zu können. Dies bleibt aber für viele ein Wunsch. In St. Silvester gibt es ein Projekt für ein Generationenhaus, das dies ermöglichen soll.

Ein junges Paar gründet eine Familie und will aufs Land ziehen. Es kauft sich deshalb eine Eigentumswohnung in St. Silvester. Jahre später haben die Kinder das elterliche Nest verlassen. Die Wohnung ist nun zu gross, weshalb das Paar seine fünfeinhalb Zimmer ohne grosse bauliche Massnahmen zu einer Dreieinhalb- und einer Zweieinhalbzimmerwohnung umfunktionieren lässt. Das Paar wohnt nun in der kleineren Wohnung, die grössere vermietet es. Die beiden werden älter, haben aber das Glück, dass ihre Wohnung altersgerecht ist: schwellenlose Türen, rutschfeste Bodenbeläge, breitere Zimmertüren, ebenerdige Duschen.

Dies könnte ein Beispiel dafür sein, was sich zukünftig im Obermattli in St. Silvester abspielen könnte: «Wohnraum für alle Generationen» nennen die Initianten Nadja Schuwey und Steve Ducret ihr Neubauprojekt mit 14 Eigentumswohnungen. «Wir wollen Wohnungen bauen, die sich an die Lebensabschnitte der Bewohner anpassen», sagt Nadja Schuwey, Inhaberin von NS Immobilien. «Altersgerechte Wohnungen sind aber oft steril und fade. Wir verbinden deshalb das Praktische mit der Ästethik», sagt Architekt Steve Ducret. Mit den verschiedenen Wohnungsgrössen streben sie eine Durchmischung der Generationen an. Die barrierefreien Wohnungen sind nicht nur für Seniorinnen gedacht: Auch für Personen mit einer Behinderung sind sie geeignet.

Vor kurzem haben die Initianten die Baubewilligung für die Überbauung erhalten. Es sind bereits mehrere Wohnungen reserviert.

Solange wie möglich daheim

Steve Ducret sei mit der Idee auf sie zugekommen, als die Parzelle in St. Silvester zum Verkauf gestanden sei, erzählt Nadja Schuwey. Das Obermattli befindet sich im Zentrum des Dorfs, direkt gegenüber der ehemaligen Käserei. «Wir wussten aber nicht, ob im Sensebezirk überhaupt ein Bedürfnis nach solchen Wohnungen besteht.» Durch Kontakte mit Experten aus dem Alters- und Pflegebereich haben sie erfahren: Die Leute wollen so lange wie möglich im eigenen Heim oder zumindest am selben Wohnort bleiben, wenn sie älter werden. «Zudem wollen Seniorinnen und Senioren nicht nur unter sich leben. Sie wollen beispielsweise am Dorfgeschehen teilhaben können», ergänzt Ducret.

Auf einen Schlag 80

Als es an die Planung der Wohnungen ging, haben sich die Architekten Steve Ducret und Florian Remund mit dem Leiter des Pflegeheims Region Ärgera in Giffers, Daniel Corpataux, getroffen. Durch ihn erhielten sie die Möglichkeit, einen sogenannten Age-Anzug auszuprobieren: einen Anzug mit Gewichten und Bewegungseinschränkungen, der einem das Gefühl gibt, auf einen Schlag 80 Jahre alt zu sein. «Das Bewegen fiel mir schwer. Ich hatte Mühe, an Dinge in oberen Bereichen oder in Schränken tief unten heranzukommen», sagt Ducret. «Das war eine gute Erkenntnis.»

Weitere Unterstützung bei der Wohnungsplanung erhielten die Projektverantwortlichen von Céline Schmutz vom Pro-Senectute-Projekt «Qualidomum Senior+». Dieses verfolgt das gleiche Ziel wie die Obermattli-Überbauung: so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Ergotherapeuten und Architekten begutachten mit Senioren deren Wohnung und machen Vorschläge, wie das Eigenheim sicherer und für den Alltag hindernisfrei gestaltet werden kann (die FN berichteten). «Der Wissensaustausch mit Céline Schmutz war sehr wertvoll für unsere Arbeit», sagt Schuwey.

Kochplatte neben Spülbecken

Céline Schmutz brachte auch Tipps und Vorschläge ein für die Planung von altersgerechten Küchen. Für die Wohnungen waren Kochinseln vorgesehen. Das Spülbecken sollte gegenüber auf der anderen Seite der Küche angebracht werden. Schmutz wies darauf hin, dass Personen mit fortschreitendem Alter den mit Wasser gefüllten Kochtopf nicht mehr so gut tragen können. Das Spülbecken ist nun direkt neben der Kochplatte platziert, damit der Kochtopf einfach auf die Platten gezogen werden kann. Marianne Baumgartner bestätigte den Projektplanern die Beobachtungen von Céline Schmutz. Sie bezieht im Obermattli eine Dreieinhalbzimmerwohnung, weil ihr Haus mit Umschwung für sie zu gross geworden ist. Bei der Planung der Inneneinrichtung hat sie ihre Perspektive eingebracht.

Anliegen der Gesellschaft

Eine Gemeinde habe meist wenig Möglichkeiten, solche Projekte zu realisieren, sagt Ducret. Die Initianten des Generationenhauses seien deshalb auf privater Ebene aktiv geworden, um ein gesellschaftspolitisches Anliegen umzusetzen. Die Gemeinde St. Silvester begrüsse ihr Engagement. Die Bauarbeiten sollen kommenden Herbst starten und voraussichtlich rund zwei Jahre dauern.

Mehr Informationen unter 079 935 86 70 oder www.obermatt.li

«Altersgerechte Wohnungen sind oft steril und fade. Wir verbinden deshalb das Praktische mit der Ästethik.»

Architekt