Bösingen 07.07.2018

«Wir wollten etwas zurückgeben»

Seit letztem Sommer wohnt Ali Yousufi (Mitte) aus Afghanistan bei Mares und Adalbert Baechler in Bösingen.
Die Entwicklung im Flüchtlingswesen beschäftigte Mares und Adalbert Baechler aus Bösingen. Deshalb haben sie sich entschieden zu handeln: Bereits drei Flüchtlinge haben sie bei sich zu Hause aufgenommen und betreut.

Wenn Mohammad Ali Yousufi von seinen Gasteltern spricht, nennt er sie liebevoll «Mami» und «Papi». Der 19-jährige Flüchtling stammt aus Afghanistan und ist seit letztem Sommer vollwertiges Mitglied der Familie Baechler aus Bösingen. «Unser jüngster Sohn ist 23 Jahre alt, Ali ist 19-jährig. Zwangsläufig behandeln wir ihn wie ein eigenes Kind», sagt Adalbert Baechler mit einem Lächeln.

Stolz wie Eltern

Wenn das Ehepaar von Ali spricht, spürt man ihre elterliche Zuneigung. Stolz erzählen sie von seinem Praktikum beim Architekturbüro Atelier 99 in Bösingen, von seinen Aufnahmeprüfungen für die Freiburger Fachhochschule für Architektur und von seinen Deutschkenntnissen, die er sich selbst angeeignet hat. «Er ist ein sehr intelligenter Junge», betont die Mutter immer wieder während des Gesprächs.

Eigentlich wollten die Bösinger keine jungen Flüchtlinge aufnehmen. «Wir wollten ältere, damit sich unsere drei Kinder nicht benachteiligt fühlen», erzählt Mares. Deshalb haben sie vor Ali zwei ältere Eritreer bei sich zu Hause willkommen geheissen – der eine 28, der andere 38 Jahre alt.

Sprachbarrieren überwinden

Sie hätten die Entwicklung des Flüchtlingswesens mit Besorgnis verfolgt, sagt das Ehepaar zu seiner Motivation, sich für Flüchtlinge zu engagieren. «Wir hatten selbst viel Glück im Leben, weshalb wir etwas an die Gesellschaft zurückgeben wollten», sagt Adalbert. Die Familie hat sich bei der Organisation «Wagen wir Gastfreundschaft» gemeldet, die ihr Zuhause besichtigt und ihnen schliesslich die zwei Eritreer empfohlen hat. «Als wir sie bei uns aufgenommen haben, konnten sie kein Wort Deutsch sprechen», erinnert sich Adalbert. «Es war eine Herausforderung, eine Sprache zu lehren, wenn man die andere nicht beherrscht.» Der pen­sio­nierte Pädagoge hat deshalb ein Lehrmittel erstellt, das auf Zeichnungen und Symbolen basiert.

Keine einfache Stellensuche

Heute leben die Eritreer nicht mehr bei Baechlers. «Es kam die Zeit, sie gehen zu lassen, damit sie auf eigenen Beinen stehen können», sagt Mares. Der ältere von ihnen absolviert nun eine Ausbildung als Sanitärinstallateur, der jüngere ist noch auf der Suche nach einer Arbeit. Flüchtlinge hätten es nicht leicht, eine Stelle zu finden, sei es wegen der gesetzlichen Bestimmungen und wegen der Vorurteile in der Gesellschaft, ist das Paar der Meinung. «Unsere Schützlinge hatten meist Erfolg, nachdem wir sie persönlich weiterempfohlen hatten», erzählt Mares.

Noch heute pflegt die Familie freundschaftlichen Kontakt mit den früheren Mitbewohnern, doch erinnert sie sich auch an schwierige Zeiten. Da die Flüchtlinge damals noch den Status Asylsuchende – den Ausweis N – hatten, durften sie nicht erwerbstätig sein. Das Paar ermunterte sie jedoch, in der Umgebung nachzufragen, ob sie beispielsweise im Garten mithelfen könnten. «Sie erhielten 400 Franken Sackgeld pro Monat von der Betreuungsorganisation ORS. Die Motivation zu arbeiten, war daher nicht sehr gross», erinnert sich die Anästhesieassistentin. Dies sei mit Ali ganz anders, sagen die Baechlers überzeugt. «Er arbeitet viel.»

Kampf mit Behörden

Wer der Familie mehr Kummer bereitet, sind Ämter. «Es ist bedauerlich, wie oft uns diese hängengelassen haben. Bei den Beamten hat das Reglement Vorrang, das Zwischenmenschliche steht hinten an», ärgert sich Adalbert. Alles sei mit viel Bürokratie verbunden, alles brauche eine Bewilligung. «Sogar wenn wir etwas für Ali kaufen wollen, müssen wir die Bewilligung bei der ORS ­einholen. Und es dauert lange, bis sie eine Kostengutsprache erteilt.»

Die Sensler Familie lässt sich aber nicht so leicht unterkriegen und geniesst stattdessen die gemeinsame Freizeit. «Ich fühle mich hier sehr wohl und auch zu Hause», sagt der Flüchtling aus Afghanistan (siehe Kasten). Er sagt aber auch, dass die hiesige Kultur ganz anders sei als in seiner Heimat. «Zu Beginn war ich verwirrt, wie Mami und Papi mit Gabel und Messer umgehen. Ich kannte diese Art und Weise zu essen nicht, weshalb ich ihnen bei den Mahlzeiten immer auf die Finger geschaut habe.» Seine Gastmutter Mares beginnt zu lachen: «Dies habe ich nie bemerkt.»

Erlebnisbericht

«Die Familie hat mir eine Chance gegeben»

Er geniesse die Ruhe und die Sicherheit in Bösingen, erzählt Ali Yousufi aus Afghanistan. «Ich bin in einem Land geboren, das seit 30 Jahren Krieg führt. Als Kind spielten wir mit Patronenhülsen, weil wir kein Spielzeug hatten.» Der Islam sei in seinem Land allgegenwärtig und gebe den Ton an. «In der Schule lernten wir nie etwas über andere Religionen.» Von klein auf habe er in der Moschee viel Gewalt erfahren. Mit zwölf begann er, Bücher über andere Religionen und Länder zu lesen. «Irgendwann habe ich mich entschieden, mich von der Religion zu distanzieren.» Er studierte Tiefbau an der Universität Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. «Damals habe ich bei Selbstmordattentaten zwei Freunde verloren, direkt vor dem Universitätsgebäude.» Weil er nicht der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) dienen wollte, landete er im Gefängnis. Es gelang ihm, in die Türkei zu flüchten. Dort schickten die Grenzwächter ihn wieder zurück nach Afghanistan, doch dies hat seinen Willen nicht gebrochen: Er startete einen zweiten Versuch und reiste mit einem Schlepper und auf einem Gummiboot bis nach Griechenland. Nach Aufenthalten in neun europäischen Ländern landete er in der Schweiz. Er lebte in den Asylzentren von St. Gallen, Basel und Düdingen. In Freiburg kam er in Kontakt mit Studenten, die ihn in eine WG aufnahmen. Insgesamt sechs negative Asylentscheide erhielt Ali Yousufi, weil für die Amtsstellen sein ehemaliger Wohnort Kabul als sicher galt. Schliesslich erhielt er doch einen Ausweis F – vorläufig aufgenommener Flüchtling. «Ich wurde oft als Terrorist abgestempelt, weil ich aus Afghanistan komme. Die Familie Baechler hat mir eine echte Chance gegeben.» Es sei ihm wichtig, dass die Leute keine Angst vor den Flüchtlingen haben. «Wir sind Menschen wie die Schweizer auch. Viele von uns haben Schreckliches erlebt und hoffen hier auf ein normales Leben.»

jp