Ueberstorf 15.05.2019

Superheld auf wichtiger Mission

Vor 40 Ueberstorfer Primarschülern sprach Michel Fornasier alias Bionicman über seine Handprothese und seine Superkräfte.
Michel Fornasier ist Bionicman: der Superheld mit Handicap. Nun tourt er durch die Schweiz, um Kinder darauf aufmerksam zu machen, dass ein Handicap keine Schwäche sein muss, sondern zu einer Stärke werden kann.

«Ohh!», sagt ein Mädchen halblaut, als es durch die Schulzimmertür schaut. Mit weit aufgerissenen Augen – den Mund immer noch rund geformt – mustert die Schülerin ihr Gegenüber von Kopf bis Fuss: hohe Stiefel, langes blaues Cape und ein goldig glitzerndes M auf der Brust. Dieses steht für Michel Fornasier. Er kam ohne rechte Hand auf die Welt. Heute hat er eine bionische Handprothese namens iLimb Ultra Revolution. Die Roboterhand kann 25 menschliche Bewegungen ausführen, die Fornasier mittels einer App auf seinem Smartphone programmiert hat (die FN berichteten). Drei Bewegungen sind als Stammbefehle immer aktiv, so beispielsweise der Pinzettengriff. «Um Popcorn im Kino zu essen», sagt er schmunzelnd. Dies ist seine menschliche Seite. Denn so wie Clark Kent in wichtigen Momenten zu Superman wird, so verwandelt sich Michel Fornasier in Bionicman – den Superhelden mit Handicap.

Seit Beginn dieses Jahres tourt er durch Schweizer Schulen. Gestern machte der gebürtige Düdinger halt in der Primarschule Ueberstorf. Sein Auftrag: mit Kindern über Behinderungen reden und aufzeigen, dass eine vermeintliche Schwäche auch zu einer Stärke werden kann. Während Fornasiers Vortrag sitzen 40 Ueberstorfer Dritt- und Viertklässler andächtig vor ihm, still, den Blick fixiert auf seine Hightech-Hand. «Das war ein anstrengender Flug nach Ueberstorf. Es ging eine starke Bise», erzählt er den Kindern mit grossen Gesten und zeigt auf sein Cape.

Gips als Schutz

Er spricht über seine Kindheit und Jugend ohne rechte Hand, von seiner ersten, zweieinhalb Kilo schweren Prothese und seinem ersten Date. «Ich schämte mich für meine Behinderung, weshalb ich mir einen Gips gebastelt habe. Ich erzählte dem Mädchen, dass ich meine Hand beim Skateboardfahren gebrochen hätte.» Bald einmal habe er die Wahrheit erzählen müssen. «Sie sagte zu mir: ‹Ich nehme dich so, wie du bist.› Das war ein wichtiger Moment für mein Selbstvertrauen.» Es sei egal, ob ein Mensch eine geistige oder körperliche Behinderung habe – wichtig sei, jede Person in die Gesellschaft einzubeziehen. «Denn eine Behinderung muss nicht gleich eine Schwäche sein. Ich beispielsweise habe mein Leben mit links geschafft», meint er augenzwinkernd zu den Kindern und fügt an: «Und heute habe ich eine coole Roboterhand.» Er hebt seine rechte Hand und bewegt seine Hightech-Finger. Durch die elektromechanische Bewegung entsteht ein Geräusch. «Boah!», flüstert ein Junge begeistert zu einem Freund, weitere Schüler horchen auf.

Auch Spider-Man gezeichnet

Neben seiner «Enthinderungstour» vertreibt Fornasier auch Comicbücher: Unter anderem kämpft der Bionicman gegen fiese Mobber. Die Zeichnungen stammen von David Boller – einem Schweizer Comiczeichner, der unter anderem die Comicfigur Spider Man beim US-amerikanischen Comicverlag Marvel mitgestaltet hat. Einige Kinder erzählen Fornasier, welche Geschichte ihnen am besten gefallen hat. Zu Beginn sind sie noch zurückhaltend, doch dann fragen sie ihn aus: «Kannst du wie im Comic ganz klein werden?», fragt ein Junge. Fornasier verneint, weil er «keinen Schrumpfpilz» dabeihabe. «Aber du könntest dich doch mit einem Schokoriegel ganz gross machen?», fragt ein weiterer Schüler. «Leider habe ich keinen Schokoriegel dabei.» Die Lehrerin Rachel Buchs reicht ihm einen Ovomaltine-Riegel, worauf Fornasier sagt: «Danke, aber die Decke ist leider zu tief.»

Bei einer Frage wusste er dann aber doch keine Antwort mehr: «Du hast uns gesagt, dass du wegen deiner Handprothese lange Kontrollen am Flughafen erlebst. Wieso nimmst du aber ein Flugzeug, wenn du doch fliegen kannst?»

Zur Person

Eigene Stiftung gegründet

Der 41-jährige Michel Fornasier ist in Düdingen aufgewachsen und lebt heute im Kanton Schwyz. Er hat eine Ausbildung im Bankenwesen absolviert und über zehn Jahre im Bereich Private und Investment-Banking gearbeitet. Er lebte einige Zeit in den Vereinigten Staaten. Er arbeitete bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International im Bereich der Major-Donor-Betreuung, später bei der Non-Profit-Organisation Save the Children. Er gründete die Stiftung «Michel Fornasier Charity – Give Children a Hand», für die er heute tätig und als Bionicman unterwegs ist. Die Stiftung ermöglicht Kindern günstige Prothesen.

im/jp