Höchste französische Liga 11.06.2016

Jonathan Kazadi wagt den grossen Sprung

Jonathan Kazadi: «Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass ich gleich in der Pro A beginne.»Bild awi/a
Olympic-Captain Jonathan Kazadi wechselt auf kommende Saison hin zu Orléans Loiret in die höchste französische Liga: für den 25-jährigen Basketballer eine grosse Herausforderung, für den Freiburger Club gut für die Visitenkarte der Nachwuchsbewegung – und ein herber Verlust.

Dass eine Medienkonferenz einberufen wird, wenn ein Spieler einen Club verlässt, ist ungewöhnlich. Gut möglich, dass das im Schweizer Basketball zuvor noch gar nie vorgekommen ist. Ein Beweis dafür, dass der Wechsel von Jonathan Kazadi zu Orléans Loiret kein alltäglicher ist. Der Unterschied zwischen der Nationalliga A und der französischen Pro A ist riesig, viel grösser als etwa im Fussball. Die Schweiz ist ein Basketball-Entwicklungsland, Frankreich ein Land mit grosser Basketballtradition, die Liga eine der besten Europas.

Und so war an der kurzfristig einberufenen Medienkonferenz bei den Verantwortlichen des Clubs gestern tatsächlich keine Spur von Groll zu verspüren. «Für uns ist es unglücklich, aber wir sind sehr glücklich für ihn», beschrieb Olympic-Präsident Philippe de Gottrau die Stimmungslage. Trainer Petar Aleksic umarmte seinen Spielmacher gar. «Ich bin sehr stolz auf ihn. Er ist in dieser Saison mental deutlich stärker geworden und hat seine Wurfqualität klar verbessert. Immer wieder hat er in entscheidenden Situationen wichtige Würfe getroffen. Er ist bereit für den nächsten Schritt und ist in meinen Augen ein Spieler, der nun auf ein nächstes Level gehievt werden muss.»

 «Stolz und glücklich»

Eigentlich wäre Kazadi noch ein Jahr in Freiburg unter Vertrag gestanden. Doch der gebürtige Berner hatte sich eine Ausstiegsklausel für ein Engagement im Ausland in den Vertrag schreiben lassen. «Ich sage ohnehin allen Spielern immer, dass wir sie gerne ziehen lassen, wenn sie wirklich gute Angebote erhalten. Und hier handelt es sich ja nicht um das Angebot irgendeines B-Teams», so Aleksic. Genau gesagt handelt es sich um das Angebot des Tabellenelften der abgelaufenen Meisterschaft. Einem Club aus der 120 000-Einwohner-Stadt Orléans, die gut 100 Kilometer südwestlich von Paris liegt. Einem Team, das die Heimspiele regelmässig vor 5500 Zuschauern austrägt.

Kazadi wirkte gestern selbst noch ein wenig überrumpelt von den Geschehnissen. «Es ging alles sehr schnell. Momentan bin ich einfach nur stolz und glücklich. Es kommt selten vor, dass ein Schweizer von der eigenen Liga direkt in die Pro A wechseln kann.» Der Letzte, dem das gelang, war der heutige NBA-Spieler Thabo Sefolosha, der 2003 von Vevey zu Chalon-sur-Saône wechselte. Ein weiterer Schweizer Spieler, der sich in der Pro A durchsetzte, war der Freiburger Harold Mrazek, der zwischen 2001 und 2006 für Villeurbanne spielte.

 «Sprung ins Ungewisse»

Allzu viele Gedanken über seine Rolle bei Orléans Loiret hat sich Kazadi noch nicht gemacht. Mit Trainer Pierre Vincent hat er noch nicht gesprochen, klar ist aber, dass er in der Teamhierarchie ganz unten wird beginnen müssen. «Es ist ein Sprung ins Ungewisse. Ich weiss jedoch, dass im Team für nächste Saison bereits viele Stammspieler stehen, ich werde mir deshalb meine Einsatzzeit hart erkämpfen müssen. Doch ich bin sehr motiviert, das zu tun.»

 Der Schweizer Nationalspieler hat einen Einjahres-Vertrag unterschrieben. «Ich hoffe, dass ich in dieser Zeit meinen Platz im Team finde und mich weiterentwickeln kann.» Nur zu gerne würde er über das Jahr 2017 hinaus in der Pro A bleiben. «Frankreich war schon immer eine Option, aber ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass ich gleich in der Pro A beginnen werde.» Kazadi spricht bereits seit Jahren davon, sich irgendwann im Ausland versuchen zu wollen. Nun ist in seinen Augen der richtige Zeitpunkt gekommen. «Nach zehn Jahren in Freiburg ist es Zeit für eine neue Herausforderung. Und mit dem Double-Gewinn kann ich zudem mit dem Gefühl von getaner Arbeit gehen», so Kazadi, der sich bei Aleksic dafür bedankte, dass er ihn zu einer wichtigen Stütze im Team machte und auch an ihm festhielt, als es mal weniger gut lief.

 Kazadi ist ein Produkt der Akademie Olympics. Der Berner wechselte 2006 bereits im Alter von 15 Jahren nach Freiburg und durchlief mit der Nachwuchsabteilung sämtliche Juniorenstufen. «Jonathan ist deshalb ein toller Botschafter des Clubs, sehr gut für die Visitenkarte unserer Nachwuchsbewegung», sagte Sportchef Alain Dénervaud. «Der Wechsel ist der Beweis für die gute und harte Arbeit–vom Spieler und vom Club.»

Arbeit steht für Kazadi auch nun wieder an. «Zunächst einmal werde ich die ganzen SMS beantworten, die ich erhalten habe», sagte er mit einem Schmunzeln. «Dann beginnt aber bald schon wieder die Vorbereitung. Im August startet die Kampagne mit dem Nationalteam. Und danach wartet eine lange, harte Saison auf mich …»

 

Auswirkungen: Ausländischer Ersatz?

So sehr sich gestern die Clubexponenten auch für Jonathan Kazadi freuten, für den Club ist sein Abgang ein grosser Verlust. «Wir verlieren eine wichtige Persönlichkeit und einen exzellenten Spieler. Einen Schlüsselspieler auf einer Schlüsselposition», sagte Olympics Sportchef Alain Dénervaud. Kazadi gehörte zu den wichtigsten Pfeilern des Meisterteams. Seine Statistiken: Pro Spiel 13,2 Punkte, 4,1 Rebounds und 4 Assists. Dies bei einer Trefferquote von 58 Prozent bei den Zweipunktewürfen und 43 Prozent von jenseits der Dreipunktelinie .

Es gibt keinen zweiten Aufbauspieler mit Schweizer Pass, der über die Klasse des MVP der vergangenen Finalserie verfügt. Gut möglich deshalb, dass für ihn ein ausländischer Ersatz her muss. Dennoch werde man wie angekündigt nur drei Ausländer verpflichten und nicht vier, wie das theoretisch möglich wäre, sagte Dénervaud. Vieles sei noch offen. «Wir wussten, dass ein Abgang Jonathans möglich ist, wir sind also nicht völlig unvorbereitet. Aber wir müssen nun erst einmal mit den Spielern, die letzte Saison unter Vertrag waren, sprechen, dann schauen wir weiter.»

Noch ist kein weiterer Abgang definitiv, die Zukunft von Roberto Kovac also noch genauso offen wie diejenige des Ausländertrios. fm