Düdingen 21.06.2019

Junge Mädchen und eine falsche Liebe

Jugendliche der OS-Zentren Düdingen und Wünnewil beim Infobus über Ausbeutung und Menschenhandel.
Sie nutzen die Unsicherheit junger Mädchen aus, gaukeln ihnen die grosse Liebe vor – mit einem Ziel: sie sexuell oder finanziell auszubeuten. Dies sind sogenannte «Loverboys». An der OS Sense hat eine Sensibilisierungsaktion zu diesem Thema stattgefunden.

Zuerst ist es nur ein Like auf Instagram, eine Antwort auf einen Post, dann ein persönlicher Gruss, ein Austauschen von Nachrichten, und schliesslich folgt die Kontaktaufnahme: Die sogenannten «Loverboys» gehen meist auf ähnliche Weise vor, um junge Mädchen im Alter zwischen 12 und 18  Jahren anzusprechen und sich als verständnisvolle Freunde auszugeben. Ihr Ziel: Die Mädchen sollen sich in sie verlieben und von ihnen abhängig werden.

Die zumeist männlichen Täter heucheln den grösstenteils weiblichen Opfern die grosse Liebe vor und fordern von ihnen im Rahmen dieser Beziehung zuerst kleine, dann grössere Gefallen. Mit fatalen Folgen: Viele Opfer werden sexuell ausgebeutet, indem sie zur Prostitution, zur Pornografie oder zu kriminellen Delikten gezwungen werden.

Aktion an der OS

Die zunehmende Digitalisierung und die Beliebtheit von Social-Media-Kanälen mache es den Loverboys leichter, an ihre Opfer heranzukommen, sagt Felix Rauh-Müller, Schulsozialarbeiter an den Orientierungsschulen in Düdingen und Wünnewil. Er hat das in Bern ansässige Schweizer Büro der Uno-Migrationsagentur (siehe Kasten) eingeladen, um die Jugendlichen für das Thema Menschenhandel und Ausbeutung zu sensibilisieren. Denn Loverboys sind per Definition genau das: Menschenhändler und Ausbeuter.

In den letzten Tagen haben rund 260 Jugendliche der beiden OS-Zentren den Bus der Uno-Migrationsagentur besucht. Dieser ist im Rahmen der «Schau hin!»-Kampagne in der ganzen Schweiz unterwegs. Die Jugendlichen erfahren im Bus vor allem auch, dass Menschenhandel nicht ein Thema ist, das nur ferne Länder betrifft, sondern auch in der Schweiz eine Realität ist.

Hohe Dunkelziffer

Zahlen darüber, wie viele Loverboy-Opfer es in der Schweiz gibt, sind schwer zu eruieren. Seit 2015 hilft die Beratungsstelle Act 212 aus Bern den Opfern und führt zugleich eine Meldestelle für Betroffene. Dank Berichten aus Deutschland und den Niederlanden weiss man, dass sich das Phänomen in den letzten Jahren ausgebreitet hat. Auch in der Schweiz: Von 2015 bis 2019 hat Act 212 insgesamt 25 Fälle registriert, drei Viertel der Opfer sind Schweizerinnen. «Die Dunkelziffer ist sehr hoch, es könnten viel mehr Opfer sein, die sich aber vielfach nicht trauen, Hilfe zu holen», sagt Fabienne Reber von der Uno-Migrationsagentur. Das Ausnützen gutgläubiger Opfer sei früher nicht genau bezeichnet worden. «Seit es den Begriff Loverboy-Methode gibt, werden auch mehr Fälle bekannt, weil wir dem Problem einen Namen gegeben haben.»

Genauer hinschauen

Er habe das Thema nicht deshalb aufgegriffen, weil es im Sensebezirk viele Fälle von Loverboy-Opfern gebe, sagt Felix Rauh-Müller. «Wir fanden, es ist ein Thema, bei dem es sich lohnt, genauer hinzuschauen.» Die Schule sei ein guter Ort, um Jugendliche über dieses Thema zu informieren. «Wir wenden uns mit dieser Thematik bewusst an die Abschlussklassen und handeln nach dem Motto: Wer informiert ist, kann sich besser schützen.»

Es gebe weder einen allgemeingültigen Tätertyp noch eine Beschreibung eines typischen Opfers, sagt Fabienne Reber. Alle Täter hätten eines gemeinsam: Sie suchten gezielt und strategisch geschickt geplant nach potenziellen Opfern. Bei den betroffenen jungen Frauen hat die Beratungsstelle Act 212 festgestellt, dass sie sich vielfach in einer Krise befinden: ein Umzug, ein Schulwechsel, die Scheidung der Eltern. «Es trifft sie in der Pubertät, in einer Zeit, in der sie sich verändern und sich hinterfragen: Wie komme ich an, wie wirke ich auf andere? Das ist sowieso schon eine herausfordernde Zeit mit vielen Unsicherheiten», so Felix Rauh-Müller. Wenn dann jemand komme, der diese jungen Menschen mit Anerkennung und Bestätigung locke, dann hätten Loverboys oft ein leichtes Spiel. Deshalb liegt das «Gegenmittel» denn auch in der Prävention: «Die Jugendlichen aktiv begleiten und stärken, so dass sie merken, dass sie etwas wert sind, dass sie Selbstbewusstsein aufbauen können und Wertschätzung spüren», so der Schulsozialarbeiter.

Parallel dazu gilt das Prinzip der Aufklärung: «Wenn Jugendliche, Eltern, die Schulen, ja die ganze Gesellschaft für das Problem sensibilisiert sind, können sie die Zeichen einer solch ungesunden Abhängigkeit schneller und klarer erkennen und Hilfe suchen.» Dies bei den Eltern, Kollegen, beim Schulsozialarbeiter, bei den Opferhilfestellen, der Polizei oder bei der Beratungsstelle Act 212, die eine anonyme Hotline eingerichtet hat (Tel. 0840 212 212).

Diese Stellen helfen den Betroffenen, aus dem Teufelskreis herauszukommen und sich von der psychischen Abhängigkeit zu befreien. Das Fatale ist, dass Geschädigte teilweise in dieser falsch definierten Beziehung gefangen sind, dass sie oft länger brauchen, um einzusehen, wie ungesund diese ist. «Sie haben eine Art Gehirnwäsche hinter sich», sagt Fabienne Reber.

Nur wenige Opfer sagen aus

Zur Masche der Loverboys gehört oftmals auch, dass sie ihre Opfer von der Familie und dem Freundeskreis isolieren und ihnen einreden, dass diese «Liebe» etwas ganz Besonderes sei, von dem niemand erfahren dürfe. Deswegen sind auch nur wenige Opfer bereit, gegen den Täter auszusagen.

«Schau hin!»

Menschenhandel in der Schweiz

Die Kampagne «Schau hin!» hat zum Ziel, auf Menschenhandel und Ausbeutung aufmerksam zu machen. Trägerschaft ist unter anderem die Internationalen Organisation für Migration (IOM), also die Uno-Migrationsagentur, sowie Act 212, das Beratungs- und Schulungszentrum für Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. Die Uno-Migrationsagentur unterstützt Opfer von Menschenhandel und Ausbeutung, die mit falschen Versprechen und mithilfe von Täuschung, Nötigung, Ausnutzung von Hilflosigkeit oder Anwendung von Gewalt angeworben und anschliessend ausgebeutet werden. Dies kann entweder auf der sexuellen Ebene sein, oder aber die Betroffenen werden als Arbeitskräfte ausgebeutet, etwa im Hotel- und Gastgewerbe, in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder im privaten Pflegebereich.

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