17.08.2019

«Windböen stiessen das Auto fast um»

Vielen Menschen ist der 26. Dezember 1999, der Tag, an dem der Orkan Lothar übers Land fegte, noch sehr präsent. Auf den Aufruf in den FN, uns ihre Lothar-Erinnerungen einzuschicken, sind viele spannende Geschichten zusammengekommen.

Paul Werthmüller, Murten

Frühmorgens weckte mich Lothar mit einem ersten Heulen über den Dächern von Murtens Altstadt. Die ersten Ziegel flogen durch die Luft. Minuten später war das Dach der früheren «Ersparniskasse der Stadt Murten», heute Valiant-Bank, abgedeckt.

Sofort rief ich den Direktor, Herrn Bauer, an und sagte ihm: «Dis Bänkli het kes Dach me, Nötli flüge keni ume, sötisch aber glich cho luege.» Zügig wurde mit Feuerwehr und Handwerkern ein Notdach organisiert, und die Guthaben waren wieder im Trockenen.

Marie-Luise Boschung, Düdingen

Meine Patentochter und Grosskind Nathalie hatte am 26. Dezember 1999 ihren 20.  Geburtstag. Alles war geplant: Wir wollten nach Alterswil und in einem Waldhaus feiern. Dort hatte ihr damaliger Freund schon alles vorbereitet. Da kam dieses Unwetter: Sturm, Regenwolken schwarz wie die Nacht. Bäume im Wald waren umgefallen, so dass ihr Freund nicht mehr heraus konnte. Per Telefon musste ein anderes Lokal gefunden werden, da ja viele Leute eingeladen waren. Wir fanden dann in Santihans in Düdingen ein Lokal. Wir mussten umdisponieren, Ballone am Strassenrand anmachen und alles neu organisieren. Es war ein Stress für alle. Zu Hause hatte ich ein Apéro bereit und Geschenke für Nathalie. Ich erinnere mich sehr gut; es war wie das Ende der Welt, so finster waren Sturm und Regen. Wir konnten dann trotz aller Probleme doch noch schön feiern in Santihans!

Therese Wyss, Cordast

Eigentlich hatten wir einen Nach-Weihnachtstag mit unseren Herkunftsfamilien bei uns organisiert, mit circa 30  Personen. Aber weil sie alle aus dem Bernbiet und sogar aus dem Toggenburg angereist wären, haben wir das Fest angesichts der Sturmwarnungen am Morgen des 26. Dezember vorsichtshalber wieder abgesagt – und wegen umgestürzter Bäume war die Zufahrt beziehungsweise Wegfahrt von Cordast danach wirklich nicht mehr möglich.

Wir hatten kurz zuvor unser eigenhändig gebautes neues Haus bezogen, und während der Dachkonstruktion hatte mein Mann immer wieder betont, wie wichtig der «Windverband» sei. Als nun der Sturm losbrach, sahen wir mit grossem Entsetzen, wie im nahe gelegenen Wald ein Baum nach dem anderen umstürzte – und dabei ist mir vor allem der erschrocken-besorgte Blick meines Mannes zu unserem Dachgebälk in lebhafter Erinnerung geblieben. Es hat aber den Härtetest bestanden!

Lus Escher, Muntelier

Am 26. Dezember 1999 wollte ich windsurfen. Der Wind war dermassen stark, dass ich am Murtensee mit meinem kleinsten Segel in der Hand auf den Knien zum See gekrochen bin, weil ich mit dem Surfzeug am Ufer nicht einmal mehr stehen konnte. Nach der Surfsession wollte ich zu meinen Eltern nach Bösingen fahren, um heiss zu duschen, und bin in eine Sackgasse nach der anderen geraten. Murtenholz zu, Röseliwald zu, Galmwald zu, überall Bäume auf der Strasse. Da ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass das wohl ein ganz spezieller Tag war. Wenn mich heute Leute fragen, ob surfen bei diesem Wind nicht gefährlich war, so antworte ich: «Wenigstens konnte mir dort sicher kein Baum auf den Kopf fallen.»

Bernhard Altermatt, Freiburg

Im Dezember 1999 kam ich von einem Auslandsemester in Brüssel nach Freiburg zurück, um hier die Festtage zu verbringen. Nach Weihnachten fuhr der Rest der Familie in die Skiferien, und ich blieb zu Hause, um Seminararbeiten zu schreiben. Die Arbeiten nahmen mich so in Anspruch, dass ich die ganze Welt um mich herum ausblendete. Ich las, schrieb, ass und machte jeden Tag eine Tour durch die Natur. Fernseher und Radio schaltete ich nicht ein. An einem Morgen nach dem Sturm, der im Juraquartier der Stadt Freiburg für mich nicht direkt spürbar wurde, sah ich den Schnee in der Landschaft und dachte: «Toll! Heute gibt es einen schönen Marsch.» So machte ich mich auf den Weg in den Wald von La Faye in Givisiez. Ich lief durch schienbeinhohen Schnee und sah zahlreiche geknickte Bäume, geborstene Stämme und herumliegendes Holz. Ich dachte mir, dass die Äste und Bäume wohl unter dem Gewicht des Schnees gebrochen waren. Nichtsahnend marschierte ich durch das Gehölz, über Stämme kletternd und unter Ästen hindurch. Erst später erfuhr ich, dass ein verheerender Sturm – Lothar – über das Land gefegt war und zahlreiche Waldstücke zerstört hatte. Gleichzeitig hörte ich auch, dass die Behörden die Order herausgegeben hatten, die Menschen sollten sich aus Sicherheitsgründen nicht in sturmgeschädigte Wälder und an Orte mit Bäumen begeben …

Sandra Sturny, St. Antoni

Der Tag selber des 26. Dezember 1999 ist mir weniger im Kopf geblieben, doch die Tage und Wochen danach sind noch sehr präsent! Ich machte zu dieser Zeit meine KV-Lehre beim Amt für Wald, Jagd und Fischerei in Givisiez. Da kann sich sicher jeder vorstellen, was nach dem Sturm Lothar im Amt los war: Es herrschte Ausnahmezustand. Obwohl ich eigentlich im Büro arbeitete, durfte ich die Tage danach mit Förstern und Verantwortlichen des Amtes mit in die Wälder, um das verheerende Ausmass des Sturms anzuschauen. Diese Bilder der Verwüstung werde ich nie mehr vergessen!

Joel Brünisholz, Rechthalten

Am 26. Dezember 1999 feierte ich meinen 5. Geburtstag. Dabei ist mir ein Ereignis aufgrund des Sturms Lothar sehr gut in Erinnerung geblieben: Wie jeden Abend, holte ich (diesmal in Begleitung einer erwachsenen Person) auch an diesem Abend nebenan bei meinen Grosseltern zwei Liter frische Milch, nachdem sie die Kühe fertig gemolken hatten. Als ich wieder zu Hause ankam, sah ich den Zwetschgenbaum neben unserem Haus, der fünf Minuten vorher noch ganz normal da stand, völlig zerstört am Boden liegen. In diesem Moment wurde mir definitiv bewusst, welche Kraft die Natur haben kann.

René und Josy Wider, Rheinfelden

Als wir uns am 26. Dezember aufmachten, um von Rheinfelden nach St. Antoni zu fahren, windete es ziemlich stark, aber das war nicht das erste Mal. Die Fahrt an diesem Tag wurde aber ziemlich gefährlich, da immer wieder starke Windstösse das Auto von der Fahrbahn zu stossen drohten. Zwischen Schönbühl und Grauholz sahen wir auf einmal, wie zwei Fichten am Waldrand einfach umstürzten. Der Regen peitschte gegen das Auto, Windböen stiessen es immer wieder nach links, fast unheimlich! Wir überlegten, ob wir in Flamatt die Autobahn verlassen sollten, oder ob es möglicherweise auf der Strasse durch die «Burghöhle» auch umgefallene Bäume haben könnte. So entschlossen wir uns, via Düdingen und Tafers zu fahren. In Tafers sagte uns jemand, dass es Richtung St. Antoni oberhalb vom Weissenbach Bäume auf der Strasse habe. Wir fuhren dann über Alterswil und Obermonten nach Bächlisbrunnen. Der Sturm schien sich etwas gelegt zu haben, als wir ankamen. Als wir in der Stube waren, sahen wir auf einmal, wie auf der Wiese ein Apfelbaum aus dem Boden «gedreht» wurde. Er stürzte nicht einfach um, sondern wurde richtiggehend in einer Drehbewegung aus dem Boden gehoben. Ein Schauspiel, das wir nicht vergessen werden. Nachdem der Sturm sich noch mehr beruhigt hatte, konnten wir zu unserer Einladung in den Steinberg fahren, wo unser Göttikind Sandra schon wartete. Wir waren dankbar, dass wir doch noch gut von Rheinfelden in den Steinberg gekommen waren und trotz Stromausfall ein gutes Mittagessen bekamen.

Madlen Rappo, Tafers

Damals war ich noch Pflegerin im Pflegeheim Maggenberg in Tafers. Als dieser Wind immer stärker wurde und die Heimbewohner im Aufenthaltsraum waren, bemerkten auch sie die grosse Unruhe vor den Fenstern. Sie sahen gegenüber das Bauernhaus, wo viele Ziegel vom Dach fielen. Am Telefon meldeten Angehörige, dass es ihnen nicht möglich sei, zu Besuch zu kommen, da vieles auf der Strasse lag oder bei ihnen zu Hause auch nicht alles am Platz blieb. Einige Heimbewohner sprachen noch lange über diesen Tag.

Damian Kilchör, Cordast

Als junges Ehepaar waren wir gerade erst in unser neues Einfamilienhaus in Cordast eingezogen, und meine Frau war hochschwanger. Ich stand an diesem Sonntagmorgen in der Küche und konnte das Rütteln am Haus förmlich spüren. Beim Blick aus dem Küchenfenster in den Garten meines Vaters sah ich unseren Pavillon, den wir zu unserer Hochzeit von meinen Arbeitskollegen geschenkt erhalten hatten. Der Pavillon war dort zwischengelagert, er sollte dann im Frühjahr seinen definitiven Standort bei uns finden. Die Windböen wurden immer stärker, so dass plötzlich unser Pavillon, ich traute meinen Augen nicht, wie eine Rakete senkrecht abgehoben und einige Meter weggetragen wurde und am Boden aufschlagend in seine Einzelteile zerlegt wurde. Die provisorischen Pfahl-Verankerungen waren leider unzureichend, um diesen Windkräften standhalten zu können. Die Einzelteile des Pavillons waren so beschädigt, dass ein Wiederzusammenbau unmöglich war. Am Nachmittag war ich bei meiner Schwester zu Besuch und konnte weitere Sturmschäden beobachten. So wurden mehrere Fruchtbäume in der Hostet ihres Schwiegervaters entwurzelt. Viele weitere entwurzelte Bäume, ja ganze Waldabschnitte im Cordaster Wald haben ein Bild der Verwüstung geboten, worauf die Gemeinde Cordast einige Jahre später eine Baumpflanzaktion organisierte. Die Erinnerungstafel im Waldhaus Cordast ruft auch 20  Jahre später bei den Zeitzeugen die Bilder vom Dezember 1999 wieder hervor.

Roland Kurzen, St. Antoni

Obschon ich mich mitten im Sturm befand, war ich überraschend ohne Furcht. Ich war auf dem Spaziergang mit meinem Hund der Sense entlang im Wald, als der Wind bis zu ungewohnter Stärke zunahm. Nachdem sich hohe Tannen zu biegen begannen, war mein erster Gedanke, einmal zusehen zu können, wie ein grosser Baum vom Wind umgerissen werden kann. Es war ganz anders als erwartet: Der riesige Baum hat sich gebogen, sich dem Wind lange widersetzt, bis er schwer und langsam zu Boden gedrückt wurde und brach. Eindrücklich! Ringsum fielen weitere Bäume, und der Hund begann sich zu ängstigen. Nach einiger Zeit habe ich mich doch entschlossen den Wald zu verlassen, obschon ich keine Gefahr sah, denn alles verlief wie in Zeitlupe. Links von mir war die Sense, die zu dieser Jahreszeit nicht zum Überqueren einlud, und rechts war es zwar ziemlich steil, doch zur «Flucht» nicht ungeeignet. Dies bis zum Waldrand, wo sich mir eine waagrecht abstehende Hochspannungsleitung unter ohrenbetäubendem Lärm entgegenstellte. Ich musste befürchten, dass die Leitung reissen oder die Masten brechen könnten. No go! Also, umkehren und im Wald, während laufend Bäume fielen, vorsichtig zum Ausgangspunkt, dem Parkplatz bei der Klärstation. Auf der Heimfahrt habe ich dann die wirkliche Gefahr erkannt: An mehreren Stellen lagen grosse Bäume auf der Strasse, und ich musste einige Ausweichrouten suchen, um nach Hause zu kommen. Beim Fahren wurde mir bewusst, wo die Gefahr gross ist: Wenn ein Baum auf die Fahrbahn fällt, bin ich im Auto ausgeliefert. Zu Fuss konnte ich einigermassen ausweichen, im Auto aber kaum.