Freiburg 10.08.2018

Wenn das Glück auf dem Rücken nichts nützt

Marienkäfer sind als Glücksbringer bekannt. Doch sie selbst haben nicht immer Glück: Pestizide bedrohen ihr Dasein.

Bis man die Punkte auf dem Rücken eines Marienkäfers gezählt hat, ist das kleine Insekt meist schon wieder weggeflogen. In unseren Breitengraden sind verschiedene Marienkäfer zu finden. Der Siebenpunkt-Marienkäfer ist einer der häufigsten. Woher er den Namen hat, ist unschwer zu erraten. Die sieben Punkte verteilen sich gerecht auf beide Seiten des Rückens: je drei auf einer Seite und einer vorne in der Mitte. Die auffällige Zeichnung erklärt auch, warum er als Symbol für Glück gilt: Die Primzahl Sieben gilt in vielen Kulturen als Glückszahl. «Die Anzahl der schwarzen Punkte ist im Gegensatz zu anderen Arten konstant, nur die Grösse kann variieren», sagt der Freiburger Biologe Jacques Studer. «Es gibt aber Mutationen ohne Punkte.» Von Marienkäfern gebe es so viele Arten, dass sie eine eigene Familie bilden: Weltweit sind etwa 5000 Arten bekannt, in der Schweiz kommen mehr als 60 Arten vor.

Kurzes, nützliches Leben

Der Marienkäfer überwintert in frostsicheren Verstecken: in Astlöchern, Gebäuderitzen, Baumstrünken oder Steinhaufen. Sobald die Temperatur im Frühling steigt, kommt er hervor, sucht sich ein «Gspäänli», paart sich und legt Eier. «Dann stirbt der Marienkäfer, und die zweite Generation wächst heran», erklärt Jacques Studer. Die Natur rechnet mit vielen Verlusten, deshalb legt ein Marienkäferweibchen mehrere Hundert Eier auf Pflanzen, die von Blattläusen befallen sind. «Der Marienkäfer ist also ein Nützling, denn er frisst die Blattläuse, sowohl als Larve wie auch als Käfer», so der Biologe. Blattläuse leben auf vielen Kulturen wie etwa auf Obstbäumen. Im Mittelalter habe man den Marienkäfer deshalb auch oft als «Geschenk des Himmels» bezeichnet, weil er eine natürliche Waffe im Kampf gegen Blattläuse war.

Gift und Eindringlinge

Der Marienkäfer ist zwar nicht bedroht, kämpft aber mit verschiedenen Problemen. Zum einen ist es der Mensch, der ihm zu schaffen macht: Die Insektizide, welche der Mensch auf Pflanzen – etwa in Privatgärten oder auf landwirtschaftlichen Feldern – anwendet, um die Blattläuse zu bekämpfen, schaden auch dem Marienkäfer. «Ein Problem, unter dem alle Insekten leiden», so Jacques Studer.

Das zweite grosse Problem ist ein Konkurrent aus den eigenen Reihen. Von Asien her ist vor einigen Jahren der Asiatische Marienkäfer als biologischer Schädlingsbekämpfer eingeführt worden. Er sieht dem einheimischen Marienkäfer farblich teils sehr ähnlich. Es gibt aber auch Variationen bei der Farbe (bis orange) und der Anzahl Punkte.

2001 ist er erstmals in Belgien im Biolandbau eingesetzt worden. «Er ist etwas grösser und gefrässiger als unser Marienkäfer und sollte die Kulturen deshalb besser vor Blattläusen schützen.»

Innere Abwehr

Der Einwanderer ist aber nicht wie geplant in den Gewächshäusern geblieben. So ist er 2004 erstmals in der Schweiz nachgewiesen worden. Er lebt nun auch im Kanton Freiburg und macht dem hiesigen Siebenpunkt-Marienkäfer das Leben schwer, indem er ihn und sein Futter auffrisst. Eigentlich kann auch der einheimische Käfer den Eindringling auffressen, aber dieser hat ein ganz perfides Abwehrmittel: «Der Asiatische Marienkäfer trägt einen Einzellerparasiten in sich. Er selbst ist immun, doch wenn ein anderer Käfer in seinen Kreislauf kommt, entwickelt sich dieser Parasit und frisst den Käfer von innen auf», erklärt Jacques Studer.

Die Menschen bekommen von diesem Drama in der Regel nur wenig mit. Eine Ausnahme sind die Winzer. Auf Reben hat es gerne viele Blattläuse. Wird beim Ernten ein einheimischer Marienkäfer mitgepresst, hat das keine Auswirkungen auf den Wein. «Kommen aber Asiatische Marienkäfer dazu, hinterlässt das einen üblen Geschmack, so dass der Wein ungeniessbar wird.»

Im Rahmen einer Sommerserie betreiben die FN Zahlenspielerei: Eine Zahl bildet den Ausgangspunkt einer Geschichte.