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Sie fordern Lebensraum und Verständnis

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Etwa dreissig Wohnwagen befinden sich auf einer Wiese nahe der Klinik Waldau in Bern. Vor den Wohnwagen stehen Tische, Stühle, ein Backofen. Es ist ruhig, nur die Autobahn in der Nähe rauscht. «So gut wie hier haben wir es nicht an vielen Orten», sagt Mike Gerzner. Der Mittzwanziger ist ein Fahrender und Präsident der Jenischen Bewegung, welche in den letzten Wochen auf der Kleinen Allmend für Aufruhr gesorgt hat. Bern hat den Jenischen nun den Platz im Wankdorf als Übergangslösung bis Ende August zur Verfügung gestellt. In den Wintermonaten lebt Mike Gerzner auf dem Standplatz in Posieux.

«Im eigenen Land verfolgt»

Mike und sein Onkel Claude Gerzner erzählen schnell und aufgeregt von der Demonstration auf der Allmend: Die Aktion sei nötig gewesen, sie hätten schliesslich nur ihr Recht eingefordert. «Nach Gesetz steht uns Platz zu, die Praxis sieht aber anders aus», sagt Mike Gerzner. «Wir werden in unserem eigenen Land verfolgt.» Letzten Herbst gründete er deshalb die Jenische Bewegung (siehe Kasten). Denn die Radgenossenschaft, die Dachorganisation der Fahrenden, habe sich zu wenig für ihre Interessen eingesetzt. «Wir hätten die Dachorganisation nicht ins Spiel gebracht, wenn die Medien das Thema nicht aufgegriffen hätten», sagt Mike Gerzner. Die Dachorganisation wird vom Bund finanziell unterstützt und hat unter anderem zum Ziel, Plätze für die Fahrenden zu finden. «Es ist aber wahr, dass sie versagt hat», sagt Claude Gerzner.

«Die Lage ist prekär»

«Das stimmt nicht», sagt Sandra Bosshard von der Geschäftsleitung der Radgenossenschaft. «Wir kämpfen seit 40 Jahren, aber die Bürokratie macht alles schwierig.» Der Bund schiebe die Verantwortung für Durchgangs- und Standplätze auf die Kantone, diese auf die Gemeinden und diese liessen die Einwohner entscheiden. «Und die sagen immer Nein.» Bosshard hält fest, dass die Anliegen der Jenischen Bewegung dieselben seien wie jene der Dachorganisation.

«Die Lage der Fahrenden ist prekär.» Deshalb bedaure sie die Vorwürfe gegenüber der Radgenossenschaft. «Es ist mühselig, denn wir sollten nicht gegeneinander arbeiten.» Die Demonstration auf der Kleinen Allmend habe die Öffentlichkeit aufgerüttelt, sagt sie, fügt jedoch an: «Es wird trotzdem nicht von heute auf morgen mehr Plätze geben.»

Mike und Claude Gerzner sehen das anders. Der Erfolg gebe ihnen recht, schliesslich hätten sie nun einen zusätzlichen Platz in Bern und in Biel, wenn auch nur vorübergehend. «Es geht uns nicht darum, die Radgenossenschaft schlechtzumachen», sagt Mike Gerzner. «Wir wollen einfach genügend Lebensraum und Verständnis für unseren Lebensstil.»

Ihr Lebensstil unterscheidet sich in mindestens zwei wesentlichen Dingen von jenem der «Sesshaften». Die Fahrenden ziehen mit ihren Wohnwagen umher, im Sommer bleiben sie zwischen zwei und vier Wochen an einem Platz, im Winter machen sie für etwa fünf Monate Halt. Ihre Arbeit ist nicht fix. «Aber wir arbeiten immer, wir bezahlen AHV und Steuern»: ein Satz, den Claude Gerzner mehrmals wiederholt. Er handelt momentan mit Textilien: Geht von Haus zu Haus und verkauft Kleider. Auch Mike Gerzner hausiert: Er macht Maler- und Spenglerarbeiten, hat auch schon mit Uhren und Schmuck gehandelt und Handy-Spiele entwickelt. «Wir gehen mit der Zeit.» Doch auch die traditionellen Arbeiten der Jenischen wie Messerschleifen, Korben oder Recycling seien gefragt. «Coiffeure, Bäcker, Metzger sind froh, wenn jemand ihre teuren Messer schleift», sagt Claude.

Bei der Frage nach der Arbeit schaltet sich Yolanda Gerzner, die Frau von Claude, ins Gespräch ein. «Wir müssen uns für alles rechtfertigen, das ganze Leben lang», sagt sie. Wenn ein Jenischer einen Mercedes fahre, müsse er sich dafür erklären, ihre Arbeit müssten sie rechtfertigen und sogar die Kleider. «Meine Söhne gingen immer mit sauberen Kleidern in die Schule, doch die Lehrerin sagte mir, ich solle sie anders anziehen, angepasster», sagt Yolanda Gerzner. «Ich konnte nicht verstehen, was an den Kleidern falsch war.» Darauf hat ihr Mann beantragt, die Kinder das ganze Jahr selbst zu unterrichten, was er jetzt auch tut.

«Meine Kinder sind gute Schüler», sagt die Mutter, fügt aber nach einer Pause an: «Die Bildung ist schon ein Problem.» – «Wie meinen Sie das?» – «Na ja, ich wurde in der Schule immer gehänselt, so dass ich kaum noch hinging. Ich kann nicht lesen und schreiben», sagt sie, den Blick auf den Boden gerichtet. Dann hebt sie den Kopf: «Meinen Kindern soll es besser gehen.»

Das Befremden der Sesshaften gegenüber den Jenischen schlage manchmal in blanken Hass über. «Eine Lehrerin nannte meinen Sohn vor der ganzen Klasse einen Trampel», sagt Yolanda Gerzner. Und in einer Gemeinde am Genfersee verteilten die Behörden im April 2013 ein Flugblatt: Sie rieten den Einwohnern, die Dienste der Fahrenden abzulehnen, damit die Gemeinde weniger attraktiv werde. «Das ist Diskriminierung», sagt Claude Gerzner.

 «Hinterlassen alles sauber»

Die drei vermuten, dass viele Leute die Jenischen mit den «Transitfahrenden», den ausländischen Roma, verwechseln. «Wir haben nichts gegen sie, aber wir teilen nicht gerne Plätze mit ihnen», sagt Mike Gerzner. Die Roma hätten eine andere Kultur und liessen ihren Abfall liegen. «So sind wir nicht, wir hinterlassen alles sauber.»

«Kein anderes Leben»

Trotz des Frustes, des oftmals vergeblichen Kampfes: «Für mich kommt ein anderes Leben nicht infrage», sagt Mike Gerzner. «Ich kenne nichts anderes, mir gefällt das.» Und deshalb macht die Jenische Bewegung weiter. Sie hat an alle Kantone ein Schreiben geschickt mit der Forderung nach Plätzen. «Wenn nötig, werden wir wieder demonstrieren.»

Zahlen und Fakten

Situation 2010 zuletzt analysiert

Mike Gerzner gründete den Verein «Jenische Bewegung» im letzten Herbst. Der Grund: Sein Onkel Claude Gerzner wurde in Winterthur bestraft, weil er seinen und den Wohnwagen seiner Kinder auf die gleiche Parzelle gestellt hatte. Dieses Ereignis hat gemäss Mike Gerzner das Fass zum Überlaufen gebracht. Es gebe schweizweit viel zu wenig Plätze: Die Fahrenden brauchen Durchgangsplätze für den Sommer, wo sie sich bis zu einem Monat aufhalten, und Standplätze für den Winter, wo sie rund fünf Monate bleiben. Die vom Bund gegründete Stiftung Fahrende erfasste die Situation bei den Stand- und Durchgangsplätzen zuletzt 2010, damals gab es 14 Standplätze und 43 Durchgangsplätze. Die Zahl hat sich bis heute kaum verändert. Im Kanton Freiburg gibt es in Posieux einen Standplatz, ein Durchgangsplatz ist für 2016 in Vaulruz geplant. Im Jahr 2000 hatte der Bund ein Gutachten erstellt; dieses hielt fest, dass mindestens 80 Durchgangsplätze und 40 Standplätze notwendig wären. Die Zahl der Jenischen wird auf 25000 bis 35000 geschätzt, davon sind etwa 4000 bis 5000 Fahrende.mir

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