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Sexueller Missbrauch: Psychologische und kirchenpolitische Sicht

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Autor: walter buchs

Unter dem Titel «Zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in Kirche und Gesellschaft – eine psychologische und eine kirchenpolitische Sicht» laden zwei Lehrstühle der Theologischen Fakultät zu einer öffentlichen Abendveranstaltung ein. Der Freiburger Moraltheologe und Ethiker Adrian Holderegger, der zusammen mit dem Pastoraltheologen Michael Felder einlädt, gibt im FN-Interview einen Einblick in die Thematik.

Warum laden Sie zu dieser öffentlichen Vortragsveranstaltung ein?

Die Lehrer der Theologie sehen sich in der augenblicklichen Lage ebenfalls in einer besonderen Verpflichtung, die vielen ungelösten Fragen entschlossen anzugehen. Wir verstehen diesen Anlass als einen Teil all jener Anstrengungen im kirchlichen Raum und darüber hinaus, die darauf abzielen, über das Vorgefallene vorbehaltlos nachzudenken, Ursachen zu klären und Massnahmen in die Wege zu leiten.

Die Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen, die in letzter Zeit öffentlich wurden, haben in eine der schwersten Krisen der katholischen Kirche der letzten Jahre geführt. Das Vertrauen in die katholische Kirche ist mancherorts zutiefst erschüttert. Ebenso steht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Um aus diesem dunklen Teil der jüngeren Geschichte herauszufinden, haben auch wir als Theologen – um nicht zu sagen: die Theologische Fakultät – unseren Beitrag zu leisten

Wie ergab sich die Auswahl der Referenten?

Zu den psychologischen Deutungsversuchen, wie sexualisierte Gewalt im Schutz der Kirchenmauern möglich ist, haben wir den renommierten Theologen und Psychologen Wunibald Müller, Würzburg, eingeladen (siehe Kasten). Er hat sich verschiedentlich zu dieser Thematik prominent geäussert.

Zur Frage des kircheninternen Verarbeitungsprozesses und zu den Konsequenzen, die aus diesen Ereignissen zu ziehen sind, haben wir Abt Martin Werlen, Einsiedeln, gewinnen können. Er ist der Verantwortliche der Schweizer Bischofskonferenz in diesem Bereich.

Sie sind Moraltheologe. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen und der traditionellen Sexualethik der Kirche?

Die Moraltheologie ist natürlich von der Behauptung bzw. Vermutung besonders betroffen, es bestünde ein Zusammenhang zwischen den Missbrauchsfällen und der traditionellen kirchlichen Lehre zur Sexualität. Ich glaube nicht, dass ein direkter Zusammenhang hergestellt werden kann. Aber selbstkritisch muss man gestehen, dass die kirchliche Lehre in den letzten Jahren allzu sehr auf die bekannten Themen (Geburtenregelung, voreheliche Sexualität) fokussiert war. Und damit waren doch wohl andere Seiten der Thematik ausgeblendet.

Das bedeutet: Wir haben in den nächsten Jahren entschlossen eine zukunftsfähige Sexualethik anzugehen. Insbesondere gilt es, die Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen sexuellen Prägungen und den damit zusammenhängenden Lebensformen zu klären. Im Grunde genommen stellen uns die Vorkommnisse neu vor die Frage: Was heisst reifer und verantwortlicher Umgang mit der Sexualität?

Wo orten Sie denn Gründe für die aufgedeckten Übergriffe an Minderjährigen? Etwa im Zölibat?

Die Ursachen für ein solches Verhalten sind komplex. Das gilt für gesellschaftliche wie für kirchliche Verhältnisse. Einfache Erklärungen müssen hier versagen. Auch wenn der Pflichtzölibat in der katholischen Kirche gerade auch in dieser Hinsicht eigene Probleme aufwirft, so kann der pädosexuelle Missbrauch kaum ausschliesslich und direkt auf den Zölibat zurückgeführt werden. – Ich glaube übrigens nicht, dass die Verpflichtung auf den Zölibat und der Zugang zum Priestertum in dieser Form erhalten bleiben muss.

Erfahrene Psychologen weisen aber darauf hin, dass es sich eher um Defizite in der psychosexuellen Reifung handelt. Es ist jedoch möglich, dass die zölibatäre Lebensform Menschen mit einer besonderen geschlechtlichen Ausprägung vorzugsweise anzieht. Hier sind Konsequenzen für die Ausbildung und für die spätere Berufsausübung zu ziehen. Die Kirchen und ihre Verantwortlichen stehen hier in der Pflicht.

In der Realität ist der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen nicht bloss ein kirchliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Was ergibt sich daraus?

Das trifft zweifellos zu. Es ist nicht zu vergessen, dass ein kleinerer Teil der Fälle in kirchlichen Institutionen stattfindet. Doch zu Recht finden Missbrauchsfälle, in denen kirchliche Amtspersonen und kirchliche Angestellte beteiligt sind, mehr Aufmerksamkeit. Denn hier wird ein spezielles Vertrauen missbraucht, weil ein spezieller moralischer Anspruch erhoben wird. Hier gibt es nichts zu beschönigen.

In allen gesellschaftlichen Bereichen (Sportvereinen etc.) und Berufsgattungen (Lehrerschaft, Ärzteschaft etc.) ist aber Aufklärung, Aufdeckung, Diskussion und das Ergreifen entsprechender Massnahmen erforderlich. Also besonders dort, wo Nähe und Intimität zu Kindern und Jugendlichen gegeben ist.

Wir müssen die «Schweigespirale» verlassen, wie auch die Angst vor Skandalen – nicht bloss in den kirchlichen Institutionen, sondern in der ganzen Gesellschaft. Da muss Transparenz geschaffen werden. Mit unserer Veranstaltung möchten wir einen Beitrag leisten.

Gibt es «hoffnungsvolle Zeichen»?

In der Tat gibt es eine erhöhte Sensibilität gegenüber körperlichen und seelischen Verletzungen von Kindern und Jugendlichen. Das sind hoffnungsvolle «Zeichen der Zeit», dass daraus neue Konzepte des Umganges und ein entsprechendes Handeln erfolgen.

Es ist zu hoffen, dass sich hier alle Kräfte unserer Gesellschaft, zum Beispiel Pädagogen, Sexualmediziner und Therapeuten beteiligen. Wir dürfen aber nicht vergessen: Die dunklen Seiten des Menschen, in der Kirche wie in der Gesellschaft, werden bleiben. Es wäre aber fatal, wenn wir uns dieser Dimension nicht mehr stellen würden.

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