Tafers 27.11.2020

«Wir stellen den Menschen ins Zentrum»

Die Stiftung SSB in Tafers ändert die Statuten und passt den Namen an. Die Grundidee der Initianten bleibt aber gleich: Menschen mit einer Beeinträchtigung beim Arbeiten und Wohnen zu unterstützen – auch in schwierigen Corona-Zeiten.
Vor 35 Jahren ist in Tafers eine Institution gegründet worden, die Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen unterstützen sollte. Damals wählten die Initianten den Namen Sensler Stiftung für Behinderte. Mit der Zeit wurde der Begriff SSB zu einer Marke in der Region. Den Wiedererkennungswert dieser Abkürzung will die Stiftung aufrechterhalten. Doch soll das «Behindert» aus dem Namen verschwinden. «Der Begriff wird heute nicht mehr verwendet», sagt Direktor Markus Stöckli. «Er hat eine stigmatisierende Wirkung.» Hausintern sprechen die SSB-Verantwortlichen von Mitarbeitenden beziehungsweise von Bewohnerinnen und Bewohnern oder von Menschen mit einer Beeinträchtigung. 
«Es geht auch um Identifikation», sagt Bojan Seewer, Bereichsleiter Wohnen bei der SSB. «Die Mitarbeitenden mit Beeinträchtigungen fühlen sich nicht behindert und sagen deshalb nur ungern, dass sie in einer Einrichtung arbeiten, welche dieses Wort im Namen trägt.» Diese negative Assoziation wolle man als soziales Unternehmen vermeiden. Für manche Leute sei diese Namensänderung vielleicht nur eine Wortklauberei, «für uns ist damit aber eine Grundhaltung gegenüber diesen Menschen verbunden», hält er fest. «Wir stellen den Menschen ins Zentrum und nicht seine Beeinträchtigung.» 
 
Glück und eine Taskforce
 
Die Begleitung von Menschen mit einer Beeinträchtigung ist in Corona-Zeiten mehr denn je gefragt. «Wir hatten zum einen Glück», sagt Markus Stöckli. Während der ersten Welle habe die SSB keinen einzigen Ansteckungsfall verzeichnet. «Zum anderen hat die Auseinandersetzung mit Corona auch die Krisentauglichkeit unseres Betriebs unter Beweis gestellt.» Mit dem Lockdown habe die Stiftung den Betrieb von einer Stunde auf die andere umstellen müssen. In aller Eile habe eine interne Taskforce Schutzkonzepte und neue Ablaufpläne erstellt, um den Bewohnern und Mitarbeitenden einerseits Schutz und Sicherheit zu geben und ihnen gleichzeitig einen Alltag zu geben, in dem sie sich wohl fühlen. Er sei überrascht, wie gut sie mit der Situation umgehen, sagt der Direktor. «Trotz der vielen Einschränkungen, die sie hinnehmen müssen, machen sie gute Miene zum bösen Spiel.»
 
So wurden beispielsweise kleine Gruppen gebildet, die über längere Zeit zusammenblieben, isoliert funktionierten und immer vom gleichen Betreuungsteam begleitet wurden – egal, welche Aufgabe dieses vorher hatte. Das hiess für die Bewohner und Betreuer ein Umdenken und Flexibilität, was aber alle gut gemeistert hätten.
 
Trotz allem ein gutes Klima
 
Die Bewohner mussten anfangs zusammen mit ihren Angehörigen entscheiden, ob sie im Wohnheim oder zu Hause bleiben wollen – das sonst übliche Pendeln war nicht mehr möglich. «Wir haben pragmatische Lösungen gefunden», so Markus Stöckli. «Es war eine verrückte Zeit. Doch trotz allen Ängsten und Unsicherheiten herrschte ein gutes Klima.» 
 
Wichtige Kontakte
 
Die Erfahrungen der ersten Welle helfen bei der Bewältigung der zweiten Welle, bei der einzelne positive Fälle im Arbeitsbereich aufgetreten sind. Der Wohnbereich musste kein Besuchsverbot erlassen. «Es ist eminent wichtig für Bewohner und Angehörige, dass die Kontakte möglich sind – selbst, wenn sie unter strikten Schutzbestimmungen stattfinden», sagt Bojan Seewer. Die Erfahrungen vom Frühling erlaubten es, der zweiten Welle weniger mit Angst als vielmehr mit Respekt zu begegnen. «Die grösste Herausforderung war es, Menschen mit starker Beeinträchtigung klar zu machen, dass sie ihre Kontakte zu anderen einschränken müssen, ohne dass sie krank sind. Sie sind sich Nähe gewohnt und die Distanzierung belastet sie.» Mit einfachen, aber klaren Regeln habe man das Maskentragen durchsetzen können: «Wer sich bewegt, trägt die Maske. Wer sitzt und Abstand hält, kann sie abziehen.»
 
Zugleich hatte die Schliessung der Institution im Frühling auch etwas Positives. Sie hat den Weg der Digitalisierung freigemacht. Die Stiftung hat jeder Wohngruppe ein Tablet geschenkt, mit dem die Bewohner mit ihren Familien kommuniziert, virtuelle Reisen unternommen und etwa die Menüplanung gestaltet haben. «Es war damals eine Notwendigkeit, die vielen eine neue Welt eröffnet hat,» sagt Markus Stöckli. 
Die Stiftung SSB bietet Menschen mit einer Beeinträchtigung Arbeit und begleitete Wohnplätze.
 

Informationen: Weihnachtsverkauf einmal anders

 
Die Stiftung SSB beschäftigt 135 Betreuungspersonen. Diese kümmern sich um 59 Personen im Wohnheim und bieten für 140 betreute Mitarbeitende einen Arbeitsplatz in einem der verschiedenen Ateliers. 
 
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben das ganze Jahr über wieder fleissig gearbeitet, genäht und Eigenprodukte hergestellt. Ihre weihnachtlichen Dekorationen und kreativen Geschenkideen aus diversen Materialien werden auch heuer in der Adventszeit angeboten. Wegen der Corona-Pandemie jedoch nur in der Werkstatt Schmitten. Dies noch an den vier kommenden Advents-Samstagen im November und Dezember. Normalerweise wäre die Stiftung SSB auch an Dorfmärkten präsent, die aber auch ausfallen. Auch die Einnahmen aus dem Muttertagsverkauf fehlen. Überhaupt hat die Werkstatt durch die dreimonatige Schliessung im Frühling die budgetierten Produktionserträge nicht erreichen können. Bei einem Gesamtaufwand von über zehn Millionen Franken sollte die Betriebsrechnung der Stiftung aber dennoch in dem vom Sozialvorsorgeamt bewilligten Kostenrahmen abschliessen, und  es müsse kein Zusatzkredit beantragt werden, sagt  Direktor Markus Stöckli. Auf  den 1. Dezember schaltet die Stiftung eine neu gestaltete Homepage auf. 
 
Weihnachtsverkauf, Werkstatt Schmitten, Schlossmatte: 
28. November, 5., 12. und 
19. Dezember, jeweils 10 bis 16 Uhr.
Weitere Infos: www.ssb-tafers.chStiftung SSB
 

Statuten  überarbeitet

 
Bei der Überarbeitung der Statuten hat die Stiftung auch die Organisationsstruktur vereinfacht. Bei der Gründung habe man alle involvierten Kreise wie betroffene Eltern sowie Vertreter aus Politik und Wirtschaft in den Stiftungsrat gewählt, um eine breite Abstützung zu erreichen, sagt Stiftungsratspräsident Elmar Perler. Weil dieses Elfer-Gremium aber zu schwerfällig war, wurde ein Vorstand aus fünf Stiftungsräten gegründet, der über operative Fragen entschieden und strukturelle Projekte beraten hat – obwohl gemäss Statuten immer noch der Gesamt-Stiftungsrat die Oberverantwortung getragen hat. «Diese nicht so befriedigende Situation wollten wir ändern», sagt Elmar Perler. Neu sind deshalb maximal neun Stiftungsratsmitglieder vorgesehen; heute sind sieben im Amt. Ausserdem sind die Statuten an neue gesetzliche Vorschriften der kantonalen Stiftungsaufsicht angepasst worden. Die Grundmission sei gleich geblieben: Menschen mit einer Beeinträchtigung über Arbeit verlässliche Strukturen und sinnstiftende Beschäftigung und bei Bedarf einen begleiteten Wohnplatz anzubieten.  im