Düdingen 01.06.2019

Unbeschreibliche Töne

Auf den Bühnen der Bad Bonn Kilbi knurrte, quietschte und dröhnte es zum Auftakt des dreitägigen Festivals. Der Hip-Hop war hart, der Punk sowieso, und experimentiert wurde wilder als anderswo. Sophie Hunger setzte einen Kontrapunkt.

«Clubbing für Rocker», das hatte Bad-Bonn-Programmator Daniel Fontana im Vorfeld versprochen. Und für die Rocker gabs an der Bad Bonn Kilbi in Düdingen gleich zu Beginn etwas auf die Ohren: Die Sensler Metalband The Burden Remains präsentierte neue, extra für die Kilbi geschriebene Songs (siehe Kasten) – gewohnt düster, laut und gänzlich unpassend zu diesem strahlend schönen Frühsommernachmittag. Damit war der Ton gesetzt für die Kilbi 2019. Laut und kantig zieht sich wie ein roter Faden durchs Programm, egal welchem Genre die Bands angehören.

Am Donnerstag, dem ersten von drei Kilbi-Tagen, schleudern die australischen Punk­rocker von Amyl and the Sniffers knackige 2-Minuten-Hymnen mit rasenden Akkorden ins Publikum. Sängerin Amy Taylor schmeisst sich gleich hinterher und wird vom Kilbi-Publikum getragen.

Viel ernster tritt Obongjayar auf. Beim Zuhören wird klar, weshalb die Beschreibungen im Programmheft zuweilen so kryptisch und ohne Genre-Bezeichnung sind. Denn der in Nigeria aufgewachsene Obongjayar ist einer jener Künstler, die sich schwer fassen lassen und deren Musik schwer beschreibbar ist. Ursprünglich Rapper, kommt seine samtene und zugleich raue Stimme an der Kilbi aber in den gesungenen Stücken viel besser zur Geltung. Ihr Rap-Hintergrund ist ihnen noch ganz leicht anzuhören, auch sie wirken wenig melodiös – aber klassische Hip-Hop-Stücke sind es doch nicht. Vor allem aber klingt Obongjayars Musik wütend und traurig, als würde er seinen ganzen Schmerz in seine Lieder legen. Wütend klingt einige Stunden später auch der amerikanische Rapper Jpegmafia, aber weniger traurig. Seine Stücke sind wilder, punkiger – quasi eine Hip-Hop-Version der 2-Minuten-Hymnen von Amyl and the Sniffers.

Gute Laune bei Sophie Hunger

Während die Rapper, Punker und Metaller ihre Klänge wie wilde Tiere auf das Publikum loslassen, kommen sie bei Sophie Hunger deutlich gezähmter, aber nicht weniger kraftvoll daher. Sie hat die Zuhörerinnen und Zuhörer von der ersten Liedzeile an in der Tasche. «I opened a bar for you», singt sie, lacht, und zeigt auf das Publikum. Und in den folgenden eineinviertel Stunden zeigt sie, weshalb sie als einer der besten Schweizer Musik-Exporte gilt.

Die Freude an dem, was sie tut, ist ihr so sehr anzusehen wie kaum einer anderen Künstlerin auf den Kilbi-Bühnen. Sie hüpft, sie lacht, sie verliert sich in ihrer Musik, und wenn sie nach den ersten drei Stücken sagt, wie sehr sie sich freue, an der Kilbi zu sein, glaubt man ihr das sofort. «Die Kilbi ist eins der coolsten Festivals der Schweiz.» Es ist Sophie Hungers zweiter Auftritt nach einem ersten vor zehn Jahren, als sie noch «mit der akustischen Gitarre auf einem Bar­hocker» spielte, wie sie erzählt.

Seither hat sich einiges geändert, ihre neue Platte klingt elektronischer als ältere Werke. Von diesen neuen Stücken spielt sie einige so wie eben «I  opened a bar», und spätestens mit «Tricks», der Single, die auch Radiostationen gern spielen, bringt sie die Menge zum Tanzen. Dazwischen spielt sie Klassiker wie «Supermoon» oder «Le vent nous portera». Nach einem langen Applaus verabschiedet sie sich mit dem ganz sanften «Lied vor Freiheitsstatue» und entlässt das Publikum wieder hinaus zu den wilden Klängen.

Die FN haben an der Bad Bonn Kilbi die Besucherinnen und Besucher gefragt, welche Bands dort spielen – und welche erfunden sind.

The Burden Remains

Sensler Metaller mit neuem Stoff

Was ist denn das? Singt der Sänger von The Burden Remains tatsächlich auf Schweizerdeutsch? Und was ist das überhaupt für ein Film, der da im Hintergrund läuft, irgendein dystopischer Arthouse-Streifen? Das dürfte sich beim Auftritt von The Burden Remains an der Kilbi am Donnerstagnachmittag manch einer gefragt haben, der die Sensler Metaller vage kennt.

Die Antworten: Ja, Tommy Schweizer singt tatsächlich auf Schweizerdeutsch. Und nein, beim Film handelt es sich nicht um einen dystopischen Spielfilm, sondern um einen eigens angefertigten Film, den The Burden Remains zusammen mit Studierenden der Kunsthochschule Luzern und der Zürcher Hochschule der Künste gedreht haben. Und wer die Band ein bisschen besser kennt, weiss, dass The Burden Remains gerne Neues ausprobieren. Das bewiesen sie bereits 2016, als sie zusammen mit einem Orchester auftraten.

«Etwas ausgeufert»

Aber wie kam es überhaupt dazu? Gitarrist Thomas Jenny erklärt: Programmator Da­niel Fontana habe die Band vor rund einem Jahr für einen Auftritt an der Kilbi angefragt. «Er hat uns gesagt, dass es schön wäre, wenn wir neues Material spielen würden.» Thomas Jenny schmunzelt und fährt fort: «Nach dem Orchesterprojekt wollten wir ja eigentlich nicht wieder etwas so Aufwendiges auf die Beine stellen. Aber irgendwie ist es doch ziemlich ausgeufert.» Rund ein halbes Jahr lang habe die Band an neuen Stücken gefeilt. Es sind nicht beliebige Lieder: Zusammen ergeben sie ein Ganzes, zusammengehalten von eben jenem Film. Er zeigt teils verstörende Bilder von einem militärisch wirkenden Appell auf einem Pausenplatz, bedrohliche Szenen in einer Hallenbad-Dusche und nachdenkliche Gesichter.

«Wir haben den Film mit einem Freund, der an der Kunsthochschule Luzern studiert, entwickelt», erzählt Thomas Jenny. Vor rund einem Monat hätten die Dreharbeiten begonnen. «Wir haben den vollen Film erst am Abend vor unserem Auftritt erhalten und das Ganze nur einmal durchgespielt», sagt Jenny und lacht. Improvisiert wirkte das Ganze auf der grossen Kilbi-Bühne aber überhaupt nicht; die Einsätze sind perfekt abgestimmt mit den Szenen.

«Die Idee hinter dem Projekt ist, aufzuzeigen, wie wir uns gedanklich Grenzen setzen, wo eigentlich gar keine sind», erklärt Jenny. Deshalb auch die schweizerdeutschen Texte: «Schweizerdeutsche Texte werden besser verstanden, wir wollen das nutzen, um Gedanken auszulösen.» Nur schade, dass am Donnerstagnachmittag der Gesang in den lauten Riffs klanglich etwas unterging. Es könnte aber eine zweite Chance geben: Die Band plant, das Programm noch mehrmals in Clubs oder sogar Kinos aufzuführen, wie Gitarrist Thomas Jenny sagt.

nas