St. Antoni 01.06.2019

«Waldbesitzer und Natur gewinnen»

Im Wald entlang des Sensegrabens entsteht ein neues Waldreservat. Die Besitzer haben sich verpflichtet, ihren Wald 50 Jahre lang nicht zu bewirtschaften. So wird die Biodiversität in diesem Gebiet gefördert.

Von Guggersbach unterhalb von Zumholz über Schweni bei St. Antoni und Schönfels bei Heitenried bis zum Flühwald in Ueberstorf: Entlang des Sensegrabens entsteht auf Freiburger Seite ein neues Waldreservat. 45 Besitzer von kleineren und grösseren Waldstücken am linken Ufer der Sense sind bereit, einen 50 bis 100 Meter breiten Streifen Wald mit einer Gesamtfläche von rund 100  Hektaren in den nächsten 50  Jahren nicht zu bewirtschaften und so den Totholzanteil zu erhöhen. Das Gebiet umfasst hauptsächlich die steilen und sehr schwer zugänglichen «Seiseflüe». Die erste Etappe wird im Juni umgesetzt, die zweite soll bis Mai 2020 abgeschlossen sein.

Kanton ist auf der Suche

Den Anstoss gab im Frühling 2018 der Entscheid der Armee, zwei Parzellen von rund zehn Hektaren im Sodbach als Schiess­plätze aufzugeben. Armasuisse, das Bundesamt für Rüstung, wird die Plätze voraussichtlich 2019 sanieren, indem die Schiessrückstände bei den Kugelfängen abgetragen werden. «Das war für uns eine gute Gelegenheit», sagt Roger Raemy, Revierförster für den Privatwald. Denn der Kanton ist auf der Suche nach geeigneten Waldgebieten, um die Vorgaben der Waldpolitik 2020 des Bundes umzusetzen. Diese sieht vor, dass bis in elf Jahren bei zehn Prozent des Schweizer Waldes die Biodiversität Vorrang hat (siehe Kasten). Im Kanton Freiburg sind es bis jetzt erst etwa vier Prozent. Ein grösseres Gebiet befindet sich im Plasselbschlund, weitere im Gebiet Berra, entlang der Saane und im Greyerzbezirk. «Im Mittelland hat es bisher sehr wenig solcher Gebiete.»

Geeignete Waldflächen zu finden, sei nicht einfach, sagt Raemy. Die Eigentümer entscheiden selber, ob sie ihren Wald für das Reservat zur Verfügung stellen. Sobald ein Waldgebiet wie die Seiseflüe auf mehrere Eigentümer verteilt sei, werde es kompliziert. «Denn wir schliessen mit jedem einzelnen Besitzer eine Vereinbarung ab.» Das heisst auch, dass es individuelle Gespräche und Besichtigungstermine gebe. «Das ist administrativ sehr aufwendig.» Zu den 45 Eigentümern im Waldreservat Senseflüe gehört auch der Kanton. Er wird Armasuisse die beiden Parzellen im Sodbach nach der Sanierung abkaufen.

Die Verordnung zu Waldreservaten sieht vor, dass ein solches während 50 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wird, also kein Holz geschlagen wird. Der genaue Perimeter wird im Grundbuch eingetragen. Die Besitzer werden für den Holznutzungsverzicht entschädigt; für den «Natuurwaud Seiseflüe» mit 80  Franken pro Hektare und Jahr. Bund und Kanton zahlen je die Hälfte. «Das heisst aber nicht, dass es ein Betretungsverbot für diesen Wald gibt», hält Roger Raemy fest. Der Wald sei für Badegäste, Spaziergänger, Pilzsammler, Jäger und Fischer weiterhin zugänglich. «Es gibt auch keine Hinweisschilder. Die Bevölkerung wird kaum merken, wo das Reservat anfängt und wo es aufhört.»

Kein neuer Schutzbeschluss

Bewusst habe man auch den Waldrand ausgeklammert, um den Besitzern die Möglichkeit zu lassen, dort Brennholz zu gewinnen oder die Abgrenzung zu den Feldern selbst zu gestalten. «Auch die Wasserfläche ist nicht betroffen.» Die Schaffung des Waldreservats sei also nicht mit dem Schutzbeschluss Sensegraben von 1998 zu vergleichen. Damals hatten die Pläne für ein geplantes Betretungsverbot einen Aufschrei in der Bevölkerung und eine Petition mit 22 000 Unterschriften ausgelöst.

Die Arbeiten für das Waldreservat laufen seit rund einem Jahr. Roger Raemy hat in seiner Funktion als Revierförster die infrage kommenden Waldbesitzer kontaktiert. Später fand ein Informationsanlass statt. Die Gespräche seien gut gelaufen, sagt Roger Raemy. Einzig die Dauer von 50 Jahren sei immer wieder thematisiert worden. «Einigen Waldbesitzern war dies zu lang. Sie hatten Bedenken, heute über etwas zu entscheiden, das die nächsten zwei Generationen betrifft.» Er habe auf der einen Seite Verständnis für diese Bedenken. «Auf der anderen Seite sind 50 Jahre nicht so viel, wenn man bedenkt, dass ein Baum mehrere Hundert Jahre alt werden kann.» Da die Verordnung jedoch keinen Spielraum lässt, haben die meisten Eigentümer schliesslich eingewilligt. Der Perimeter der ersten Etappe umfasst bis auf zwei Ausnahmen einen durchgehenden Streifen. Ausgeschieden wurde der Bereich Sodbach. «Weil dort so viele Leute unterwegs sind, ist ein Bewirtschaftungsverzicht aus Sicherheitsgründen nicht sinnvoll.» Der zweite Unterbruch ist die Berner Gemeinde Albligen.

Schwer zu bewirtschaften

Der Revierförster ist überzeugt, dass das neue Waldreservat für Natur und Waldbesitzer eine Win-win-Situation darstellt. «Einige der betroffenen Waldungen­ befinden sich an sehr steilen und schwer zugänglichen Stellen, wo eine Bewirtschaftung sowieso sehr schwierig ist oder so aufwendig, dass ein Holzschlag keinen Gewinn einbringen würde.» In den meisten dieser Waldstücke sei in der Vergangenheit wenig Holz geschlagen worden. «Aus diesem Grund ist das Gebiet ideal, es hat bereits sehr viele naturwaldähnliche Flächen.»

Die Natur gewinnt, weil sich in einem Waldreservat die Biodiversität verbessert. Der Wald wird in diesen 50 Jahren weitgehend sich selbst überlassen, so dass der gesamte natürliche Zyklus eines Baums bis zum Absterben und zum Zerfall möglich wird. «Der Wald wird so zum Urwald – deshalb haben wir bei der Bezeichnung des Waldreservats auch dieses Wortspiel gewählt: Natuurwaud Seiseflüe».

Biodiversität

Ein Lebensraum für bis 5000 Arten

In der Schweiz hat der Wald vier Hauptfunktionen, denen je nach Lage Priorität eingeräumt wird. So gibt es Wälder, die ein wichtiger Schutz vor Naturgefahren sind. Bei anderen steht die wirtschaftliche Nutzung im Vordergrund. Wieder andere Wälder stehen dem Menschen für die Erholung zur Verfügung. Die vierte Vorrangfunktion umfasst den Naturschutz und die Biodiversität. In der Waldpolitik 2020 hat der Bund den politischen Willen festgehalten, für diese Funktion bis 2030 zehn Prozent des Waldes als Waldreservate auszuscheiden.

«Ziel von Waldreservaten ist es, den Bestand an stehendem oder liegendem Totholz zu erhöhen», erklärt Roger Raemy. Ein verdorrter oder vom Borkenkäfer befallener Stamm biete Tieren und Pflanzen Lebensraum. «Man nimmt an, dass in einem solchen Gebiet rund 5000 Arten vorkommen.» Das geht von Pilzen, Moosen und Flechten über Insekten bis zu Vögeln und Säugetieren wie Marder, Dachs und Fuchs. «Gerade für die für die Bestäubung so wichtigen Wildbienen ist es ein wichtiger Rückzugsort.» Das Gebiet sei ökologisch auch deshalb wichtig, weil dort seltene Arten wie Feuersalamander oder Wespenbussard vor­kämen.

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